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Ausgaben: Ausgabe 1373.

Die Kommunisten wollten keine Nächsten haben

Und geliebt werden schon gar nicht: Christen unter totalitärer Herrschaft als Thema einer kirchengeschichtlichen Tagung

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Christsein ist eine schwere und schöne Arbeit: die Tagungsteilnehmer Bild: der Autor

Die Situation der Christen unter totalitärer Herrschaft von 1945 bis ca. 1960 beleuchtete in seiner 53. Arbeitstagung das Institut für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa e. V. in der Bildungs- und Begegnungsstätte Heiligenhof in Bad Kissingen. In den Referaten und bei der Exkursion nach Bamberg ging es um Aspekte der Verfolgung und Benachteiligung von Christen in der Tschechoslowakei, in der Ukraine, in der Sowjetischen Besatzungszone/DDR sowie in Polen. Inklusive einiger Tagesgäste nahmen gut 40 Fachleute aus Deutschland, Polen, Tschechien, der Slowakei und der Ukraine an der Tagung teil.

Der seit einem Jahr an der Spitze des Instituts stehende Professor Dr. Rainer Bendel freute sich in seiner Begrüßung, neben dem Heiligenhof und der hier angesiedelten Akademie Mitteleuropa auch das Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität als Partner gewonnen zu haben.

„Zur Situation der Christen in der ČSSR“ referierte Dr. Otfrid Pustejovsky aus Waakirchen. Die Phase von 1945 bis 1949 war gezeichnet von der Vertreibung der Deutschen – und damit der Beseitigung eines wichtigen Teils des religiösen Lebens –, zugleich auch von der Etablierung der Kommunisten an der Macht, die mit Gesetzen, Medien/Propaganda, Einschüchterung, Verhaftungen, Zwangsarbeit usw. einen intensiven Kampf gegen die Kirchen führten. Der Referent ging auf Gesetze und Verordnungen bzw. Hintergründe (internationaler Charakter v. a. der katholischen Kirche) sowie Maßnahmen der Verfolgung ein. Die Phase von 1949 bis 1956 war laut Pustejovsky von gesetzlichen Verordnungen und „Methoden brutaler Gewaltanwendung“ geprägt, von stalinistischen Formen der Kirchenverfolgung – auch gegenüber der griechisch-katholischen Kirche: Auflösung von Klöstern, Schließung theologischer Fakultäten, Schauprozesse, Internierung von Bischöfen. Lockerungen und (bis Ende des Prager Frühlings) Entspannung gab es zwischen 1956 und 1968: „Rehabilitation von Personen und Gruppen sowie stillschweigende Duldung der Aufbruchstimmung der katholischen Kirche“, so der Vortragende.

Näher ins Detail ging Dr. Jaroslav Šebek, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, in seinem Vortrag zu den „Zwei Antlitzen der katholischen Kirche nach dem kommunistischen Machtantritt in der Tschechoslowakei – Widerstand und Anpassung“. Als gravierenden Einschnitt sah auch er die Vertreibung der Deutschen mit ca. 1600 Priestern, wodurch die katholische Kirche erstmals die Erfahrung einer Diaspora-Kirche machen musste. „Die katholische Kirche war nicht auf die neue Situation vorbereitet“, stellte Šebek fest. So gab es unterschiedliche Haltungen bei den tschechischen Bischöfen: Unnachgiebigkeit und ein versöhnliches Herangehen. Eindeutig war aber die Haltung der Bischofskonferenz zur Kommunistischen Partei: deren Legitimität erkannten die Oberhirten nicht an, auch lehnten sie die Einheitswahllisten ab. Doch ab Frühjahr 1949 habe die kommunistische Regierung ihre kirchenfeindliche Strategie gestartet: Teilung der katholischen Kirche, d. h. Trennung der Priester von den Bischöfen, Etablierung einer tschechischen Nationalkirche und einer „Katholischen Aktion“ mit regimefreundlichen Priestern und Laien. „Die Mehrheit der Priester blieb dem Vatikan treu“, stellte der Referent aber fest. Ab der zweiten Hälfte der 50-er Jahre habe die Kommunistische Partei eine mehrheitlich atheistische Gesellschaft erreicht, auch wenn ab 1956 das geistliche Leben wieder besser möglich war. Die Priester seien von verschiedenen Erfahrungen geprägt gewesen, was sich auf die Pastoral auswirkte.

Nach Stalins Tod habe es eine Erleichterung für die Kirchen gegeben, die allerdings ab 1957 wieder in eine Minderung der religiösen Freiheit sowie schärfere Maßnahmen umschlug.

Die Situation der „Christen unter totalitärer Herrschaft in der Slowakei“ beleuchtete Dr. Ivan A. Petranský aus Pressburg. Bereits in den ersten Jahren nach 1945 seien die Kirchen und Religionsgemeinschaften bedrängt worden – zum Beispiel durch Nationalisierung der kirchlichen Schulen, Verbot kirchlicher Verbände und Internierung katholischer Bischöfe. Mit der kommunistischen Machtübernahme 1948 habe die Verfolgung zugenommen – durch Gesetze und Verordnungen, Inhaftierung von Bischöfen und die Gründung einer regimetreuen Priestervereinigung. Die griechisch-katholische Kirche sei der orthodoxen Kirche einverleibt und vom Staat kontrolliert worden. Andererseits sei aber eine Kirche im Untergrund entstanden. Nach Stalins Tod habe es eine Erleichterung für die Kirchen gegeben, die allerdings ab 1957 wieder in eine Verschärfung und Minderung der religiösen Freiheit sowie schärfere Polizeimaßnahmen und Prozesse umschlug. Erst 1962 kam es wieder zur Abschwächung der Verfolgung.

Den Blick auf die Ukraine richtete die am Institut für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg wirkende Professor Dr. Katrin Boeckh. Sie beschrieb die „Drei Tage, die die Ukraine veränderten. Die Pseudo-Synode von Lemberg vom 8. bis zum 10. März 1946 zur ‚Liquidierung‘ der Griechisch-Katholischen Kirche in Galizien“. Akribisch skizzierte Boeckh die einzelnen Schritte und nannte die Hauptakteure sowie die Verbindung zum NKWD (Volkskommissariat des Innern). Detailliert zeichnete sie die Vorgänge bei der dreitägigen „Pseudo-Synode“ mit den inhaltlichen Aspekten (Loslösung vom Papst bzw. Vatikan, „Bitte“ um Aufnahme in den Schoß der Orthodoxie) nach. Die Referentin stellte aber auch fest, dass die Maßnahme keinen vollen Erfolg hatte, da zu jenem Zeitpunkt 27 Priester den Übertritt zur russisch-orthodoxen Kirche verweigerten, ebenso viele weitere Personen bis in die 70-er Jahre. Dennoch habe die griechisch-katholische Kirche nach dieser „Synode“ nicht mehr wirken können – mit der Folge des Aufbaus einer Katakomben-Kirche mit einem großen Widerstandsnetz.

Über die „Stalinistische ‚Wiedervereinigung der Unierten‘ in der Ukraine: Motive, Modelle, Methoden“ referierte Professor Dr. Oleh Turij, Direktor des Instituts für Kirchengeschichte der Theologischen Akademie der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche in Lemberg. Bei der Umsetzung habe es ähnliche Szenarien wie in Galizien, aber auch einige Besonderheiten gegeben. Insgesamt sei es ein längerer Prozess gewesen mit einer aktiven und unmittelbaren Verbindung zur russisch-orthodoxen Kirche – vor allem staatlich gelenkte Maßnahmen und Versuche der Überführung in die russisch-orthodoxe Kirche. Mit der Angliederung der Karpatenukraine an die Sowjetunion habe diese vollendete Tatsachen geschaffen und im Sommer 1949 die endgültige Liquidierung der ukrainisch-katholischen Kirche in diesem Gebiet proklamiert – auch wenn dies nicht die tatsächliche Vernichtung dieser Kirche bedeutet habe.

Denn diese lebte und wirkte im Untergrund weiter, was Dr. Andriy Mykhaleyko, Dozent für Kirchengeschichte an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg, in seinem Vortrag „Untergrundalltag: bischöfliche Sukzession, Priesterausbildung und Seelsorge am Beispiel der Ukrainischen Griechisch-katholische Kirche“ erläuterte. „Die Gläubigen hatten oft keine Kenntnis von ihrem Bischof“, führte Mykhaleyko aus und ging exemplarisch auf die Priesterausbildung und Formen der Seelsorge unter diesen Bedingungen ein. Erst in den 1980-er Jahren sei nach Protesten die Legalisierung wieder eingeleitet und Ende 1989 offiziell vom Sowjetstaat vollzogen worden.

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Wir wissen, dass die Traverse eine statische Notwendigkeit ist. Wir wissen, dass das Christentum manche Klarheit und Kontur vermissen lässt. Wir wissen aber auch, dass all dies erhalten werden muss: Gemäldezyklus aus dem späten 14. und 15. Jahrhundert, restauriert im Kreuzgang der Bischofsburg zu Heilsberg (Lidzbark Warminski) Bild: Ernst Gierlich, vgl. Seite 11

In die sowjetische Besatzungszone bzw. DDR führte der nächste Schwerpunkt. Der seit dem 1. September als Direktor der Katholischen Akademie im Bistum Dresden/Meißen tätige Thomas Arnold brachte das Thema „Christen zwischen den Fronten. Die Jugendweihe als Ausdruck des Kirche-Staat-Konflikts in der DDR“. Mit der Verschärfung des kirchenpolitischen Kurses der SED 1952/54 sei die Jugendweihe als gezielte Aktion gegen die Kirche eingesetzt worden, auch wenn sie nach außen in keinen direkten Bezug zur SED gebracht werden sollte. Die katholischen Bischöfe lehnten per Hirtenwort die Jugendweihe kategorisch ab, doch gab es unter den Ordinarien keine einheitliche Linie. Arnold schilderte das Auf und Ab der Jugendweihe, den Umgang der christlichen Kirchen damit und die Zusammenhänge mit verschiedenen Kulturen und Milieus.

Inwieweit „Bischof Julius Döpfner im Blick der Staatssicherheit“ war, beleuchtete Professor Dr. Jörg Seiler, Ordinarius für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit in Erfurt. In Döpfners Berliner Zeit (1957 bis 1961) fiel die Verstärkung der Repression der SED-Kirchenpolitik. Für die viereinhalbjährige Amtszeit in Berlin legte die Stasi 238 Seiten über ihn an. Da Döpfner aber in Westberlin lebte, habe es „wenig Handlungsspielraum für das Ministerium für Staatssicherheit“ gegeben, so Seilers Fazit.

Über das Thema „Leichter Gegenwind im Sturm des Sozialismus: Zum Leben der Christen in der DDR und ihren kirchlichen Möglichkeiten“ referierte Seilers Lehrstuhl-Vorgänger Professor Dr. Josef Pilvousek. Er stellte den Weg der Kirche als eine „Gratwanderung zwischen Anpassung und Verweigerung“ dar angesichts der 44 Jahre Christenfeindlichkeit und Christenverfolgung durch die DDR.

Thematisch zurück in die Tschechoslowakei ging es bei der Exkursion nach Bamberg, wo im Begegnungszentrum der Ackermann-Gemeinde das Thema „Verfolgte Kirche in Böhmen“ im Mittelpunkt stand. Über die Aktivitäten der Ackermann-Gemeinde Bamberg informierte der Bamberger Ortsvorsitzende Franz Kubin. Für ein Gespräch über die rumänisch-orthodoxe Kirche in Bamberg stand zudem der Priester Ionut Paun zur Verfügung, der hier seit drei Jahren tätig ist.

Die Situation in der Volksrepublik Polen stand zum Abschluss auf dem Programm. Dr. Grzegorz Bebnik trug den Beitrag „Der Konflikt zwischen der katholischen Kirche und dem kommunistischen Staat in Oberschlesien in den Jahren 1945 bis 1960“ von Dr. Bernard Linek, dem stellvertretenden Leiter des Schlesischen Instituts in Oppeln, vor. Diese Phase sei von vielen Prüfungen für die Hierarchie, die Priester und Gläubigen (Erschießungen sowie Vergewaltigungen und Morde an Nonnen) gekennzeichnet gewesen, dazu die Polonisierung durch die Aussiedlung und den Austausch von Ordensleuten und Geistlichen – und schon in der Anfangsphase auch in der Liturgie, bei religiösen Bräuchen und der nationalen Theologie bis hin zu den Schriften. So sollte die Übereinstimmung der polnischen katholischen Kirche und des polnischen Staates erreicht werden, wobei auch evangelische Kirchen übernommen wurden.

Herausragende oberschlesische Priester wurden ausgesiedelt, 1948 kam es – nach der Machtübernahme durch die Kommunisten – zur Verbannung des Religionsunterrichtes aus der Schule und der Kruzifixe aus den Schulräumen. Ende 1949 entstand die Bewegung der „Patriotenpriester“. Auch wenn es ab 1956 kleinere Erleichterungen gab, sei nur ein Teil der Bischöfe und Priester in ihre Heimatorte zurückgekehrt.

Mit der „Situation der Ukrainer in Ermland und Masuren nach ihrer Umsiedlung in dieses Gebiet im Jahre 1947“ befasste sich Professor Dr. Andrzej Kopiczko von der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Ermland-Masuren in Allenstein. Als Ausgangspunkt nannte er die 1947 durchgeführte Aktion „Weichsel“, die Umsiedlung der ukrainischen Bevölkerung aus Südostpolen in die West- und Nordgebiete Polens. „Nach Ermland und Masuren wurden damals
55 448 Menschen ausgesiedelt“, so Kopiczko. Er verwies auf diverse Benachteiligungen und Einschränkungen: Verwüstung in der Landwirtschaft, Einschränkung sozialer und kultureller Aktivitäten, Entzug des eigenen religiösen Ritus, soziale Isolation. Zudem seien sie unter ständiger Aufsicht des Amtes für Sicherheit gewesen und ausspioniert worden – bis hin zu Massenfestnahmen und -inhaftierungen im Jahr 1948. Weitgehend verboten sei im neuen Siedlungsgebiet auch die Seelsorge nach griechisch-katholischem Ritus gewesen, trotz Niederlassung einiger Priester dieser Konfession. Erst 1952 sei der griechisch-katholische Ritus langsam wieder erlaubt worden. Kopiczko sprach für die erste Phase von einem „Anpassungsversuch“ und danach von einer „Hervorhebung der eigenen Identität“ gegenüber der römisch-katholischen Kirche. Eine vollständige Reaktivierung der eigenen pastoralen Arbeit war erst nach dem Oktobertauwetter im Jahr 1956 möglich.

Den Abschluss des Vortragsreigens bildete das Referat von Dr. Grzegorz Bebnik vom Polnischen Institut für nationales Gedenken, Filiale Kattowitz, zum Thema „Evangelische Kirchen in (Volks)Polen, unter besonderer Berücksichtigung von Oberschlesien“. Er legte die konfessionelle Situation bzw. die der Volksgruppen in der zweiten polnischen Republik dar mit evangelischen Gläubigen der augsburgisch-lutheranischen, der reformatorisch-calvinistischen und (nach 1945) der methodistischen Richtung. In Oberschlesien war die lutheranische Konfession vertreten, aber auch eine evangelisch-unierte Kirche. „Am Ende des Zweiten Weltkrieges war bei den oberschlesischen Evangelischen eine Wende, die Mehrheit war gezwungen, ihre angestammte Region zu verlassen. Die neue Staatsmacht war nicht an einer Vielfalt der evangelischen Kirche interessiert“, schilderte Bebnik. Qua Gesetz vom 4. Juli 1947 seien die Gläubigen aller evangelischen Kirchen in die Obhut der augsburgisch-lutheranischen Kirche gesetzt worden, die seit Anfang 1945 als polnisch-evangelische Kirche firmierte. Nach der Neueinteilung der Diözesen (Kattowitz, Teschen) habe es im April 1950 die erste Wahl der „Senioren“ (Bischöfe) und deren Vertreter gegeben. Vor allem in der Diözese Kattowitz sei durch die Aussiedlung nach Deutschland die Zahl der Gläubigen in fast allen Gemeinden gesunken, während im Teschener Raum der Protestantismus als polnischer Glaube und der Katholizismus als deutsch angesehen wurde. Die neuen Machthaber wiederum sahen meist den evangelischen Glauben als deutsch an. Vor diesem Hintergrund wurden unmittelbar nach dem Krieg nicht selten altehrwürdige evangelische Gotteshäuser der katholischen Kirche übergeben. „Die Evangelischen waren immer verstreuter, eine Diasporakirche im Nachkriegspolen. Polen war in konfessioneller Hinsicht fast einheitlich römisch-katholisch“, so der Referent. Lediglich im Teschener Schlesien sind bis heute Angehörige des evangelischen Glaubens verwurzelt. Mit der kommunistischen Machtübernahme wurde auch die lutherische Kirche in Polen bedrängt, wenn auch nicht so massiv wie die römisch-katholische. Doch die vielen und regen Kontakte auch dieser Kirche in den Westen (vor allem nach Deutschland) veranlasste die Sicherheitsdienste, ihre operative Kontrolle zu verschärfen. Aber auch die „Eigenart der protestantischen Lehre, den Staat als Stütze für die Religion zu sehen“, habe vielfach zu Kooperation und Zusammenarbeit geführt – „der weltliche Faktor hat Oberhand über den geistlichen Faktor gewonnen“.

Die 54. Arbeitstagung im kommenden Jahr wird voraussichtlich das diesjährige Thema mit dem Hauptaugenmerk auf die Staaten Südosteuropas aufgreifen und vertiefen.

Markus Bauer (KK)

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