Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1312.

Die Ostsee, das ist ein weites Feld

Schüler im bayrischen Wettbewerb „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“ gingen auf „Schatzsuche“ dorthin

Zum bayerischen Schuljahresende fand in der ehemaligen Reichsstadt Memmingen im bayerischen Schwaben die mehrtägige Abschlußveranstaltung des Schülerwettbewerbs „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“ statt. Über 9000 Schülerinnen und Schüler in den unterschiedlichsten Altersgruppen von der zweiten bis zur zwölften Klasse befaßten sich in verschiedensten Disziplinen mit der Suche nach dem „Schatz der Ostsee“. Über 600 Preise wurden vergeben. 200 bayerische Schulen beteiligten sich am Wettbewerb, zwölf aus Oberschlesien und Pommern (Polen), zwei aus Rumänien, eine aus Ungarn und eine aus der Russischen Föderation. Über 100 Projekte wurden eingereicht, von denen die Siegerarbeiten nicht nur im Maximilian-Kolbe-Haus in Memmingen in einer Ausstellung vorgestellt, sondern den zahlreich erschienenen Gästen auch während eines Festaktes präsentiert werden konnten.

In Gegenwart des Memminger Oberbürgermeisters Dr. Ivo Holzinger, des Landesvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Landrat Christian Knauer, und weiterer Vertreter aus Kommunal- und Landespolitik sowie zahlreichen landsmannschaftlichen Organisationen verliehen Ministerialdirigentin Elfriede Ohrnberger in Vertretung von Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle die Preise an die bayerischen Teilnehmer, Dr. Ortfried Kotzian für das Haus des Deutschen Ostens und Dr. Horst Kühnel, der stellvertretende Vorsitzende des HDO-Fördervereins, jene für die ausländischen Teilnehmer.

In seinem Grußwort zu Sinn und Notwendigkeit des Wettbewerbs nahm Dr. Ortfried Kotzian, der Direktor des Hauses des Deutschen Ostens in München, auch zu aktuellen Entwicklungen in den baltischen Staaten nach der EU-Osterweiterung Stellung. Wir dokumentieren seine Ansprache in Aus-
zügen.

Einen „Schatz“ galt es zu heben beim diesjährigen Schülerwettbewerb „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“. In der Ostseelag er verborgen oder besser ausgedrückt in den Ländern und Regionen, deren Küstenlinie sich an der Ostsee entlangzieht: Pommern, Danzig, West- und Ostpreußen, das Memelland, Litauen, Lettland, Estland und jener Teil Rußlands, der von der Festung Iwangorod an der estnisch-russischen Grenze bis St. Petersburg reicht. Der „Schatz“, der auf der Wettbewerbsausschreibung als großer Bernstein-Klunker mit Inkluse, einer versteinerten oder verharzten Stechmücke, Libelle oder sonst einem Insekt daherkam, war damit recht gegenständlich beschrieben. Wer das Wettbewerbsheft jedoch öffnete, dem wurde bald klar, um welchen „Schatz“ es in Wirklichkeit ging.

Es war der „Schatz der deutschen Kultur“ in den genannten Regionen und Ländern gemeint. Es ging um Kulturleistungen, um Kulturbeziehungen, um Kulturaustausch und um Kulturvermittlung. Dabei waren in einer mehr als 1000 Jahre andauernden gemeinsamen europäischen Geschichte beileibe nicht immer die Deutschen die Gebenden, Polen, Litauer, Esten, Letten und Russen dafür immer nur die Nehmenden. Es kam zu einer wechselseitigen kulturellen Befruchtung, die sich auf alle Bereiche des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens bezog, die Nordeuropa mit Osteuropa und beides mit Mitteleuropa verband. Neben den genannten Völkern spielten Dänen, Schweden, Finnen und andere eine ebenso wichtige Rolle wie die Deutschen.

Es gab zwei gute Gründe, warum im Jahre 2011 das Haus des Deutschen Ostens, das für die Verbreitung des bayerischen Schülerwettbewerbs im Ausland bei Schulen mit verstärktem Deutschunterricht zuständig ist, als Ziel seiner jährlichen Studienreise das Baltikum gewählt hat. Der eine liegt darin, daß die estnische Hauptstadt Reval (das ist der deutsche Name für Tallinn) zur Kulturhauptstadt Europas 2011 ernannt worden ist und weil mit Blick auf Reval/Tallinn und die deutsch-estnischen Beziehungen von „Geschichten am Meer“ gesprochen werden kann, wie das Kulturhauptstadtmotto für dieses Jahr lautet. Unter dem Namen Reval war die Stadt einer der wichtigsten Häfen und Handelsplätze der Hanse.

Die Stadt wurde mit größter historischer Wahrscheinlichkeit von deutschen Kaufleuten gegründet. Der zweite Grund ist, daß wir mit unserer Reise den „Schatz der Ostsee“ heben wollten, weil wir auf „Spurensuche“ nach den Überresten deutscher Kultur und ihrer aktuellen historischen und politischen Verarbeitung gehen wollten in dem Bewußtsein, daß die allermeisten baltischen Städte auch deutsche Namen haben und es sich mit den geographischen Bezeichnungen beispielsweise der Inseln ebenso verhält: Dagö (Hiiumaa) oder Ösel (Saaremaa).

Am Ende der Reise mußten unsere Mitreisenden alle jene Rätsel lösen und jene Fragen beantworten, die der bayerische Schülerwettbewerb in diesem Jahr als Aufgabe gestellt hat. Was war das Ergebnis der Studienreise im Hinblick auf die Zielsetzungen des alle zwei Jahre stattfindenden Schülerwettbewerbs und im Hinblick auf die eigene Zielsetzung der Suche nach der deutschen Kultur im Baltikum?

Die diesjährige Studienreise trug den Titel „20 Jahre jung und echt europäisch: Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen und ihre Beziehungen zu den Deutschen mit einem Besuch der Europäischen Kulturhauptstadt 2011 Tallinn/Reval“. Nach Abschluß der Reise würde ich das Stichwort „echt europäisch“ für alle drei im Mai 2004 in die Europäische Union eingetretenen Staaten mit einem Fragezeichen versehen. Wenn Zugehörigkeit zur Europäischen Union bedeutet, daß in den Mitgliedsstaaten „europäischer Geist, europäisches Bewußtsein und europäische Darstellung der Geschichte“ vorherrschen, verbunden mit Sprachenvielfalt, Offenheit gegenüber den kulturellen Leistungen des anderen, so haben diese „Tugenden“ in den letzten 20 Jahren in den baltischen Staaten eher ab- als zugenommen.

Ein Beispiel möge illustrieren, was ich meine. Im „Haus der Großen Gilde“ in Tallinn war wenige Tage vor unserem Besuch nach einer Neugestaltung das „Historische Museum Estlands“ feierlich eröffnet worden. Allein schon der Ort des Museums weist auf das Wirken der deutschen Kaufleute in Reval hin. Sie waren nämlich in der „Großen Gilde“ versammelt. Die mit erheblichem modernem technischen Aufwand gestaltete Ausstellung kannte nur zwei Sprachen: Estnisch und Englisch. Die ausgestellten Dokumente jedoch waren in deutscher Sprache.

So viel zur Sprachenpraxis. Von den Jahrhunderte andauernden deutschen Kultureinflüssen ganz zu schweigen, die nicht nur vom Deutschen Orden und der Hanse ins Baltikum gebracht wurden, sondern im russischen Zarenreich in den deutschen Provinzen Rußlands durch die russischen Herrscher ausdrücklich gesichert wurden. Unter dem Deckmantel europäischer Moderne wird Geschichte „nationalisiert“. Das ist bedenklich und uneuropäisch.

Man sieht an diesem Beispiel, wie wichtig es ist, unsere bayerischen Schülerinnen und Schüler mit den gesellschaftlichen Prozessen in unseren europäischen Nachbarländern vertraut zu machen. Es geht darum, Politik zu durchschauen, sie analysieren und richtig bewerten und beurteilen zu können. Dabei dürfen wir unsere östlichen Nachbarn nicht aus dem Blickfeld verlieren, ja wir müssen sie neu entdecken. Deshalb ist dieser Schülerwettbewerb so wichtig. Deshalb ist es so wichtig, ihn auch im östlichen europäischen Ausland anzubieten. Daß in diesem Jahr zu den Schulen aus Polen (hier besonders Oberschlesien und Pommern) und Rumänien (Banat, Siebenbürgen, Sathmar) auch je eine Schule aus der Russischen Föderation und aus Ungarn teilgenommen hat, erfüllt uns mit Stolz.

(KK)

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