Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1237.

Die ernste Güte der Gelehrsamkeit

Wilfried Schlau zum 90. Geburtstag

Wenn man Wilfried Schlau begegnet und ihn sprechen hört, fühlt man sich sofort in den Kreis der Deutschbalten in Kurland versetzt. Seine große Gestalt, die ernst blickenden Augen, sein hartes Baltendeutsch verbinden sich mit liebenswürdigem Entgegenkommen und nachdenklicher Zurückhaltung. In der Tat: Der Lebensweg Wilfried SchIaus macht ihn zum Repräsentanten des Schicksals der Baltendeutschen.

Geboren wurde er 1917 im zaristischen Rußland, in Welikij-Ustjug, weil sein Vater aus dem russischen Gouvernement Kurland dorthin zwangsversetzt worden war. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges konnte die Familie in das nun zum Staat Lettland gehörende Kurland zurückkehren. Der Vater übernahm das Amt des Direktors am Deutschen Gymnasium in Mitau. Sohn Wilfried verbrachte hier seine Kindheit und Jugend und begann eine Ausbildung an der landwirtschaftlichen Akademie Lettlands.

Der Hitler-Stalin-Pakt besiegelte das Ende des Deutschtums in den baltischen Ostseeprovinzen. Die Familie Schlau kam im Zuge der Umsiedlung der 62 000 Deutschbalten nach Deutschland.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Wilfried Schlau in Hohenheim das Studium der Agrarsoziologie auf, das er 1952 mit der Promotion beendete. Er schlug die wissenschaftliche Laufbahn ein, war 1970/71 als Dozent an der Stabsakademie der Bundeswehr in Hamburg tätig, wurde 1971 zum ordentlichen Professor für Soziologie an der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Rheinland-Pfalz, Abteilung Worms, berufen und folgte 1979 einem Ruf als ordentlicher Professor für Soziologie und Sozialgeschichte an die Universität Mainz. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1985.

Die Liste der wissenschaftlichen Veröffentlichungen Wilfried SchIaus ist umfangreich und imponierend, und sie macht deutlich, daß er sein umfassendes Fachwissen stets dafür einsetzte, die Kulturgeschichte der ehemals deutschen Ostgebiete und die schwierigen Neuanfänge ihrer früheren deutschen Bewohner im westlichen Deutschland in der Lehre und in Veröffentlichungen publik zu machen. Er folgte offensichtlich einem Motto seines böhmischen Kollegen Eugen Lemberger, der mahnte, die eigene „Ausweisung als Schicksal und Aufgabe“ zu begreifen.

Der Einsatz für die Kulturarbeit der Heimatvertriebenen verfestigte sich, als Wilfried Schlau von 1968 bis 1970 als Geschäftsführer des Ostdeutschen Kulturrats tätig war. In Zusammenarbeit mit dem damaligen Präsidenten, Professor Dr. Hans Joachim von Merkatz, wurden das Selbstverständnis und die Arbeit des Ostdeutschen Kulturrats neu definiert und organisiert. In einer Grundsatzerklärung von 1969 stellte von Merkatz fest: „Der Ostdeutsche Kulturrat versteht sich heute nicht als Vertriebenenorganisation. Er kann und darf es schon deshalb nicht, weil die Bewahrung und Fortenwicklung des ostdeutschen Kulturerbes keineswegs allein Aufgabe der Vertriebenen und Flüchtlinge ist. Die Bedeutung dieser Aufgabe weitesten Kreisen bewußt zu machen, gehört zu den wichtigsten Zielen, die wir verfolgen. Wir können dieses Ziel nur im Zusammenwirken mit den Alteingesessenen erreichen. Wir verstehen uns daher als eine Institution, in der Einheimische, Vertriebene und Flüchtlinge sich gemeinsam in den Dienst dieser im eigentlichen Sinne gesamtdeutschen Aufgabe stellen.“

Diese Intention entsprach ganz der Auffassung Wilfried Schlaus, der sich stets bemühte, das Wissen um ostdeutsche Geschichte und Kultur in breiten Bevölkerungskreisen bewußt zu machen sowie die notwendigen Sprachkenntnisse für das Gespräch mit Menschen in den östlichen Nachbarstaaten Deutschlands zu vermitteln. Im Zuge der Neuorientierung des Ostdeutschen Kulturrats wurde die Arbeit schwerpunktmäßig auf das publizistische Gebiet verlagert. Ab Oktober 1968 erschien die „Kulturpolitische Korrespondenz“ im neuen und im Grunde bis heute gültigen Konzept.

Wilfried Schlau, der dem Ostdeutschen Kulturrat als Vorstandsmitglied bis ins hohe Alter treu blieb, nahm auch die Mühe der Herausgeberschaft einer zwölfbändigen Buchreihe „Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche“ auf sich, die erst im Jahr 2005 fertiggestellt werden konnte. Der die Reihe abrundende allgemeine Band, 1996 erschienen und von Wilfried Schlau selbst herausgegeben, stellt eine umfassende „dokumentarische Bilanz“ dar, die noch einmal verdeutlicht, worauf es dem Jubilar immer ankam: Neben dem Rückblick auf die Geschichte und die Vorgänge um Flucht und Vertreibung muß die Schaffung der zukünftigen Lebensgrundlagen Hauptanliegen sein; denn „für eine dauerhafte Integration ist entscheidend, daß den Vertriebenen oder Flüchtlingen als Gesamtheit die erforderliche soziale Anerkennung zuteil wird. Dazu gehört auch die Möglichkeit uneingeschränkter Mitwirkung und Mitbestimmung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens und vielleicht sogar die Zuweisung einer neuen Aufgabe – einer Funktion, die den Verlust der Heimat und der Existenzgrundlage, die Flucht und die Vertreibung eher ertragen läßt.“ Darüber zu berichten und die in dieser Hinsicht getroffenen Maßnahmen zu analysieren ist ein wichtiges Anliegen des von Wilfried Schlau entscheidend mitgestalteten Bandes „Die Ostdeutschen. Eine dokumentarische Bilanz 1945–1995“.

Es zeigt sich, daß seine Worte auch heute noch und immer neu gültig und nachdenkenswert sind. Der Jubilar selbst hat seine Aufgabe aus seinem Schicksal heraus gefunden und in bewundernswerter Weise wahrgenommen. Viele ihm durch die ostdeutsche Kulturarbeit verbundene Menschen denken voller Dankbarkeit und Hochachtung an ihn und wünschen ihm zu seinem Geburtstag Glück, Gesundheit und Freude an seinem wohlgelungenen Lebenswerk.

Roswitha Wisniewski (KK)

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