Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1354.

Die dort gewesen sind, sie sind nicht mehr

Jubiläum des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien und Tagung zur Sowjetdeportation 1945 in Hermannstadt

Die-dort-gewesen-sind1Hermannstadt ist nicht eine, sondern mindestens zwei Reisen wert. Man kann hier nämlich nicht nur europäische Wirklichkeit erkennen, sondern zu allem, was diese Wirklichkeit ausmacht, gleich auch das Gegenteil, das sie mit ausmacht, und das nicht erst beim zweiten Mal. Als hätte sich der historisch-dialektische Materialismus, mit dem auch hier seinerzeit Schüler und Studenten traktiert wurden – „Werktätige“ nicht minder, aber praktischer –, diese Stadt zur Stätte seiner Rache dafür gekürt, dass man ihm die Deutungshoheit entzogen hat. Die Zwiespälte kommen auf einen zu, sie gehen einen an in des Wortes zwiefacher Bedeutung.

Die Stadt ist ein herrliches Erlebnis, die abgelegeneren Gassen ein bröckelndes Denkmal sozialistischer Verlotterung, der Große Ring ist so groß, wie ihn die einstmaligen Stadtväter gar nicht gedacht haben können, die Rentner mit ihren zerknitterten Plastiktüten auf dem Markt sind so gebückt, dass man an ihren Kühlschrank und an die Gasrechnung denken muss, das Brukenthal-Museum ist so imponierend, dass der Gubernator der Maria Theresia auch heutigen Tags stolz sein könnte, der deutsche Bürgermeister ist rumänischer Präsident geworden, ein Zeichen rumänischen Stolzes und rumänischer Verzweiflung ebenso.

Und die Ausstellung zu den deutschen Minderheiten in Rumänien im besagten Museum zum 25jährigen Jubiläum des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien ist ein Ereignis, wie es die deutschen Minderheiten nicht mehr sind, nicht mehr sein können, gemindert auf einen Restbestand. Erst recht zum Ereignis macht die Bestandsaufnahme eine Panne vor der Eröffnung. Der deutsche Flieger des deutschen Außenministers liegt in Bukarest am Boden, der deutsche Präsident Rumäniens organisiert einen Hubschrauber und kommt gleich mitgeflogen, ebenso der rumänische Außenminister. Selbdritt kümmern sie sich in zwei Sprachen, Klaus Johannis sogar zweisprachig, um eine feierliche Eröffnung wie zur Illustration dessen, was Paul Jürgen Porr, der Vorsitzende des Forums, bei dieser Gelegenheit sagt: Die Deutschen in Rumänien seien stets ein Katalysator der Verständigung gewesen.

Klaus Johannis, der deutsche Bürgermeister von Hermannstadt, ist rumänischer Präsident geworden, ein Zeichen rumänischen Stolzes und rumänischer Verzweiflung ebenso.

Anders, dramatisch anders war das allerdings in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als sie auf der aus Deutschland herüberbrandenden nationalistischen Welle schwammen, um schließlich, nachdem Rumänien 1944 auf die Seite der Sowjetunion gewechselt hatte, umso dramatischer unterzugehen: Im Winter 1944/45 wurden auf Befehl Stalins etwa 120 000 Menschen aus Südosteuropa zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Es handelte sich dabei um Menschen aus den deutschen Minderheitengruppen Jugoslawiens, Rumäniens und Ungarns, die in der Sowjetunion, vor allem in den Sowjetrepubliken Ukraine und Georgien, Wiederaufbauleistungen für vom Deutschen Reich verursachte Schäden erbringen sollten.

Deportiert wurden die Frauen im Alter von 18 bis 30 und die Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren, die dort bis zu fünf Jahren festgehalten wurden. Etwa 30 000 von ihnen starben während der Deportation an Unterernährung, Entkräftung und Seuchen. Nach einer ersten Entlassungswelle 1946 blieben die Lager bis 1950 bestehen. Die Menschen, die danach in ihre inzwischen kommunistischen Heimatländer zurückkehrten, durften dort über das Thema nicht sprechen.

Die-dort-gewesen-sind2Darüber nun sprachen an den beiden Tagen nach der Feier des Forums in Hermannstadt Zeitzeugen, Wissenschaftler, Politiker, Schriftsteller. Der letzteren einer, Joachim Wittstock, Hermannstadt/Sibiu, las aus seinem Roman „Bestätigt und besiegelt“ den Satz, der als Motto dieser Veranstaltung hätte gelten können: „Er konnte es nicht nur so dahersagen, und doch, warum hätte er es nicht nur so dahersagen sollen?“ Schließlich konnte sich eine jede und ein jeder der vom Forum, der evangelischen Kirchengemeinde Hermannstadt und der Berliner Deutschen Gesellschaft e. V. Geladenen einverstanden erklären mit der Aussage des Minderheitenbeauftragten der Bundesregierung, Hartmut Koschyk, Berlin: Wir verwechseln Ursache und Wirkung nicht. Ebenso gilt das Wort des Bischofs der evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, Reinhart Guib, Hermannstadt: Die rumäniendeutschen Deportierten haben einen Teil der Gesamtlast des deutschen Volkes getragen.

Dass auch diese Deutschen Schuld auf sich geladen haben, wurde mitnichten vergessen, die Historikergilde, vertreten durch Hannelore Baier, Hermannstadt, Claudiu Sergiu Calin, Temeswar/Timisoara, Cristian Cercel, Bukarest/Bucuresti, Rudolf Gräf, Klausenburg/Cluj, Konrad Gündisch, München, und Renate Weber-Schlenther, Oldenburg, sorgten für nachhaltig nachhallende Fragen, die nicht nur in die Vergangenheit dieser Bevölkerungsgruppe, sondern auch in ihr Selbstverständnis, ja in das Selbstbewusstsein eines jeden ausgreifen, der sich ihr zwar zugehörig, aber darin nicht immer heimelig aufgehoben fühlt.

Paul Philippi, Hermannstadt, der Theologe und Ehrenvorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, mit Fug und Recht als Doyen der Siebenbürger Sachsen tituliert, machte die Einzigartigkeit des historischen Moments 1940–1945 an zwei Aspekten fest: Es sei die singuläre Zeitspanne gewesen, in der die Rumäniendeutschen ihre Loyalität dem andersnationalen Staat gegenüber aufgekündigt haben, die Deportation wiederum der einzige Akt der Diskriminierung wegen Volkszugehörigkeit, den dieser Staat sich habe zuschulden kommen lassen. Konrad Gündisch wies anhand des Beschlusses des Staatlichen Verteidigungskomitees der Sowjetunion Nr. 7161 vom 10. Dezember 1944 nach, dass Stalin weder Rumänien noch Ungarn eine Wahl gelassen habe. Grotesk dialektisch wiederum, dass Donauschwaben aus dem Tito-Jugoslawien fast von Glück hätten reden müssen, wenn sie deportiert und nicht in einem „heimatlichen“ Lager umgebracht wurden.

Der laut Georg Büchner „grässliche Fatalismus der Geschichte“ war unfassbar in seiner Grausamkeit, gleichwohl muss er heute fassbar gemacht werden, wieder und wieder, in Daten, Fakten, mit Worten und Werken der Wissenschaft und der Literatur. Rudolf Gräf ist bemüht, ihn den Studenten zu vermitteln, Elfriede Dörr, Hermannstadt, leistet historische Aufklärung nicht zuletzt im Rahmen der eigenen jungen Familie, Elke Sabiel ist aus Deutschland nach Temeswar gezogen, um als Ehrenvorsitzende des Vereins der ehemaligen Russlanddeportierten älteren Leuten zu helfen – auch beim Tragen ihrer Erinnerungen. Wie stoisch, ja heroisch manch eine/r das heute noch bewältigt, demonstrierte der Temeswarer Theologe Ignaz Bernhard Fischer, der sie zu sprühender Vitalität umzumünzen vermag.

Ein Panorama literarischer Arbeiten zum Thema entfaltete Michael Markel, Nürnberg, und wurde sekundiert von Joachim Wittstock und Eginald Schlattner, dem predigenden und dichtenden Seelsorger aus Rothberg/Rosia bei Hermannstadt. Der Dokumentarfilmer Günther Czernetzky, München, lässt jene zu Wort kommen, denen jahrzehntelang versagt war zu sagen, was und wie sie gelitten haben. Es sind viele, oft bebende Stimmen, die dieses meist vernachlässigte Kapitel des „deutschen Opfernarrativs“ (Cristian Cercel) erzählen. Hier hörte man ihnen andächtig und nachdenklich zu, eine späte Genugtuung, zu spät.

Auch hier, auch in Sachen Genugtuung und Wiedergutmachung, tut sie sich nämlich wieder auf, die – bleiben wir bei dem Allerweltswort – dialektische Kluft, die einen in jenen Gefilden mal angrinst, mal bedrohlich angähnt, ob auf dem Großen Ring oder dem kleinen Gemüsemarkt: Aufmerksam verfolgte die Tagung der Anwalt, Bundestagsabgeordnete und Präsident des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius, der als Verbandsvorsitzender der Siebenbürger Sachsen mit etlichen rumänischen Regierungen eine Entschädigung von deren Seite ausgehandelt hat, die seit etwa zwei Jahren ausgezahlt wird. Für jedes in der eigenen Arbeitsakte nachgewiesene Deportationsjahr – und sie wurden von den kommunistischen Behörden getreulich verzeichnet! – erhalten die Opfer an die 50 Euro monatlich. Dazu müssen sie halbjährlich eine Lebensbescheinigung vom Einwohnermeldeamt ihres Wohnorts einbringen.

Die allermeisten sind schon vor Jahren gestorben.

Georg Aescht (KK)

«

»