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Ausgaben: Ausgabe 1399.

Die Kraft in Luthers Sprache

Arno Surminski hat versucht, aus ihr Kraft für die seine zu schöpfen – und für die unsere

Im Anfang war das Wort, und eingedenk dessen versteht man auch den merkwürdig abwesenden Blick des Schöpfers zu deuten auf dem kolorierten Holzschnitt „Die Erschaffung der Welt“ aus der Cranach-Werkstatt Bild: Buchumschlag

Wer kann schon von sich sagen, dass er die Bibel von vorn bis hinten durchgelesen habe, dieses mächtige Buch der Christenheit, über 900 Seiten Jüdische Bibel oder Altes Testament, wie die Christen sagen, und über 300 Seiten Neues Testament; zusammen also über 1200 Seiten unterschiedlichste und oft schwierige Texte von den fünf Büchern Moses über die Propheten und Psalmen der Jüdischen Bibel bis zu den Evangelien, Paulusbriefen und der Offenbarung im Neuen Testament. Viele Christen blättern sicher hin und wieder in der Bibel und lesen einen Psalm oder ein ihnen bekanntes Kapitel, hören sonntags Epistel und Evangelium im Gottesdienst und halten vielleicht, besonders jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit, häusliche Andachten. Aber die ganze Bibel durchlesen?

Der ostpreußische Schriftsteller Arno Surminski (geboren 1934) schreibt in seinem neuesten Buch „Poesie der Bibel“ (Hamburg 2018): „Ich habe sie dreimal durchgelesen, einmal als junger, gläubiger Mensch, dann als angehender Schriftsteller, der Sprache und Stil lernen wollte, und schließlich 2017, um dieses Buch zu schreiben.“ Damit dürfte Surminski der einzige lebende Schriftsteller deutscher Sprache sein, der sich so intensiv mit der „Heiligen Schrift“, so spricht er auch von ihr, beschäftigt hat. Und jetzt hat er sogar über sie geschrieben.

Surminskis Bibel, „meine Bibel“, wie er sagt, ist von 1948. Sie ist ein Erbe seiner Großmutter. Seine Eltern sind nach Kriegsende in sowjetischen Arbeitslagern umgekommen. Da war er elf Jahre alt und allein in Ostpreußen. Sein Schicksal hat der in Jäglack bei Rastenburg im heute polnischen Teil Ostpreußens Geborene in den frühen Romanen „Jokehnen“ (1974) und „Kudenow“ (1978) schriftstellerisch bearbeitet. Seine Bibel ist für ihn ein Stück Heimat. Die von ihm ausgewählten Textstellen vergleicht er mit denen der „Einheitsbibel“, mit der „Bibel in gerechter Sprache“ und der Lutherbibel 2017. Den Neu-Übersetzern gibt er den Rat, sie sollten immer daran denken, „dass sie die Bibelleser nicht heimatlos machen“. Dieser Rat zeugt von großer Empathie für diejenigen, die mit der Bibel leben.

Mit seinem neuen Buch verlässt der Schriftsteller Surminski sein Metier. Das Buch ist kein Roman. Es ist eine Suche nach Poesie, was man als Dichtkunst oder Dichtung übersetzen kann, in der Sprache der Bibel. Nun ist Surminski kein Poet, aber er versteht etwas von Sprache. Er kann erzählen. Das hat er in zahlreichen Romanen und Geschichten bewiesen, die eine breite Leserschaft im In- und Ausland gefunden haben. Aber er liebt Poesie, insbesondere die religiöse Poesie der Bibel, und er bewundert die „Kraft in Luthers Sprache“. So wagt er sich auf ein neues literarisches Terrain und ist sich des Risikos wohl bewusst.

In der Einleitung formuliert Surminski sein Ziel: „Mit dieser Schrift soll ein Beitrag zur Erhaltung der Luthersprache in einer sprachlich immer fremder werdenden Welt geleistet werden.“ Er konkretisiert das nicht, aber jeder Leser weiß, was er meint. Leben wir doch in einer Welt der permanenten öffentlichen und medialen Sprachzerstörung, die uns unsere sprachliche Umwelt immer fremder werden lässt. Auch den Kirchen kann der Vorwurf nicht erspart bleiben, dass sie, vor allem in ihrem Hang nach „Gendergerechtigkeit“, für so manche sprachliche Umweltverschmutzung verantwortlich zeichnen.

Surminski gestaltet seine Sprachreise durch die Bibel, seine Entdeckungsreise zu den Kleinoden der Poesie in der Bibel, zugleich als kleine Bibelkunde, verbunden mit einem meditativen Bildprogramm. Aus fast allen Büchern der Bibel zitiert er. Seine Auswahl ist „rein subjektiv“, wie er betont, und er erhebt auch keinen Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit. Die Subjektivität der Auswahl ist offenkundig. Jeder, der sich ähnlich Surminski einer solchen Aufgabe zuwenden würde, käme zu einer anderen biblischen Anthologie, wenngleich sicher mit einigen Übereinstimmungen. Ein kurzer erklärender Absatz führt jeweils in jenes Buch der Bibel ein, aus dem die Zitate folgen, eine große Hilfe für Neuleser der Bibel oder für Leser, die sich nicht so gut in diesem „Buch der Bücher“ auskennen. Die Apokryphen, die Luther als „nützlich und gut zu lesen“ einstufte, bezieht der Autor in sein Auswahlfeld ein. Das ist eine Bereicherung.

Bemerkenswert ist die Bildauswahl. Der koptisch-gnostische Berliner Papyruskodex und die Große Jesajarolle aus Qumran bezeugen die jahrtausendealte Tradition der Jüdischen Bibel. Sie werden durch das anonyme Fresko „Jesus und seine Apostel“ aus Kappadokien (Anatolien) ergänzt. Dazu finden sich alt- und neutestamentliche bildliche Darstellungen vom 12. bis zum 19. Jahrhundert, wie „Hiob, von Dämonen gequält“ (Peter Paul Rubens), „Gott vernichtet Leviathan“ (Gustave Doré), „Turmbau zu Babel“ (Pieter Bruegel der Ältere) oder der „Evangelist Matthäus und der Engel“ (Rembrandt van Rijn), die das Buch zu einem Kleinod machen. Das Titelbild zeigt den sehr schönen kolorierten Holzschnitt „Die Erschaffung der Welt“ aus der Cranach-Werkstatt.

Die Vorliebe Surminskis für die Jüdische Bibel ist unverkennbar. Ihr entnimmt er mehr als doppelt so viele Stellen wie dem Neuen Testament. Nimmt man noch die neutestamentlichen Stellen hinzu, die Zitate aus der Jüdischen Bibel sind, wird der alttestamentliche Anteil noch bedeutsamer.

Auffällig ist auch die Vielzahl der dem Schicksal des Schriftstellers entsprechenden Stellen zu Flucht und Vertreibung, Krieg und Frieden, Richten und Gerechtigkeit, Sterben und Tod. Surminski eröffnet sein Buch mit dem Kapitel „Über das Wort“ und beendet es mit dem „Hohelied der Liebe“ aus 1. Kor. 13. Er erinnert daran, dass viele Worte aus der Heiligen Schrift nach Luthers Übersetzung zu Sprichwörtern der Alltagssprache geworden sind. Nur wenige Menschen kennen den biblischen Ursprung.

Auf sein Gesicht scheint das Licht nicht eigentlich von der Lampe, sondern vom Papier, von der Schrift: Arno
Surminski
Bild: Ostpreußisches Landesmuseum

„Seine Hände in Unschuld waschen“ nach der Stelle in Matthäus 27,24, wo Pilatus nach dem Gespräch mit Jesus vor dem Volk seine Hände wäscht und sagt: „Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu.“ – „Bleibe im Lande und nähre dich redlich“ (Psalm 37,3) oder „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ nach Sprüche 27,10, wo zu lesen ist: „Wer die Frommen verführt auf einen bösen Weg, wird selbst in seine Grube fallen.“ In Sprüche 26,27 steht: „Wer eine Grube macht, der wird hineinfallen“, und noch deutlicher Psalm 7,16: „Er (der Böse) hat eine Grube gegraben und ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat.“ Oder: „Wer eine Grube gräbt, der fällt selber drein.“ (Sirach 27,29) Das ist also ein beliebter Topos in der Jüdischen Bibel.

Besonders angetan ist Surminski von dem apokryphen Buch Jesus Sirach, dem er auf acht Seiten nicht weniger als 33 Zitate entnimmt. Sirach ist eine wahre Fundgrube von sprachlichen Höhepunkten: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang.“ (1,6) – „Halte es mit jedermann freundlich, vertraue aber unter Tausenden kaum einem.“ (6,6) – „Zanke nicht mit dem Schwätzer, dass du nicht Holz zutragest zu seinem Feuer.“ (8,4) – „Die Narren haben ihr Herz im Maul, aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen.“ (21,28).

Ein anderes Buch, das sich mit seinen Geschichten von den „Männern im Feuerofen“, „Daniel in der Löwengrube“ oder der „Schrift an der Wand“ im Gedächtnis vieler bis heute erhalten hat, ist das Buch Daniel. Hier erweitert Surminski die reine Betrachtung von Daniel 5 und schildert den gegen Gott aufbegehrenden König Nebukadnezar mit der vollständigen Ballade „Belsazar“ von Heinrich Heine, einem Meisterwerk, das viele ältere Leser sicher noch in der Schule auswendig gelernt haben.

Noch mehr Zitate, 38 auf acht Seiten, entnimmt Surminski dem Evangelisten Matthäus, der im Neuen Testament am stärksten auf die Jüdische Bibel Bezug nimmt. Ziel des Evangelisten war es, die Kontinuität zwischen Judentum und Christentum nachzuweisen. Auch hier gibt es viele bekannte Spruchweisheiten wie „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (4,4), „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“ (6,21), „Niemand kann zween Herren dienen“ (6,24), „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“ (12,34), „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (26,41).

Der Leser der „Poesie der Bibel“ wird viele Zitate kennen, andere nicht; vor allem aber wird er oder sie möglicherweise anfangen, eine eigene subjektive Liste von Bibelworten und Lieblingszitaten zusammenzustellen, die anders aussieht als die von Surminski. Der Autor sagt es nicht, aber man kann sich vorstellen, dass er eine solche Eigeninitiative seiner Leserschaft begrüßen würde. Jedenfalls regt seine eigene Betrachtung der Bibel und der Poesie, die er in diesem Buch findet, zur Nachahmung an. Schließlich haben selbst kritische Geister wie Friedrich Nietzsche und Heinrich Heine die Bibel in der Übersetzung durch Martin Luther hoch eingeschätzt und uneingeschränkt geachtet.

Auch den kirchenslawischen Worten auf dieser rumänisch-orthodoxen Hinter-
glasikone ist anzumerken, dass der Künstler ihnen besondere Bedeutung beimisst, so dass er ihnen eine Akkuratesse hat angedeihen lassen, die er sich bei der schwungvollen Bildgestaltung nicht auferlegt hat: Die Heiligen Apostel Petrus und Paulus (Laz oder Lancram, 1. Hälfte 19. Jahrhundert)
Bild: siehe Seite 28

Gleich eingangs betont Surminski: „Glaubensinhalte spielten bei der Auswahl keine Rolle, es ging allein um Sprache.“ Ein hoher Anspruch, ein nicht einlösbarer Anspruch. Wie kann man Sprache ohne Inhalt, als rein poetische Form betrachten? Surminski hält sich in seinem Buch mit Kritik nicht zurück und verlässt damit den Bereich der reinen Sprachbetrachtung, zumal seine Kritik durchaus theologische oder theologiekritische Züge trägt.

So kritisiert er das Verschwinden der Hölle aus vielen Texten. Im großen Auferstehungskapitel des ersten Paulusbriefes an die Korinther steht nicht mehr „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“, sondern die Stelle endet in der Lutherbibel 2017 (und schon 1984), auch sprachlich schlechter, mit „Tod“: „Tod, wo ist dein Sieg?“ Die Hölle ist verschwunden. Den „gendergerechten Bemühungen“ kreidet Surminski an, dass alle Übersetzungen nur den Teufel in der männlichen Form belassen.

Inhaltliche Fundamentalkritik formuliert Surminski an der Unterschiedlichkeit und Charakteristik des Gottesbildes in der Jüdischen Bibel (rachsüchtig, neidisch, jähzornig) und im Neuen Testament (der „liebe Gott“). Diese Kritik wird sicher von theologischer Seite Gegenkritik auslösen, ebenso wie seine Kritik am Verhalten Jesu seiner Mutter und seinen Geschwistern gegenüber und andere Stellen, die den Schriftsteller anstößig bis schädlich anmuten, sodass er in einem Fall sogar die Eliminierung einer Bibelstelle vorschlägt. Da gibt es reichlich Diskussionsstoff.

Im „Hohelied der Liebe“ stößt sich Surminski an dem Wort: „Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden.“ Ihm erscheint deswegen das Hohelied „als Poesie gut, aber in der Sache überzogen.“ „Wenn im Korintherbrief die Liebe der Sprache übergeordnet wird …, müssen wir das ‚Wort‘ an die Spitze stellen.“ Das ist ein eindeutiges Bekenntnis gegen eine Bibelstelle, das Surminski mit Berufung auf Martin Luthers „Ein feste Burg“ legitimiert: „Das Wort sie sollen lassen stahn.“

Auch diese Position wird Diskussionen auslösen. Zwar sagt Goethes Tasso: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.“ Aber jeder Mensch kennt aus seiner Erfahrung Situationen, in denen die wortlose Liebe auch Leid, Schmerz und Tod überwinden kann.

Dennoch: Surminskis klares Eintreten für das Wort verdient höchste Anerkennung in dieser Zeit. Sein Buch ist ein wertvoller Beitrag zum Gespräch über die Bibel und ihre Sprache, ihre Poesie, ihre Unverzichtbarkeit, ihre Notwendigkeit, ihre Heilkraft. Dass wir das alles Luthers Sprache und ihrer Kraft verdanken, hat Surminski aus einer Außenposition, aus der Sicht des Schriftstellers, eindrücklich gezeigt, und so wird sein Buch, trotz aller Kritik, die es entfachen wird, ein Kleinod bleiben im gerade in unserer Zeit notwendigen religiösen Gespräch.

Klaus Weigelt (KK)

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