Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1293.

Die Kunst und die Kunst der Verständigung

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft feiert in Bonn Oskar Böse, durch Barbara Bachmann auch Otfried Preußler und Markus Karas

Das Wirken von drei Kulturpreisträgern prägte die Landestagung der Sudetendeutschen Landsmannschaft im Gustav-Stresemann-Institut sowie bei einem Festakt im Collegium Leoninum in Bonn.

Ein erster Rückblick auf die unglaubliche Entwicklung in den 65 Jahren seit der Vertreibung erhielt eine besondere Faszination durch den aus dem eigenen Erleben geprägten Vortrag von Oskar Böse, dem früheren Direktor des heute als Gerhart-Hauptmann-Haus firmierenden Hauses des Deutschen Ostens in Düsseldorf, langjährigem Kulturreferenten und Träger des Großen Kulturpreises der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Die Vertreibung der 15 Millionen Deutschen nach dem Zwieten Weltkrieg bezeichnete er als eine „große kulturhistorische Katastrophe“. Deutschland sei am Boden gewesen, von den Alliierten durch Gebote und Verbote beherrscht, die Deutschen durch das Unglück des Volkes wie gelähmt.

Das Jahr 1950 bezeichnete Böse als ein entscheidendes für die Gemeinschaft der sudetendeutschen Volksgruppe und aller deutschen Vertriebenen außerhalb der Heimat. Nach einer Erklärung von Detmold mit der Ankündigung eines sudetendeutschen Bundesverbands wurde im Wiesbadener Abkommen mit Vertretern des tschechischen Exils versichert, den Verstoß gegen die Menschenrechte auf friedliche Weise regeln zu wollen. Äußerst weitsichtig und zu diesem Zeitpunkt sensationell war die in diesem Zusammenhang ausgesprochene stellvertretende Entschuldigung des heimatvertriebenen Sudetendeutschen Dr. Rudolf Lodgman von Auen und des Exiltschechen General Lev Prchala für gegenseitig begangenes Unrecht. Die im gleichen Jahr in Stuttgart verabschiedete Charta der deutschen Heimatvertriebenen besiegelte den Verzicht auf Rache und Vergeltung und nannte schon damals das Ziel eines geeinten Europas. Oskar Böse würdigte schließlich den bedeutenden kulturellen Beitrag der Sudetendeutschen in Nordrhein-Westfalen, z.B. durch zahlreiche Kulturpreisträger und die Sudetendeutschen Schloßkonzerte im Schloß Brühl unter der Schirmherrschaft des damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau.

Daß der geplante Genozid an den Sudetendeutschen nicht gelungen sei, sei im wesentlichen auf drei Gründe zurückzuführen: den Selbsterhaltungswillen der Vertriebenen, den ersten Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe Rudolf Lodgman von Auen und schließlich die vielen Frauen und Männer in den unterschiedlichen sudetendeutschen Organisationen. Durch Reisen in die Heimat betrieben die Sudetendeutschen eine Politik von Mensch zu Mensch, unterstrich Böse. Aus vielen Patenschaften von westdeutschen Kommunen über Heimatorts- und Heimatkreisgemeinschaften seien Partnerschaften zwischen deutschen und tschechischen Städten und Kreisen unter Beteiligung und mit engagierter Brückenfunktion der jeweiligen Heimatvertriebenen geworden. Die Sudetendeutschen seien deshalb keine Nachhut der Vergangenheit, sondern Vorkämpfer für eine Partnerschaft freier Völker und Volksgruppen. Deutsche und Tschechen könnten in der Mitte Europas Impulse geben, forderte Böse und schloß mit dem Hinweis: „Wer Europa will, muß die Völker versöhnen.“

In eine Welt, in der „sudetendeutsche Produkte“ längst über die Grenzen von Zeit und Raum hinaus bekannt sind, führte der gemeinsam mit der Kreisgruppe Bonn veranstaltete Kulturelle Abend, bei dem die Diplom-Bibliothekarin Barbara Bachmann Leben und Werk des Schriftstellers Otfried Preußler vorstellte. Die von jenseits der Grenze aus Schlesien, nicht weit von Preußlers Heimatstadt Reichenberg, stammende Literatin, die bis 1996 als Bibliothekarin in Görlitz tätig gewesen war, verzauberte das Publikum durch ihre kenntnisreichen und geradezu verführerischen Einblicke in das Reich dieses „Fachmanns der Phantasie“. Neben 35 Büchern, die in über 50 Millionen Exemplaren und 55 Sprachen die ganze Welt eroberten, fanden die märchenhaften Ideen Preußlers Eingang in Puppenspiele, Theaterstücke, Filme und Hörspiele, Schallplatten und Kassetten; sie begeistern bis heute Kinder und Erwachsene.

Schon die Lebensgeschichte Otfried Preußlers sei aus der Sicht von Barbara Bachmann faszinierend mit Glasmachern, Kupferstechern und sogar zwei Zauberern als Vorfahren und einer tschechischen Großmutter mit einem visionären dicken Geschichtenbuch. Und auch das immer Versöhnliche in Preußlers Geschichten verstand die Referentin, technisch unterstützt von ihrem aus dem Egerland stammenden Ehemann, wunderbar darzustellen. Seine Einberufung an die Ostfront sofort nach dem Abitur, das Eintreten für gegenseitige Vergebung nach fünf Jahren russischer Kriegsgefangenschaft, das Suchen und Wiederfinden der Braut nach sieben Jahren, das Geschichtenerzählen als Lehrer in der Schule, zunächst nur mit dem Ziel, Ruhe zu schaffen. So entstanden die berühmten Erzählungen „Der kleine Wassermann“ (1955), „Die Kleine Hexe“ (1957), viel später „Das kleine Gespenst“, der seinen drei Töchtern gewidmete „Räuber Hotzenplotz“ (1962), der eine Flut von Leserzuschriften auslöste, die später alle beantwortet wurden. 1970 beendete Otfried Preußler seinen Schuldienst, aber seine Ideen und seine  Schaffensenergie sprudelten um so reicher. Mit „Krabat“ (1971) entstand erstmals ein Buch, das nicht nur für Kinder gedacht war. Und „Die Flucht nach Ägypten“ (1978) empfahl Bachmann sogar zur Bewältigung des Vertreibungstraumas. Tatsächlich werden Filme, Kassetten und Schallplatten Preußlers längst für Therapien und für Englischkurse eingesetzt. Otfried Preußler machte sich aber auch durch Übersetzungen einen Namen, etwa aus dem Tschechischen („Kater Mikesch“) und dem Weißrussischen („Der starke Wanja“). Hinzu kamen eine Sagensammlung aus Deutschland, eine Bildergeschichte über den Heiligen Nikolaus, eine Reimesammlung oder ein großes Balladenbuch (zusammen mit Heinrich Pleticha).

Es erscheint unmöglich, dieses überquellende, phantastische Werk des inzwischen 86jährigen Otfried Preußler, der bereits vor vielen Jahren den Großen Kulturpreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft erhalten hat, auch nur annähernd an einem Abend vorzustellen. Barbara Bachmann gelang es jedoch vorzüglich, die Zuhörer in die Welt dieses einmaligen Geschichtenerzählers eintauchen zu lassen. Den Wahlspruch Otfried Preußlers traut man durchaus auch ihr zu: „Dankbar für jeden Tag.“

Da die Bonner Kreisgruppe der Sudetendeutschen Landsmannschaft das Glück hat, mit Rose Marie Zartner und Markus Karas zwei renommierte Musiker und Musikpädagogen als Mitglieder in ihren Reihen zu haben, konnte sie bei einer Festveranstaltung anläßlich des 60jährigen Bestehens gemeinsam mit der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen in der Alten Kirche des Collegium Leoninum auf die Mitgestaltung durch den Kulturpreisträger für ausübende Kunst des Jahres 2008, den im Jahr 1961 als Sohn eines Olmützers geborenen Markus Karas, zurückgreifen. Der Regional- und Münsterkantor in Bonn, Dirigent, Dozent und Konzertorganist präsentierte mit seinem Frauenchor „BonnSonata“ deutsche Spitzenklasse und spielte auf dem riesigen Fazioli-Flügel seine Komposition „Tanzsonate für Klavier“. Die zartfühlende Präzision des Chorgesangs, der auch aufgezeichnet wurde, waren atemberaubend. Mit stehendem Applaus wurden die Darbietungen von „BonnSonata“ unter ihrem Dirigenten Markus Karas bedacht. Karlsbader Oblaten für die Sängerinnen und den Dirigenten waren ein bescheidener „Lohn“ für dieses hochrangige Musikereignis.

Ute Flögel (KK)

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