Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1289.

Die Kirche hatte es schwer vor lauter „Kraft durch Freude“

Vier Kirchengrundstücke hatte Bauleiter Koller in die Pläne für die neue Volkswagenstadt eingezeichnet, aber es kam zunächst ganz anders. Im September 1940 wurde bei einer Sitzung im Reichskirchenministerium entschieden: Auf persönlichen Wunsch des Führers „sollten nicht mehr nur der Neubau von Kirchen unterbunden, sondern auch kirchliche Umbauten verhindert werden“. Die neue Stadt sollte eine NS-Musterstadt werden, in welcher jeder kirchliche Einfluß auszuschalten war und in der sich die Lebensordnung des Nationalsozialismus widerspiegeln sollte. So der Münsteraner Wissenschaftler Thomas Flammer im neuen Jahrbuch des Bistums Hildesheim: „Antonius Holling und die Gründungszeit der katholischen Gemeinde in der Stadt des KdF-Wagens“, des heutigen Wolfsburg.

Die gesamte Region zählte vor dem Krieg etwa 5 Prozent Katholiken. Meist waren es schlesische und polnische Saisonarbeiter, die nur in den Sommermonaten da waren, in der Landwirtschaft wirkten oder Torf stachen. Ab 1937 blieben die Polen weg, zwei Jahre später jedoch kamen andere als Kriegsgefangene wieder. Damit sie nicht nur in „ihrer Heimat katholisch“ waren, wurden sie zunächst von Fallersleben aus betreut. Daß es bereits ab Oktober1938 erste katholische Gottesdienste in der Nähe der Baustellen für das neue Volkswagenwerk gab, verdankten die deutschen Arbeiter ihren vielen italienischen Kollegen. Für diese – das mußte selbst die Gestapo nicht zuletzt auf Druck aus dem Vatikan genehmigen – wurden sonntags in der Nähe der Baustellen katholische Gottesdienste abgehalten, an denen auch Deutsche teilnehmen durften. Schnell hieß es „Vom Altar an die Bar“, denn die Messe fand in der Gastwirtschaft „Zum Brandenburger Adler“ statt.

Als es bald 2000 Katholiken im Bereich des späteren Wolfsburg gab, sah der Bischof von Hildesheim akuten Handlungsbedarf. Mit Antonius Holling wurde 1940 ein Pfarrvikar bestellt, der von Gifhorn aus mit Fahrrad und Motorrad seine Gläubigen zu erreichen suchte. Ein halbes Jahr lang zelebrierte er am Schreibtisch oder im Wohnzimmer einer befreundeten Familie, denn die Schikanen hörten nicht auf. Die Notkirche der Italiener durfte er auf Anweisung des italienischen Lagerführers zunächst nicht benutzen, so blieb eine kleine Wellblechbaracke, die bis zu 60 Personen faßte.

Ab 6. Oktober 1940 konnte dann doch mit Berliner Erlaubnis in einem Tanzsaal von „Wolters Gasthof“ die erste heilige Messe gefeiert werden: „Ein schmutziger Raum! Auf dem einfachen Bretteraltar stand ein kleiner Tabernakel mit ovalem Türchen, darin ein ganz kleiner silberner Kelch mit Deckel ohne Velum, ganz arm. Im Raum selbst standen 50 Klappstühle.“ Das war der Anfang. Mit Hilfe des Bonifatiuswerks und zahlreicher Spender aus der Gemeinde selbst gelang es in den kommenden Jahren, aus dem Tanzsaal einen würdigen Gottesdienstraum zu gestalten.

Ferdinand Porsche persönlich mußte eingreifen, damit der junge Pfarrvikar eine eigene Mansardenwohnung bekam, in der laut Mietvertrag „keine sakralen Handlungen“ vorgenommen werden durften. Drei hinzukommende Ordensschwestern durften keine Kommunität bilden und keine Ordenstracht tragen. Bei den Meldeämtern wurden sie unter ihrem weltlichen Namen eingetragen.

Bis Kriegsende wuchs die Zahl der Katholiken auf 5000, so daß ein Kaplan den inzwischen zum Pastor ernannten Holling unterstützte. Neben der regulären Seelsorge ging es um die Betreuung der ausländischen Zwangs- und Zivilarbeiter. Der Gebrauch der polnischen Sprache war mit Ausnahme von Liedern verboten. Der Pastor konnte aber durchsetzen, daß ab Sommer 1944 der Rosenkranz nicht nur an fast jedem Abend von einer anderen Gruppe – 27 Ethnien wurden einmal am Bau des Volkswagenwerks gezählt –, sondern auch während besonderer Gottesdienste in vier verschiedenen Sprachen gebetet wurde. Gegen Ende des Krieges kamen zunächst 1500 Flüchtlinge aus dem Aachener Raum, dann vor allem schlesische Heimatvertriebene.

Mit dem Einzug der Amerikaner veränderte sich die Situation der jungen katholischen Gemeinde. Das ehemalige Parteihaus wurde zum Pfarramt. Kindergarten und Hort wurden gegründet, 1949 kam eine katholische Volksschule dazu, und am 12. August 1951 konnte der Hildesheimer Bischof Josef Godehard Machens für nun 8000 Gläubige – meist Heimatvertriebene – als erste Kirche St. Christopherus einweihen.

Norbert Matern (KK)

Jahrbuch für Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim. 75./76. Jahrgang,Verlag Schnell+Steiner, Regensburg 2009. 399 S., 39,90 Euro

Aus Anlaß einer Tagung des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS – vgl. KK 1286 vom 10. Januar) erstellte der Kooperationspartner CNSAS, der rumänische Nationale Rat zur Aufarbeitung der Securitate-Archive, die Ausstellung „Rumäniendeutsche Schriftsteller im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“, die bis zum 10. April im Münchner Institut zu sehen ist.

(KK)
 

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