Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1353.

Die im Dunkel sieht man nicht

Und vor 70 Jahren war Russland noch dunkler als heute für die südostdeutschen Deportierten, derer in Ulm gedacht wurde

Die-im-Dunkel1Was es heißt, unter schwersten Bedingungen bis zu fünf Jahren lang bei Kälte, schlechter Kleidung und mangelnder Ernährung in Kohlegruben Zwangsarbeit zu leisten, das wurde bei einer Veranstaltung zum Gedenken an die Verschleppung vor 70 Jahren deutlich. Mehr als 300 Besucher, darunter 30 hochbetagte Deportierte, waren zum Gedenken an die Deportation von deutscher Zivilbevölkerung aus Südosteuropa am 17. Januar 2015 nach Ulm gekommen.

Der kürzlich gewählte Präsident des Bundes der Vertriebenen, der Bundestagsabgeordnete Dr. Bernd Fabritius, verwies auf die aktuellen Flüchtlingsströme. Die nach dem Zweiten Weltkrieg Deportierten und Vertriebenen kennen das Schicksal aus eigener Erfahrung. Unter dem Applaus der Anwesenden sagte er, dass sich die deutschen Heimatvertriebenen auf die Seite derjenigen stellen, die heute gezwungen sind, infolge von Krieg und Gewalt ihre Heimat zu verlassen.

Ein in der Öffentlichkeit kaum beachtetes Thema ist die Verschleppung der Deutschen aus Südosteuropa in die Sowjetunion im letzten Winter des Zweiten Weltkriegs. Auf Befehl Stalins wurden 1944/45 mehr als 110 000 Männer und Frauen zur Zwangsarbeit nach Russland und in andere Staaten der Sowjetunion verschleppt. Viele von ihnen kamen in das Donezbecken, die Bergbauregion im Osten der Ukraine, wo heute prorussische Separatisten gegen Truppen der Ukraine kämpfen.

Im Winter 1944/45 wurden auf Befehl Stalins etwa 120 000 Menschen aus Südosteuropa zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Es handelte sich dabei um Menschen aus den deutschen Minderheitengruppen Jugoslawiens, Rumäniens und Ungarns, die in der Sowjetunion, vor allem in den Sowjetrepubliken Ukraine und Georgien, Wiederaufbauleistungen für vom Deutschen Reich verursachte Schäden erbringen sollten. Deportiert wurden Frauen im Alter von 18 bis 30 und Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren, die dort bis zu fünf Jahren festgehalten wurden. Etwa 30 000 von ihnen starben während der Deportation an Unterernährung, Entkräftung und Seuchen. Nach einer ersten Entlassungswelle 1946 blieben die Lager bis 1950 bestehen. Die Menschen, die danach in ihre inzwischen kommunistischen Heimatländer zurückkehrten, durften dort über das Thema nicht sprechen.

Der Historiker Prof.  Dr.  Konrad Gündisch, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zeigte die Zusammenhänge und den Ablauf der Ereignisse auf. Auf Anweisung Stalins wurde die deutsche Bevölkerung aus Ungarn, Rumänien und Jugoslawien zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert. Von Stalin mit einer pauschalen Kollektivschuld belegt, sollten die Zwangsarbeiter die zerstörte Industrie wiederaufbauen.

Die Aushebung der Donauschwaben und Siebenbürger Sachsen wurde im Januar 1945 innerhalb kürzester Zeit durchgeführt. Das Plansoll wurde sogar vor dem von Stalin festgesetzten Zeitpunkt erfüllt. Die Aktion hatte der berüchtigte Geheimdienstchef Lawrenti Beria organisiert. Aus Südosteuropa wurden 111 831 deutsche Frauen und Männer in die Sowjetunion deportiert, aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, vor allem aus Oberschlesien und Ostpreußen, 77 741 Personen. Die überwiegende Zahl der Deportierten waren Frauen und junge Männer. Die Sterberate betrug insgesamt etwa 15 Prozent – jeder sechste kehrte nicht zurück.

Die Verhältnisse in den Lagern waren vor allem in den ersten beiden Jahren kata-
strophal, da die Zwangsarbeiter nicht genügend zu essen hatten und die hygienischen Verhältnisse völlig unzureichend waren. Von seiner Zeit im Lager mit ständigem Hunger, eisiger Kälte im Winter und in den Baracken berichtete anschaulich Anton Schenk, der auch als Totengräber die Verstorbenen begraben musste.

Die-im-Dunkel2Später wurden in den Lagern sogar vereinzelt Kinder geboren. Der aus Temeswar (Timisoara) in Rumänien stammende Helmut Weinschrott hat vor ein paar Jahren den Versuch unternommen, in der Ukraine nach den Spuren seiner Geburt in den Akten zu suchen, da man der Familie die Geburtsurkunde 1955 abgenommen hatte. Er musste allerdings feststellen, dass seine Geburt gar nicht vermerkt ist. Er erfuhr, dass man in den fünfziger Jahren die originalen Verzeichnisse nach Moskau geschafft und für die örtlichen Archive Abschriften angefertigt hat, in denen die Lagerkinder nicht mehr vorkamen. Judit Müller aus Fünfkirchen (Pécs) in Ungarn ist doppelt mit dem Thema befasst: Als Museumsleiterin hat sie eine Ausstellung zur Deportation erarbeitet, viele Frauen ihrer Familie waren davon betroffen, auch ihre Großmutter. „Lustig war sie nie. Ich habe meine Großmutter nie lächeln sehen“, erinnert sich Judit Müller.

Unter den Ehrengästen war auch Hartmut Koschyk MdB, der Bundesbeauftragte für Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Aussiedler. Christian Glass, der Direktor des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm, begrüßte die Gäste. Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner erinnerte an die nun nacheinander anstehenden siebzigsten Jahrestage in Zusammenhang mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der Deportation in die Sowjetunion und der Befreiung von Auschwitz. „Wir sollten diese Gedenktage nutzen, um uns selbst zu prüfen und das, was wir daraus gelernt haben. Die schmerzhafte Erinnerung sollten wir nutzen, dass so etwas nie wieder passiert.“

Erst 1995 habe die erste große Gedenkveranstaltung zur Deportation stattgefunden, so der Bundesvorsitzende der Banater Schwaben, Peter-Dietmar Leber, der stellvertretend für die Landsmannschaften sprach. „Heute sind 70 Jahre vergangen. Die Reihen haben sich gelichtet. Für die Jüngeren stellt sich die Frage, was die Deportierten uns mitgegeben haben.“ Leber hat das Thema durch Andeutungen in der Familie kennengelernt, doch richtig sei nie darüber gesprochen worden.

Auch Dr. Robert Zollitsch, der frühere Erzbischof von Freiburg im Breisgau, kennt das Thema Deportation aus seinem Heimatort in Jugoslawien. Es sei an Weihnachten 1944 gewesen, dass nach der Messe der sogennannte Kleinrichter verkündet habe, dass sich Frauen und Männer melden sollten. 300 Menschen seien von dort in die Sowjetunion deportiert worden, mehr als 50 seien dort gestorben. Auch heute noch seien die Berichte erschütternd. Für seine Tante habe die Zwangsarbeit erst nach fünf Jahren geendet. „Nie hat sie von Russland gesprochen. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Auch ich brauchte 60 Jahre, um über meine Erinnerungen an das Vernichtungslager Gakowo zu sprechen.“ Als Junge hatte Zollitsch die von jugoslawischen Partisanen an den Donauschwaben begangenen Greuel kennengelernt.

An die 30 000 aus Siebenbürgen deportierten Menschen erinnerte der evangelische Bischof von Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien, Reinhard Guib. Als sogenannte Volksdeutsche hätten sie persönlich für die Kriegsschuld Deutschlands gesühnt. Auch er hat familiäre Erinnerungen: „Meine beiden Großväter kamen 1948 zurück.“ Bewegend waren die Zitate aus literarischen Werken, darunter von Oskar Pastior und Herta Müller, die der Historiker Florian Kührer-Wielach zusammengestellt hatte.

Den Abschluss der Gedenkveranstaltung bildeten drei von Anita Schlesak moderierte Podiumsgespräche. Im ersten Teil berichteten Zeitzeugen. Um Familiengeschichten ging es im zweiten Teil. Dr. Renate Weber-Schlenther wies darauf hin, dass die Sterblichkeit unter den Männern wesentlich höher war als bei den Frauen, was nicht nur an der schwereren Arbeit gelegen habe, sondern auch daran, dass die Männer oft ihre kärglichen Brotrationen gegen Zigaretten eingetauscht und ihre Kleidung seltener gewaschen haben.

Im letzten Teil berichtete Hans Supritz aus Ulm als Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Donauschwaben vom Umgang Serbiens mit dem Thema und Erwin Josef Tigla aus Reschitza (Resita) über Rumänien. Bernd Fabritius erinnerte daran, dass Rumänien inzwischen seine eigene Geschichte angenommen habe. Das Interesse am Thema zeige auch die Anwesenheit eines rumänischen Fernsehsenders bei der Veranstaltung. Allerdings bedauerte Fabritius, dass man die ehemaligen Deportierten heute alleinlasse.

Die Gedenkveranstaltung wurde vom Donauschwäbischen Zentralmuseum in Zusammenarbeit mit den südostdeutschen Landsmannschaften veranstaltet. Musikalisch umrahmten sie Liane und Harry Christian.

(KK)

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