Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1345.

Die Deutsche Sprengchemie sprengt nicht mehr

Im Museum der Stadt Geretsried wird ihr ehemaliger Standort urbar gemacht für das Wissen um die Versprengten von einst

Die-Deutsche-SprengchemieNach mehrjähriger Sanierungs- und Konzipierungsphase wurde am 4. Oktober 2013 das Museum der Stadt Geretsried in zwei sanierten, durch einen Gang miteinander verbundenen Gebäuden eröffnet. Die Geschichte der jüngsten Stadt im Landkreis mit Bewohnern unterschiedlichster Herkunft wird hier anschaulich in verschiedenen Themenschwerpunkten vermittelt.

Im Eingangsbereich zeigt eine große Übersichtskarte die Gebiete, in denen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Deutsche lebten, die von dort flüchten mussten oder vertrieben wurden. An Hörstationen berichten vier Personen über ihre Ankunft in Geretsried. Es folgt ein kurzer historischer Rückblick auf die Schwaige Geretsried, die durch kahle Baumstämme visualisiert wird. Hier gab es vor rund 80 Jahren bis auf wenige Bauernhöfe nur Wald – den Wolfratshauser Forst.

Vertreibungsschicksal lässt sich anhand der Bilder auch geometrisch bemessen, wenn man weiß, dass das Umzugsgut einer heutigen Durchschnittsfamilie 33 Kubikmeter Laderaum benötigt.

In diesen wurden in den 1930er Jahre die Betriebe Dynamit Aktiengesellschaft – Fabrik zur Verwertung chemischer Stoffe und die Deutsche Sprengchemie gebaut. Die Infrastruktur dieser Werke und deren Spätfolgen sind heute noch im Stadtbild erkennbar.

Das Ausmaß der beiden Werke mitsamt Wohnlagern wird auf einer großen, hinterleuchteten Karte im Raum „Rüstungsbetriebe“ sichtbar. Filme und Fotos vermitteln anschaulich Ursache und Wirkung des Nationalsozialismus. Dessen Kapitulation folgte die im Potsdamer Abkommen beschlossene Vertreibung, die als „Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind“, nüchtern beschrieben wurde.

Ein langer, untemperierter, leicht ansteigender Flur führt den Besucher auf den Weg ins Ungewisse. Eine Kiste soll mit der Aufforderung: „Packe dein Leben in eine Kiste“, zum Nachdenken anregen. In Guckfenstern sind Ansichten der alten Heimat zu sehen – ein letzter Blick zurück, gestalterisch umgesetzt mit kleinen Sichtschlitzen im Bretterverschlag, der an die Vertreibungswaggons erinnert. Daneben fällt der Blick auf einen Treckwagen, mit dem die Familie Farkasch 1945 mit rund 30 weiteren Familien aus Pusztavam in Ungarn hier ankam. Das wenige Hab und Gut auf dem Treckwagen verschwindet optisch geradezu angesichts des Riesencontainers, in dem er sich befindet. Dieser Container dient als Vergleichsmaß für das Umzugsgut einer heutigen Durchschnittsfamilie, die ein Volumen von rund 33 Kubikmetern benötigt.

Es folgen im Haupthaus die Themen der Ankunft in Geretsried mit dem Lager- und Barackenleben. Nach einem chronologischen Schnitt geht der Blick in die alte Heimat zurück: Was haben die Heimatvertriebenen mitgebracht? Welches Können, welche Fertigkeiten, welches Wissen hatten sie?

Die Schwerpunkte etwa des Egerlands umfassen die Tachauer Holzverarbeitung, die von der Firma Lorenz in Geretsried weitergeführt wurde, die Bäderkultur sowie die Graslitzer Spitzen- und Musikinstrumentenindustrie. Per Knopfdruck lassen sich an einer Hörstation einzelne der ausgestellten Instrumente anhören, die schließlich zu einem gemeinsamen Marsch zusammengeführt werden. Für Donauschwaben wird aus dem Bereich Landwirtschaft der Weinbau thematisiert sowie das bäuerliche Leben und Arbeiten. Der Blaudruck steht dabei für das ländliche Handwerk.

Im Obergeschoss des Hauptgebäudes finden sich in der Abteilung „Schlesien“ die Themenschwerpunkte Bergbau sowie Glaube und Wissenschaft. Im letzten Abschnitt folgen Bilder und Informationen zu den Siebenbürger Sachsen mit ihren zum Weltkulturerbe erkorenen Kirchenburgen. Ebenfalls aus Siebenbürgen, aus Agnetheln im Harbachtal, stammt der Brauch des „Urzellaufs“, der seit über 20 Jahren alljährlich am Faschingsdienstag auf dem Markplatz in Geretsried aufgeführt wird. Ihm ist ein eigener Raum gewidmet. Auch hier wird Kultur sichtbar, die in Geretsried weiterbesteht.

Die Museumskonzeption ist darauf ausgerichtet, auf das Schicksal von Millionen von Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg hinzuweisen und es in Erinnerung zu behalten. Sie zeigt auf, dass Krieg, Flucht und Vertreibung nach wie vor präsent sind und jede Generation mit diesen Herausforderungen der Geschichte leben und sie – so human wie möglich – meistern muss. Als Botschaft an die Jugend wird vermittelt, dass mitgebrachtes Wissen und Können das Fußfassen in einer neuen Heimat wesentlich erleichtern.

Anita Zwicknagl (KK)

Museum der Stadt Geretsried, Graslitzer Straße 1, 82538 Geretsried, Telefon 08171/629827.

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