Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1347.

Die Not der Stunde und der Segen Gottes

Sie waren gleichermaßen für alle da: „Unfreiwillige“ Ökumene in Niederschlesien nach 1945 auf einer Tagung in Haus Schlesien

Die-Not-der-StundeDie Bonner Historikerin Dr. Inge Steinsträßer und die Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums für schlesische Landeskunde, Nicola Remig, richteten in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk Rhein-Sieg-Kreis, der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis An Sieg und Rhein, der Volkshochschule Siebengebirge und Annemarie Franke, der Kulturreferentin für Schlesien, ein umfangreiches Tagungsprogramm unter dem Motto „Heraus aus der Vergessenheit – ‚Unfreiwillige‘ Ökumene in Niederschlesien nach 1945“ aus. Dabei ging es vorrangig um die weitgehend unbekannte Phase der unmittelbaren Nachkriegszeit hinter dem Eisernen Vorhang. Am umfangreichen Programm beteiligten sich konfessionsübergreifend evangelische und katholische Wissenschaftler sowie Zeitzeugen aus Deutschland und Polen.

Anlass für das Zustandekommen der Fachtagung im Haus Schlesien war, so Dr. Inge Steinsträßer, die bereits seit 2007 laufende Reformationsdekade, die im Lutherjahr 2017 ihren Höhepunkt erreichen wird. Hintergrund ist, dass Kirche und Staat zusammen in zehn Themenjahren den Weg hin zum 500-jährigen Reformationsjubiläum 2017 veranschaulichen. Am 31. Oktober 2013 hat das Themenjahr „Reformation und Politik“ begonnen. Haus Schlesien hat das Motto aufgegriffen und sich als Ziel gesetzt, die historische, politische sowie konfessionelle Situation im Niederschlesien der Nachkriegszeit näher zu betrachten und wissenschaftlich zu begleiten.

Historisch-politischer Hintergrund: Im südlichen Niederschlesien wurde nach dem Kriegsende eine große Anzahl Deutscher – vor allem Facharbeiter im Bergbau und in der Textilindustrie – von der Vertreibung ausgenommen bzw. von der Aussiedlung abgehalten. In den Kreisen Waldenburg und Landeshut handelte es sich um eine Gruppe von etwa 30 000 Deutschen. Die überwiegend der evangelischen Konfession angehörenden Pfarrer und der Großteil der Bevölkerung wurden im Jahre 1945/46 vertrieben. Aus der Not entstand vielerorts eine pragmatische Lösung in der Seelsorge der verbliebenen deutschen evangelischen und katholischen Christen.

Das gemeinsame Schicksal im polnisch gewordenen Schlesien, der Verlust der staatsbürgerlichen Rechte sowie einer angemessenen Entlohnung und sozialen Absicherung ließ die gemischtkonfessionelle deutsche Restbevölkerung zu einer Ökumene zusammenfinden. Christliches Denken und Handeln erforderten auch ein Überwinden der Gegensätze zu den nach Schlesien umgesiedelten Polen.

In ihrem Vortrag „Zur Situation der deutschen Restbevölkerung in Schlesien 1945 und in den Jahren danach“ beschäftigte sich Dr. Inge Steinsträßer mit Themen der Evakuierung bzw. Flucht der schlesischen Bevölkerung aus ihrer angestammten Heimat sowie mit der Lage der in Niederschlesien verbliebenen deutschen Familien. Einen Überblick über Laien in der Seelsorge, die Arbeitsbedingungen und -schwerpunkte in der evangelischen Pastoral bot Manfred Richter aus Hildesheim.

Studiendirektor i. R. Peter Börner aus Siegburg wiederum stellte die Betreuung der verwaisten evangelischen Gemeinde Bunzlau durch den Erzpriester Paul Sauer in den Fokus seines Referates. Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt aus Berlin sprach über „Kirche ohne Pastoren. Zur Situation der deutschen evangelischen Kirche in Niederschlesien nach 1945“. Um „Wandernde ‚Hirten‘ und ‚pilgernde‘ Herde. Die deutschen katholischen Restgemeinden in Niederschlesien nach 1945“ ging es im Referat von Privatdozent Dr. Michael Hirschfeld aus Vechta. Auf Auswirkungen der „unfreiwilligen“ Ökumene auf das Gemeindeleben ging Professor Dr. Joachim Köhler aus Tübingen in seinem Vortrag ein.

In ihrem Vortrag „P. Nikolaus von Lutterotti OSB (1892–1955) – unter Katholiken, evangelischen Diakonissen und gemischtkonfessionellen Chorsängern, als Deutschenseelsorger im oberen Waldenburger Bergland“ verwies Dr. Inge Steinsträßer zunächst auf die Ausgangssituation vom Mai 1946. Es war die Zeit, als die reichsdeutschen Mönche der Abtei Grüssau gemeinsam mit der Gemeinde Grüssau vertrieben wurden. Mit Pater Nikolaus von Lutterotti verblieben vier weitere Mitbrüder anderer Nationalität in Grüssau zurück, die als „Ausländer“ vom polnischen Vertreibungsdekret nicht betroffen waren. Aspekte der Seelsorge im Verbund mit den übrigen katholischen Geistlichen und Laienkatecheten kamen ebenso zur Sprache wie beispielsweise das Verhältnis zum polnischen Klerus und dessen Engagement in der Deutschenseelsorge oder die Gemeinsamkeiten mit den evangelischen Christen.

Dieter Göllner (KK)

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