Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1221.

Die Blume von der Oder blüht am Rhein

Das Nationalmuseum Breslau ist mit seiner Ausstellung „Die Blume Europas“ zu Gast im Kölner Wallraf-Richartz-Museum

In jüngster Zeit besinnt man sich auch im Rheinland, wo man kulturell auf Paris und nach dem Krieg auf die USA eingestimmt war, daß Schwerpunkte der Klassischen Moderne in Osteuropa und in Ostdeutschland lagen: in Dresden (Künstlervereinigung „Die Brücke“), Breslau (Kunstakademie), Weimar und Dessau (Bauhaus) und natürlich in der Reichshauptstadt Berlin, der Kunstmetropole. In rheinischen Galerien tauchen nun immer mehr Künstler aus dem Osten auf, freilich viele unter ihnen, die ihren Wohnsitz in den Westen verlegt hatten. Und die Museen ziehen nach.

Gegenwärtig ist Breslau Gast in Köln. Im Rahmen der mehr als tausend Veranstaltungen des „Deutsch-Polnischen Jahres 2005/2006 findet bis zum 30. Juli im Kölner Wallraf-Richartz-Museum eine Ausstellung mit 80 Exponaten aus dem 1947 wiederentstandenen und seit 1970 „Nationalmuseum Breslau“ benannten Museum statt. Die Ausstellung des Museums, dessen Anfänge bis ins 16. Jahrhundert zurückgehen, trägt den Titel „Die Blume Europas“, den Namen, den der Historiker Nikolaus Hennel von Hennenfeld 1613 der Stadt Breslau gab.

Die Kölner Vernissage, an der rund 500 Gäste teilnahmen, stand im Zeichen der kulturellen Brücke Polen–Deutschland. Bemerkenswert, daß sich die polnischen Persönlichkeiten in ihren Ansprachen und in den Texten des Ausstellungskataloges jedwelchen nationalistischen Tons enthielten, die fruchtbare deutsch-polnische Vergangenheit unterstrichen und stets den Namen Breslau, nicht Wroclaw (wie das bei deutschen Medien öfters der Fall ist) gebrauchten. In seinem Grußwort sprach der Kulturminister der Republik Polen, Dr. Michal Kazimierz Ujadzowski, seinen Dank an die Veranstalter der Ausstellung mit den Worten aus: „Sie haben den Blick auf europäische Kunstschätze gelenkt, die die engen historischen und kulturellen Verbindungen zwischen unseren beiden Ländern ins Bewußtsein rufen. Auf dieser Grundlage bauen wir Polen und Deutsche gemeinsam das Europa den Zukunft.“

Breslau und Schlesien gehörten im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte zum Großmährischen Reich, zu Polen, Böhmen, Österreich und Preußen und wurden zeitweilig von den Mongolen und den Franzosen unter Napoleon) heimgesucht. Positive wie negative Niederschläge auf die Museen blieben nicht aus. Während des Zweiten Weltkrieges wurde Kunstgut ausgelagert, gab es Plünderungen, und die schlechten Lichtverhältnisse setzten manchem Gemälde zu. Im Bombenkrieg, dem 70 Prozent der Häuser Breslaus zum Opfer fielen, litten natürlich auch historische Gebäude, Museen und andere Kulturstätten. Auch das 1947 neu errichtete Museum Breslau, das heute als Nationalmuseum firmiert, legt davon Zeugnis ab, und die Kölner Ausstellung mit dem Titel „Die Blume Europas“ repräsentiert es auf vorzügliche Weise.

Neben den Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen aus dem Mittelalter über Renaissance und Barock bis zur Neuzeit italienischer, niederländischer, österreichischer und deutscher Meister beherrscht das Museum nun auch eine Abteilung polnischer Künstler aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, deren Namen und Kunst dem deutschen Publikum kaum bekannt sein dürften.Von hier spannt sich der Bogen zu den deutschen Kollegen aus Schlesien und zu jenen, die, von der Kunststadt Breslau angezogen, hier bis zu ihrem Tode tätig waren, beispielsweise Adolf Dressler (Breslau 1833–1881), Georg Pencz (gest. in Breslau 1550), Tobias Fendt (gest. 1576), Adalbert Woelfi (gest. 1896). Aus dem benachbarten Böhmen stammen Anton Kern, aus Sachsen Ludwig Richter, Ferdinand von Rayski, Max Wislicenus, aus Ostpreußen Lovis Corinth und Michael Lucas Leopold Willmann. Sie alle sind in der Kölner Ausstellung mit hervorragenden Werken vertreten, und damit wird auch auf künstlerischem Gebiet eine Brücke zwischen Deutschland und Polen gebaut.

Bekanntlich mußte die deutsche Bevölkerung bei Kriegsende Breslau und Schlesien verlassen, besiedelten Polen die schlesische Hauptstadt. Seither sind 60 Jahre vergangen. Die Veranstaltungen des Deutsch-Polnische Jahres, auch die Kölner Ausstellung, weisen neue friedliche Wege auf kulturellem Gebiet. Wer diese Ausstellung nicht besuchen kann und sich über „Das Nationalmuseum in Breslau vor dem Hintergrund der Geschichte der Breslauer Kunstmuseen“ und „Die zeitgenössische Kunst im Nationalmuseum in Breslau“ unterrichten lassen möchte, dem steht der reich bebilderte Ausstellungskatalog (228 Seiten, 29,90 Euro) zur Verfügung mit den Beiträgen zu diesen Themen von Piotr Lukaszewicz und Barbara Ilkocz. Es wäre zu begrüßen, wenn diese repräsentative Ausstellung auch in anderen deutschen Städten gezeigt würde.

Günther Ott (KK)

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