Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1389.

Die Heimat, die man verloren hat, erschreiben

Schriftsteller in Exil und Innerer Emigration als Gegenstand eines internationalen Germanistenkongresses in Polen

Die Maschine, deren Bedienung die höchste Anstrengung erfordert, produziert keinen Marktwert, sondern Werte: Hermann Broch
Bilder: Archiv

Bereits zum zweiten Mal fand ein internationaler Germanistenkongress zum Thema „Exilliteratur und Innere Emigration“ in Polen statt. 2014 war der Veranstaltungsort die Universität Posen, 2017 war es die Universität Lodz. Veranstalter waren die Universitäten Lodz, Posen, Königsberg/Kaliningrad, Gießen und Vechta und die Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft (IEWG).

Bei wissenschaftlichen Kongressen ist ein internationaler Standard bezüglich der Anzahl der Referenten vorgeschrieben. In Lodz wurden 23 Vorträge zu dem Thema „Schriftsteller in Exil und Innerer Emigration. Literarische Widerstandspotentiale und Wirkungschancen ihrer Werke“ gehalten, und es war erfreulich zu erleben, dass eine große Anzahl junger Gelehrter sich mit dieser Materie beschäftigen. In dem folgenden Bericht muss jedoch eine Auswahl getroffen werden.

Paul Michael Lützeler aus St. Louis ging auf die Begriffe „Exil“, „Emigration“ und „Innere Emigration“ ein, die noch immer nicht endgültig definiert sind. Das Exil widerfährt dem Menschen durch Fremdbestimmung, es ist eine Verbannung. Der Emigrant verlässt sein Land ohne die Absicht einer Rückkehr, auf die der Verbannte noch hofft. Eine solche Unterscheidung wäre auch bei den Begriffen „Innere Emigration“ und „Inneres Exil“ erforderlich. Lützeler stellte in seinem Vortrag „Inneres Exil: Hermann Brochs Völkerbund-Resolution von 1937 im Kontext“ einen Schriftsteller vor, der in einem „doppelten Exil“ lebte. Hermann Broch (1886–1951) wurde 1938 bei der Besetzung Österreichs inhaftiert, kam mit Hilfe ausländischer Freunde frei und emigrierte 1938 in die USA. Als Schriftsteller erlebte er einen Publikationsbruch, seine geistige Heimat verlor er durch den Wertezerfall einer bürgerlichen Gesellschaft. Der Referent legte ausführlich dar, dass Broch in der Resolution zum Völkerbund Begriffe wie „Menschenwürde“ und „Menschenrechte“ gebrauchte und definierte, die erst zehn Jahre später durch die Vereinten Nationen deklariert wurden. Den Tatbestand der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ machte er deutlich, der erst später beim Internationalen Gerichtshof festgelegt wurde.

Hermann Broch ist ein „Opfer des Exils“ wie Thomas und Heinrich Mann sowie Stefan Zweig. „Das Vaterland des echten Schriftstellers ist seine Sprache. Ihm allein ist die Gnade zuteil geworden, seine Heimat mit sich zu führen.“ Unter dieses Zitat stellte Marcin Golaszewski von der Universität Lodz, der Organisator des Kongresses, seinen Vortrag „Die Heimat, das Eigene und das Fremde in den Feuilletons von Joseph Roth“. Aber den vertrauten Sprachraum verlassen zu müssen war für die Exilautoren ein existentieller Verlust. In dem Vortrag von Andreas Solbach aus Mainz, „Thomas Mann in den politischen Auseinandersetzungen im Exil und in der Nachkriegszeit“, wurde deutlich, dass dieser sich als „Repräsentant der Literatur“ sah, erst recht nach der Verleihung des Nobelpreises 1929. Das Jahr 1933 habe ihn in seine größte Lebens- und Schaffenskrise gestürzt. Sein Statement: „Wo ich bin, ist die deutsche Kultur“, dürfe nicht als Anmaßung verstanden werden, sondern als „Schlachtruf“ im Kampf für ein „gutes Deutschland“.

Das Exil widerfährt dem Menschen durch Fremdbestimmung, es ist eine Verbannung. Der Emigrant verlässt sein Land ohne die Absicht einer Rückkehr, auf die der Verbannte hofft.

Stefan Zweig, geboren 1881 in Wien, wurde von Anna Wilk aus Lodz als Pazifist und Europäer vorgestellt. Seine Bücher wurden 1933 verbrannt, obwohl er nie etwas gegen Deutschland geschrieben hatte. Aber er war Jude, emigrierte 1938 nach England, von dort 1941 nach Brasilien, wo er sich 1942 das Leben nahm. Die Referentin charakterisierte einen Kosmopoliten, der Europa als seine Heimat empfand in einer Zeit, als der Kontinent noch nationalistisch eingeteilt war. Stefan Zweig zerbrach, als seine „geistige Heimat Europa“ der Barbarei verfiel.

Der große, nicht unbekannte Michail Bulgakow

Michail Bulgakow (1891–1940) wurde ein Opfer Stalins. Sein Roman „Der Meister und Margarita“ und seine phantastischen Erzählungen sind Weltliteratur, 2001 erschienen seine Tagebücher, die 1936 beschlagnahmt worden waren, seinerzeit ein schweres Trauma für Bulgakow. Stalin schützte ihn einerseits, zerstörte aber andererseits seine Karriere, ein zynisches Spiel, an dem der Dichter schließlich zerbrach. Jochen Klepper (1903–1942) wurde ein Opfer des Rassenwahns, weil er mit einer jüdischen Frau verheiratet war, mit der er 1942 Selbstmord beging. Nach dem Krieg kritisierte man ihn hart, weil sein Roman „Der Vater“ Wehrmachtslektüre gewesen war und er selbst Dienst bei der Wehrmacht getan hatte. Besonders aus der Schweiz sollen böse Worte gekommen sein, so die Referentin Anna Szyndler aus Czestochowa, die bei beiden Autoren die Tagebücher in den Mittelpunkt stellte. Klepper war vielleicht in zweifacher Hinsicht ein Opfer, einmal ein Opfer des Rassenwahns und später wiederum der Fama, die ihm den Opferstatus absprechen wollte.

Auch die Überlebenden, die „sich zu arrangieren versuchten“, wurden letztlich Opfer dieses totalitären Systems. Josef Weinheber (1892–1945), den Jörg Thunecke aus Nottingham vorstellte, bezahlte auch mit seinem Leben. Der begabte Lyriker feierte den Anschluss Österreichs 1938 mit dem Gedicht „Hymnus auf die Heimkehr“, arbeitete bei der österreichischen Kulturzeitung „Der Turm“ mit und könne, so der Referent, durchaus als „NS-linientreu“ gelten. Andererseits wurde ihm aufgrund kritischer Äußerungen mehrmals mit der Einweisung nach Dachau gedroht. Der Referent sprach in Zusammenhang mit seinem traurigen Ende von „Reue“, die vielleicht auch eine Art innere Emigration darstelle. Die Nachgeborenen sollten mit einer Verurteilung zurückhaltend sein.

Weinheber hat von den Nationalsozialisten zahlreiche Ehrungen erhalten, ein Beispiel für eine Verführung, der andere widerstanden haben. Leo Weismantel (1888–1964), heute nur noch regional bekannt, wurde von den Machthabern ähnlich umworben wie Ernst Wiechert, aus dessen Werken man „Blut und Boden“-Thematik herauslesen wollte. Weismantel hing einer romantischen Idee vom Deutschen Reich des Mittelalters an, die an Novalis erinnert. Beide zogen sich den Unmut der Machthaber zu, wurden inhaftiert, Weismantel allerdings nur wenige Tage, und können der „Inneren Emigration“ zugerechnet werden.

Dafür bietet auch der Schriftsteller Friedrich Reck-Malleczewens (1884–1945) ein Beispiel, dessen „literarischen Kampf gegen das NS-Regime“ Joachim Kuropka aus Vechta vorstellte. Dieser Autor wendete die „Verschleierungstaktik“ an, indem er historische Stoffe wählte, so in seinem Roman „Bockelson“, der die Wiedertäufer in Münster behandelt, oder in dem Drama „Charlotte Corday“ über die Mörderin von Jean Paul Marat. Das Regime habe das nicht gemerkt, Freunde warnten ihn jedoch vor der Denunziation, was aus seinen Tagebüchern hervorgeht, die er vergraben hat und die 1947 posthum herausgegeben wurden. Die Warnungen waren begründet, 1944 wurde der Mediziner und Offizier verhaftet und starb im Februar 1945 in Dachau.

Ernst Wiechert (1887–1950) begab sich nach seinem eigenen Zeugnis in die „Innere Emigration“. Nach seinem Protest gegen die Einweisung von Pastor Martin Niemöller ins Konzentrationslager wurde er am 6. Mai 1938 verhaftet und von Anfang Juli bis Ende August 1938 im KZ Buchenwald gefangen gehalten. Bis 1945 stand er unter Gestapo-Aufsicht, hatte zwar kein Schreibverbot, erfuhr aber Beschränkungen. Seine KZ-Erfahrungen schildert er in dem Bericht „Der Totenwald“, der 1945 erschien. Leonore Krenzlin aus Berlin referierte über „Arrangement und Widerstand? Zum literarischen Umgang mit der KZ-Erfahrung bei Ernst Wiechert“. Sie stellte heraus, dass Wiechert die verstörende Begegnung mit dem „Unmenschen“ dichterisch wandeln konnte.

Wladimir Gilmanov aus Königsberg/Kaliningrad stellte den Bericht „Der Totenwald“ in den Mittelpunkt. Er suchte gerade in dem Dokumentartext nach einem „erlösenden Wort“, das in dem „Totenwald der bestialischen Entmenschlichung“ Hoffnung wecken kann. Gilmanov sprach von einem „geheimnisvollen Etwas“, das in einer „dämonischen Namensverwirrung“ „den Buchenwald zum Totenwald“ verwandelt. Es ist, vereinfacht ausgedrückt, die Anlage in jedem Menschen, zum „Brudermörder“ zu werden, wenn er dem Wahn des Übermenschen, des „Menschengottes“ verfällt. Wiecherts „Anruf aus dem Totenwald des Daseins“, so der Titel des Vortrages, wäre demnach der Aufruf zur Selbsterkenntnis, zum Mut, in die eigenen Seelenabgründe zu schauen.

Opfer forderte, Schäden verursachte das Dritte Reich auch nach seinem Untergang. Ricarda Huch (1864–1947) setzte sich nach Kriegsende für die Würdigung der Widerstandskämpfer, besonders der Geschwister Scholl ein. Gabriella Jelitto-Piechulik aus Lodz schilderte den harten Kampf dieser bedeutenden Literatin und Historikerin. Trotz des Vorwurfs der „Landesverräterin“ stand sie zu ihrer Pflicht den Hingerichteten gegenüber, die aus Liebe zu ihrem Vaterland gehandelt hatten. Andrea Rudolf aus Oppeln stellte die Autorin Ilse Langner vor, deren Drama „Angst“ sich mit Schuldfragen nach dem Krieg auseinandersetzt, und Sigurd P. Scheichl aus Innsbruck legte den Teilnehmern das Gedicht „Nachruf“ von Guenther Anders vom Oktober 1945 vor, das die ganze Unfassbarkeit der Mordmaschinerie aufzeigt.

Die Ergebnisse der Tagung werden in einem entsprechenden Band zugänglich sein, die Früchte für Wissenschaft und Forschung waren zufriedenstellend. Aber wichtiger ist wohl doch die Hoffnung, derartige Veranstaltungen mögen dazu beitragen, dass, so Gilmanov, „der Mensch die dämonischen Schattenwege des Totenwaldes verlassen wird“.

Bärbel Beutner (KK)

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