Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1332.

Die Kleinen, erwachsener fast als die Großen

Im schlesischen Raschau/Raszowa gedeiht der Keim eines neuen europäischen Selbstbewusstseins

Die-Kleinen_obenFröhlichkeit, Ideenreichtum und Selbstbewusstsein strahlt er aus, der Schmetterling im Eingangsbereich des zweisprachigen Kindergartens von Raschau (pol. Raszowa) im Oppelner Schlesien. Seine Flügel sind auf der einen Seite in den polnischen Farben Rot und Weiß gehalten, auf der anderen in den deutschen Nationalfarben Schwarz–Rot–Gold. Die Deckenmalerei wurde unter Zuhilfenahme eines Projektors aufgetragen und gehört zu den vielen Neuerungen in dem von der privaten Stiftung „Pro Liberis Silesiae“ unterhaltenen Kindergarten der knapp 800 Einwohner zählenden Ortschaft.

Die Stiftung hat sich den farbenfrohen Schmetterling zum Symbol erkoren. Den Raschauer Kindergarten konnte sie ebenso wie die gleich gegenüber gelegene Grundschule übernehmen und die Gebäude langfristig pachten, nachdem die staatlichen Stellen aus Kostengründen die Schließung und den Bustransfer der Dorfkinder in andere Erziehungsstätten beschlossen hatten. Doch auch nach der Neueröffnung 2009 wurde die Lehrerbesoldung weiterhin mit Steuermitteln gewährleistet, die staatlich anerkannten Kindergärten und Privatschulen zustehen und die sich nach der Kinderzahl bemessen. Während rein polnischsprachige private Bildungsstätten damit allerdings in der Regel nicht über die Runden kommen, ist die Ausgangslage für Einrichtungen mit Minderheitenprofil günstiger,
da diese finanzielle Zulagen erhalten.

Seit der Eröffnung im Spätsommer 2009 wurden nicht nur Optik und Inventar beider Raschauer Einrichtungen umgestaltet, sondern auch der pädagogische Alltag. Statt giftgrün gestrichener Wände und Spielzeugregalen voller Kuscheltierkitsch im „Kinderhaus“ sowie liebloser Klassenzimmer und ungemütlicher Gänge im Plattenbau der Grundschule prägen mittlerweile geschmackvoll mit Selbstgebasteltem, Plakaten, Kalendern, Leitsprüchen wie „Hilf mir, es selbst zu tun“ und Blumenschmuck dekorierte Räume das Bild. Immer wieder fällt der Blick auf die zur Eigeninitiative anregenden Lernmaterialien, die aus der Ideenwelt der italienischen Reformpädagogin Maria Montessori stammen, deren Wirken sich Stiftungsvorsitzende Margarethe Wysdak und Geschäftsführerin Barbara Wallusch verbunden fühlen.

Raschau liegt zwischen Oppeln (Opole) und Groß Strehlitz (Strzelce Opolskie) und gehört zur Landgemeinde Tarnau (Tarnów Opolski). Deren acht Dörfer haben mittlerweile alle zweisprachige Ortsschilder. Zwar müssen die Beschriftungen immer wieder von Schmierereien deutschfeindlicher Nationalisten gesäubert werden, aber der Hinweis Bernard Gaidas (Vorsitzender der deutschen Gesellschaften in Polen) auf die „Symbolik der Plätze“ und deren zentrale psychologische Bedeutung für die Identität der Menschen findet hier bereits seine Bestätigung.

14 Lehrer arbeiten in der Raschauer Grundschule und erteilen, beginnend mit der ersten Klasse, sogenannten integrierten zweisprachigen Unterricht. Wenige Kinder kommen noch aus muttersprachlichen deutschen Elternhäusern, die große Mehrheit jedoch aus solchen, die im Alltag „Schlesisch“ sprechen, worunter heute die mit Germanismen gespickte regionale polnische Mundart verstanden wird. Vereinzelte Kinder stammen auch aus polnischsprachigen Familien. Die Erfolge der zweisprachigen Erziehung sind vor allem im Kindergarten und bei den Klassenstufen 1 bis 3 deutlich erkennbar, während an die noch auf die alten polnischsprachigen Unterrichtsmodelle zurückgehenden Klassen 4 bis 6 andere Maßstäbe anzulegen sind.

Ganz gleich, wie man zur individualistisch ausgerichteten Montessori-Pädagogik steht, die konzentrierte Stille während der allmorgendlichen Freiarbeitsphase in den ersten beiden Schulstunden spricht für sich – und für das Können und das Engagement der überwiegend sehr jungen, fast ausschließlich weiblichen und den Belangen der Oberschlesier gegenüber offenen Lehrerschaft.

Auch außerhalb der Schule kann man sich beispielsweise an kunstvoll selbstgebastelten Laternen erfreuen sowie den bekannten deutschen Laternenliedern beim Martinsumzug im benachbarten Kroschnitz. Dieser vereinte die Grundschüler aus Raschau, Danietz und Kroschnitz und war – mit dem Heiligen Martin hoch zu Ross – eine erfreuliche Folge der im Herbst 2009 von Raschau angestoßenen Initiative zum Wiederaufgreifen dieses zwar katholischen, in Oberschlesien jedoch als typisch deutsch geltenden Brauchtums. Musikalisch maßgeblich unterstützt wurden die Privatschüler von der Diplomingenieurin Renate Küchenhoff aus Torgau in Sachsen-Anhalt. Die 46jährige Montessori-Pädagogin leistet wertvolle, vom Institut für Auslandsbeziehungen (IfA) in Stuttgart finanzierte muttersprachliche Unterstützung im Raschauer Kindergarten.

Die-Kleinen_untenNeben den Eindrücken vom Schulalltag einschließlich der an den Nachmittagen zahlreich angebotenen Arbeitsgemeinschaften (Theater, Journalismus, Englisch, Musik u. a.) sorgen Unternehmungen wie der Martinsumzug für Begeisterung in der Elternschaft und sichern die Sympathien des Bürgermeisters, des Pfarrers und anderer wichtiger Vertreter der Gemeinde. Längst reicht die Außenwirkung der Privatschule weit über die Ortsgrenzen hinaus, zumal das Echo in den polnischen Medien erheblich ist und sogar die Nationalitätenkommission des Zentralparlaments aus Warschau mal vorbeischaute. In so manchen Nachbardörfern blickt man inzwischen voller Interesse und Anerkennung nach Raschau.

Nicht zuletzt kann sich die kleine einzügige Privatschule auf „technischer“ Ebene sehen lassen. So gibt es ein Computerzimmer mit neun modernen Rechnern, einen Kleinbus, der als Schulbus umliegende Ortschaften anfährt, sowie einen Spielplatz mit nagelneuen Geräten, die nach einem langwierigen Beantragungsprozess aus EU-Töpfen beschafft wurden. Andererseits liegen natürlich auch die gegenwärtig größten Probleme auf der materiellen Ebene – erweiternde Baumaßnahmen sind dringend erforderlich.

Dass alle derartigen Probleme von „den Raschauern“ letztlich gemeistert werden, davon ist wohl jeder überzeugt, der den zupackenden, bodenständigen Idealismus der Macherinnen selbst erlebt hat.

Martin Schmidt (KK)

Kontakt: Pro Liberis Silesiae, ul. Polna 4, PL – 46-050 Tarnów Opolski, www.edukacja-raszowa.eu

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