Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1327.

Die Größe des Verlorenen wiederfinden

Die Ausstellung „Im Dienste der Menschheit. Bedeutende Persönlichkeiten aus dem historischen deutsche Osten“ im Landtag NRW

Gut Ding will Weile haben, auch wenn die Weile manchmal lang wird. Die Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR hat mit der Förderung durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) auf Betreiben des inzwischen verstorbenen Präsidenten Professor Dr. Eberhard Günter Schulz seine Ausstellung „Große Deutsche aus dem Osten“ unter dem zeitgemäßen Titel „Im Dienste der Menschheit. Bedeutende Persönlichkeiten aus dem historischen deutschen Osten“ vor Jahr und Tag zu dem machen können, was just Kultur und Medien gut brauchen können: einer Gesamtschau von prägenden Gestalten aus Kunst und Kultur und deren Leistungen, die aus dem Osten und aus Jahrhunderten in die Gegenwart strahlen. Die ebenfalls mit Unterstützung des BKM edierte Neuauflage des Begleitbuches vermag auch jenen, die eine öffentliche Präsentation nicht wahrnehmen können, einen nachgerade opulenten Einblick zu geben – Bestellungen beim OKR sind willkommen. Eine solche – ausnehmend würdige – Präsentation ermöglichte der Landtag des Landes Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, eröffnet wurde sie von der Landtagspräsidentin Carina Gödecke anläßlich eines Parlamentarischen Abends, und Auszüge aus der Einführung des OKR-Präsidenten Klaus Weigelt eröffnen anregende Ein- und Ausblicke.

Die deutsche Kultur im östlichen Europa ist seit Jahrhunderten gewachsen und hat zu einer Symbiose beigetragen, die vom Baltikum bis nach Siebenbürgen, von Masuren über Galizien bis ins Banat, von Pommern und Ostpreußen über Schlesien, Böhmen und Ungarn bis in die Karpaten ein friedliches Zusammenleben der dort lebenden Völker und Volksgruppen gewährleistete.

Wenn das mittlere und östliche Europa auch nicht frei blieb von kriegerischen Beeinträchtigungen – wie dem Dreißigjährigen Krieg oder den Feldzügen der Schweden, der Preußen und der Franzosen –, so war doch das Zusammenleben von Litauern und Polen, Ukrainern und Rumänen, Tschechen, Slowaken und Ungarn, von Österreichern, Deutschen, Juden und Roma in diesem Teil Europas im wesentlichen stabil und weitgehend von gegenseitiger Achtung geprägt.

Der Erste Weltkrieg aber und in seinem Gefolge die beiden menschenverachtenden Diktaturen des 20. Jahrhunderts führten zum Untergang dieser einst so großartigen Welt Mitteleuropas. Vor allem der barbarische Nationalsozialismus mit seiner Rassenideologie und seinem alles niederwalzenden Vernichtungswillen hat dieser Vielvölker-Symbiose in wenigen Jahren den Todesstoß versetzt und eine Region zurückgelassen, die nur noch wenige Erinnerungen an die einstige Pracht und Vielfalt des kulturellen Lebens zuläßt. Zahlreiche Bauwerke, wie das Königsberger Schloß, sind auf immer verschwunden; immense Kunstschätze, Bibliotheken und fast alle Synagogen sind zerstört; und natürlich das Leben – die Sprachenund Brauchtumsvielfalt, die einmalige Welt von Lemberg oder Czernowitz, Kaschau oder Temeswar – alles Vergangenheit. Karl Schlögel, der bekannte Zeithistoriker und Kulturjournalist, der in diesem Jahr den Menschenrechtspreis des Bundes der Vertriebenen erhalten hat, bringt es auf diese Formel: „Der Vergleich von Königsberg und Kaliningrad führt uns die Größe dessen vor Augen, was wir verloren haben.“

Wenn wir von Krieg und Verbrechen, von Zerstörung und Verlust sprechen, dann dürfen wir heute, mehr als 65 Jahre nach der Katastrophe, auch von dem sprechen, was aufgrund einer gnädigen Fügung bewahrt und erhalten blieb – wie der Barock im Banat, das Thomas-Mann-Haus in Nidden und einige von ihren Gemeinden erhaltene Kirchenburgen in Siebenbürgen – oder wiederaufgebaut wurde – wie die Marienburg, wie Danzig und Breslau oder zahlreiche Gutshäuser in Polen, das ohnehin vorbildlich ist im Bereich von Restaurierungen historischer Baudenkmäler. Erhalten geblieben sind auch die unzerstörbaren Lebensgeschichten und das Wirken bedeutender Persönlichkeiten aus dem historischen deutschen Osten, die „im Dienste der Menschheit“ ihr Leben führten und an die wir mit unserer Ausstellung hier im Landtag erinnern wollen. Sie sind Zeugen deutscher Kultur und Geschichte, aber vor allem Teil des gemeinsamen europäischen Erbes Mittel- und Osteuropas. Ich will zur Eröffnung einige Persönlichkeiten besonders hervorheben.

Vor 150 Jahren wurde in Wehlau bei Königsberg David Hilbert geboren. Er war ein Universalgenie in Mathematik und Physik und Professor in Königsberg und Göttingen. Seine 23 Probleme, die er im Jahre 1900 vor der Mathematischen Vereinigung in Paris vortrug, sind bis heute nicht vollständig gelöst. Jeder Mathematiker muß sich mit Hilbert beschäftigen.

Vor 70 Jahren wurde die Breslauerin Edith Stein in Auschwitz ermordet. 1942 ist das Jahr der Wannsee-Konferenz und zugleich das Jahr, in dem ganz Mittel- und Osteuropa mit dem Mordterror der Nationalsozialisten, dem Holocaust, überzogen wurde. Die Jüdin Edith Stein ließ sich als 31jährige taufen, wurde Nonne und eine bedeutende Mystikerin; sie lebte und arbeitete zunächst im Kölner Karmel und später im niederländischen Exil, von wo aus sie von den Nazis verschleppt und in Auschwitz vergast wurde.

Vor 60 Jahren starb der bedeutende Sozialdemokrat Kurt Schumacher aus Culm in Westpreußen. Er überlebte das KZ und stellte sich gleich nach dem Zusammenbruch für den Aufbau des neuen demokratischen Staates zur Verfügung. Entschieden lehnte er die Vereinigung seiner Partei mit der KPD, aber auch Adenauers Westintegration ab. Zusammen mit Paul Löbe verkörperte er die Kontinuität zwischen Weimar und Bonn. Natürlich muß bei dieser Gelegenheit an den Schlesier Gerhart Hauptmann erinnert werden, dessen 150. Geburtstag feierlich begangen wurde. Deswegen werde ich hier jetzt keine Eulen nach Athen tragen, aber ich nehme gern die Gelegenheit wahr und weise auf das Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Haus hin, das selbstverständlich den Jubilar gebührend würdigt.

Hier im Haus des Landtags ist es mir eine besondere Freude und Ehre, abschließend eines Mannes zu gedenken, der wie kein anderer mit der Geschichte des deutschen Parlamentarismus verbunden ist: Eduard von Simson, dem das Gerhart-Hauptmann- Haus in der hiesigen Bürgerhalle eine eigene Ausstellung gewidmet hat. Von Simson wurde 1810 in Königsberg geboren, war Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 für den Wahlkreis Königsberg und ab dem 3. April 1849 Präsident der Nationalversammlung; 1850 wurde er Präsident des Erfurter Unionsparlaments, 1860 Präsident des Preußischen Abgeordnetenhauses, 1867 Präsident des Norddeutschen und 1871 Präsident des Deutschen Reichstages; schließlich wurde er 1879 Präsident des neu errichteten Reichsgerichts in Leipzig. Ein wahrlich unglaublicher Lebensweg!

Es ist darum kein Wunder, daß Bundesregierung, Deutscher Bundestag und die Obersten Bundesgerichte dieser bedeutenden Persönlichkeit 1985 anläßlich des 175. Geburtstages von Simsons einen Festakt im Badischen Staatstheater Karlsruhe widmeten. Bundespräsident von Weizsäcker sagte in diesem Festakt: „Die Worte in der Präambel unseres Grundgesetzes von der Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands wirken wie ein Vermächtnis Eduard von Simsons. Dieser Königsberger jüdischer Abkunft spielte auf dem Weg von Freiheit und Einheit der Deutschen im 19. Jahrhundert eine prägende maßgebliche Rolle. … Als immer wieder gewählter Präsident der Volksvertretungen verkörperte er in entscheidenden Jahren das Prinzip demokratischer Legitimation, als Präsident des Reichsgerichtes das Prinzip des Rechtsstaates. Er gehörte zum Besten, was das oft geschmähte und doch atemberaubend interessante 19. Jahrhundert unter Deutschen hervorgebracht hat. Wir haben allen Grund, auch heute noch seinem Lebenswerk unsere Hochachtung zu bezeugen.“

Unsere Ausstellung beschert keinen Blick in eine verstaubte Vergangenheit, sondern öffnet einen lebendigen Aspekt europäischer Geschichte, der prägend ist bis heute und für die Zukunft. Odo Marquard hat einmal gesagt: „Es gibt keine Zukunft ohne Herkunft.“ In diesem Sinne empfehle ich, mit einem nochmaligen Dank alle, die sie ermöglicht haben, und aus unmittelbarem Anlaß an die Präsidentin des Landtags, diese Ausstellung der allgemeinen Aufmerksamkeit!

Klaus Weigelt (KK)

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