Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1306.

Die Maske als das einzig Wahre

Und als Ware aus Böhmen: Karneval, grenzüberschreitend in Düsseldorf

In der kleinen Ausstellung über die Reichstädter Papierfabrik „Eduard Engel“ und das sudetendeutsche Städtchen Reichstadt bei Böhmisch Leipa empfängt uns ein Bär mit schwarz-rot-goldenen Pranken. Im Mittelpunkt stehen Gipsmasken, Maskenvorlagen, Druckplatten und Papierdokumente der ehemaligen Papierfabrik, die bis 1945 der größte Arbeitgeber in Reichstadt war und Weihnachts-, Faschings- und Karnevalsartikel herstellte, bevor die Familie vertrieben und die Fabrik und der Gesamtbesitz von der tschechoslowakischen Benesch-Regierung beschlagnahmt wurde.

Der jetzige Inhaber der Fabrik, Zdenek Rydygr, führt die Produktion seit dem Zusammenbruch des tschechoslowakischen. Kommunismus weiter, widmet sich aber gleichzeitig der Geschichte der sudetendeutschen Gründerfamilie und der gesamten Geschichte der Stadt Reichstadt und Umgebung. In kollegialer Form wird er dabei seit langem von Bernhard Kirschner (früher Reichstadt, jetzt Düsseldorf) unterstützt, der mit seinen Aktivitäten auch die Idee zu dieser Ausstellung aufbrachte.

Große, originell gekleidete Figurinen wie eine Köchin, ein Schutzmann, ein Clown und Tiergestalten sowie halbplastische Dekorationsfiguren wie ein Vogelgesicht, ein Kuhgesicht oder ein Mondgesicht sowie Druckvorlagen füllen die Vitrinen.

In einem kopierten Originalbrief des Jahres 1935 teilt der Fabrikant Engel einer Interessentin aus Kalifornien mit, daß die Weihnachtsartikel leider völlig ausverkauft seien, und schickt den vorausgesandten Scheck über 1,8 Dollar zurück. Als Kontrast können in einer Vitrine des Düsseldorfer Karnevalsvereins „Spießratze e. V.“ rheinische Karnevalsorden bewundert werden.

Auf alten Preislisten können eine hübsche „Elsässerhaube“ für 3 Reichsmark und ein Phantasie-Militärhut (!) für 5 Reichsmark für den Fasching (angeblich von „Fastenschank“) erstanden werden, auch Nasen, Masken, Girlanden, Bärte, Lampions, Rüssel, Kronen und Fähnchen. Beim Verkaufsangebot dürfen sudetendeutsche und bundesdeutsche Fähnchen nicht fehlen.

Erweitert wird die Ausstellung durch eine Reihe von Fototafeln, die unter anderem die Fabrikgründer, die wichtigsten Gebäude Reichstadts, das alte Habsburgerschloß, die unlängst mit deutscher Hilfe renovierte Dreifaltigkeitssäule und die Kirchen zeigen.

Der Trauerzug für Bürgermeister Eduard Held im Jahre 1937 und die Begrüßung der deutschen Wehrmacht beim „Anschluß“ des Sudetenlandes 1938 durch seinen Sohn erinnern an die dramatischen Ereignisse in der Zeit vor der Vertreibung. Darüber gibt es leider keine Fotos, nach Möglichkeit sollten sie noch später hinzugefügt werden. Bis 1945/46 hatte der Ort mit ca. 3000 Bürgern eine zu 95 Prozent deutsche Bevölkerung, bevor die Vertreibung durch die Benesch-Regierung ausgelöst wurde und den seit der Pest größten Niedergang verursachte.

Vertriebene Reichstädter bemühen sich seit Jahren im Verein mit geschichtsbewußten tschechischen Neubürgern wie Zdenek Rydygr unter anderem um den Erhalt des sudetendeutschen Kulturerbes und einen von Offenheit und Menschlichkeit bestimmten Neuanfang, wozu auch diese Ausstellung beitragen soll.

Rüdiger Goldmann (KK)

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