Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1248.

Die Geschichte des Zuckers hat nichts Süßes

Jede Beschäftigung mit Schlesien wird spätestens im wirtschaftlichen Bereich auf das Stichwort Zucker gelenkt. Es ist nicht mal übertrieben, von einer Schlüsselindustrie des Landes zu sprechen. Schlesien besitzt mit ertragreichen Böden die Grundvoraussetzung für den Anbau von Zuckerrüben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand in Cunern, heute Kunary (Kreis Wohlau/pow. Wolowski) die erste industrielle Zuckerproduktion aus heimischen Rüben statt. Dieses Ereignis ist in Erinnerung geblieben und wird durch einschlägige Publikationen, durch Ausstellungen wie im Kloster Leubus an der Oder und durch eine Gedenkplatte am historischen Ort behandelt.

Die Zuckerproduktion in Schlesien entstand während der Kontinentalsperre, als Rohrzucker aus Übersee vom europäischen Markt ferngehalten wurde. Durch den heimischen Rübenzucker wurde aus einem hochpreisigen Importgut ein alltäglicher Konsumartikel. Die durch Welthandelsorganisationen erzwungenen Öffnungsklauseln für überseeischen Rohrzucker sollten den europäischen Markt verändern.

Horst-Dieter Loebner bemerkt in seiner neuen Veröffentlichung zu Recht, es gebe „noch immer keine Gesamtdarstellung der schlesischen Rübenzuckerfabrikation“. Das ist auch ein schwieriges Vorhaben. Loebner schränkt denn auch ein, es gehe ihm um die „Geschichte der einzelnen bis zuletzt bestehenden schlesischen Zuckerfabriken“. Solch ein Ansatz ist leichter zu realisieren, bedarf aber auch vielfältiger Erhebungen. Betrachten wir daher näher, wie er „eine Lücke (durch) die vorliegende Arbeit nach … Kräften ein wenig zu füllen versucht“.

Den zweiten Teil von Loebners Buch macht die wichtige und differenzierte Abhandlung von Gerhard Webersinn aus. Sinn und Zweck des unveränderten Nachdruckes aus dem Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität von 1973 hätte man erläutern sollen, von der Notwendigkeit einer Kommentierung oder eines ergänzenden Nachwortes ganz zu schweigen. Aus Loebners Feder stammt im ersten Teil das Kapitel über die zweite Gründungswelle schlesischer Zuckerfabriken im Spiegelbild eines regionalen Periodikums. Dieser Beitrag ist aber ebenfalls in einem vorherigen Band (1999/2000) bereits erschienen. An einem lokalen Beispiel führt er dann auf zehn Druckseiten aus, welches die wirtschaftlichen Modalitäten für eine kleine Fabrik zwischen etwa 1830 und 1850 waren.

Eigentlich neu ist der Versuch 38 detaillierter Fabrikschilderungen, nach Umfang die Hälfte des Buches umfassend. Absteigend sortiert nach der Produktionskapazität, werden Fabriken quer durch Schlesien beschrieben. Zuverlässig werden Daten und Fakten präsentiert, dabei detailliert Mitarbeiter, Mengenangaben und Darlegungen zur Rechtsform der jeweiligen Firma aufgeführt. Leider gibt es mit Ausnahme der am ausführlichsten behandelten Fabrik Heidersdorf (auch dieser 45seitige Beitrag ist wieder ein nicht gekennzeichneter eigener Nachdruck aus dem gleichen Periodikum von 1997/98) keine Quellenangaben in Fußnoten oder dem Beitrag zugeordnete Literaturhinweise.

Sieht man von den wenigen neueren Bildern ab, so erfährt man über den Betrieb der letzten 60 Jahre nichts. Mit Sätzen wie „Nach 1945 setzte die Zuckerfabrik Klettendorf ihren Betrieb fort“, „1945 fand die Produktion ein abruptes Ende“ oder „Die Fabrik überlebte das Inferno von 1945“ enden die Darstellungen. Aus dem Titel der Publikation ergibt sich ein gesamtheitlicher Anspruch. Muß man immer wiederholen, daß Schlesiens Geschichte nicht 1945 endet?

Die Produktionsgeschichte von Klettendorf bis zum Abriß 2002, die heutige Produktion in Gora Sl. (Guhrau) unter Leitung der Pfeifer & Langen AG oder in Pszenno (Weizenrodau) unter Leitung der Südzucker AG usw. hätte sich leicht nachzeichnen lassen. Nur bei Fraustadt gibt es wenige allgemeine Sätze zur jüngeren Entwicklung. Der eigentlichen Leistung einer Auswertung oder zumindest Berücksichtigung von Guts- und Fabrikakten, die insbesondere im Staatsarchiv Breslau und auch bei den Betrieben vorhanden sind, kommt Loebners Werk nicht näher. Auf neuem Stand ist das abschließende Literaturverzeichnis.

Alles in allem ist das Buch eine große Kompilation. Es wird also noch viele andere Kräfte brauchen, die erkannte Lücke ganz zu füllen. Loebners Buch ist Hilfe zum Sehen und Verstehen der Vergangenheit, doch nicht immer der Gegenwart. In jeder Hinsicht enttäuschend ist die schlechte drucktechnische Verarbeitung des Bandes. Ein überklebter Autorenname auf dem Buchrücken und das als Fotokopie eingeklebte Deckblatt sind noch das kleinste Übel gegenüber uneinheitlichem Druckbild bis hin zu schiefen Seiten und miserablen Abbildungen, was wiederum mit der einfachsten Papierqualität zusammenhängt. Das Thema hätte eine bessere Darstellung verdient.Genügend Anschauung bietet Schlesien in dieser Hinsicht noch heute. Eine Einstimmung bietet auch die vom Haus Schlesien in Königswinter ausgehende Dauerausstellung zu Aspekten der Zuckergeschichte, die im schlesischen Kloster Leubus/Lubiaz gezeigt wird, zwischen der mittlerweile stillgelegten Zuckerfabrik Maltsch und Achards Wirkungsstätte Cunern gelegen.

Horst-Dieter Loebner (Hg.): Die schlesische Rübenzuckerfabrikation. Scripta Mercaturae Verlag, St. Katharinen 2005, 432 S., Beihefte zum Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau, Bd. XIV, 40 Euro

Stephan Kaiser (KK)

 

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