Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1378.

Die polnischen Ausläufer der „Bloodlands“

„Verstoßene Soldaten“ wurde in Polen zum Sammelbegriff für bewaffnete Widerstandsgruppen, hervorgegangen aus der „Landesarmee“ (AK)

Wie setzt man gewaltsames Sterben ins Bild? Polnische Erfahrung mit Ersterem hat Andrzej Wróblewski zu einer ganzen Bilderserie „Erschießungen“ inspiriert Bild: Archiv

Stanislaw Wnorowski kam im April 1947 in der Todeszelle des Zuchthauses Rzeszow zur Welt, wo seine Mutter als „verstoßene Soldatin“, also antikommunistische Widerstandskämpferin, auf ihre Hinrichtung wartete. Zwar wurde sie später zu lebenslänglicher Haft begnadigt, aber auf ihren Sohn „zeigte man mit Fingern als Banditenkind“. Ähnlich erging es rund 40 Leidensgenossen, die vor einigen Monaten unter Leitung von Magdalena Zarzycka-Redwan, 1949 im Gefängnis von Lublin geboren, eine „Gemeinschaft der Kinder verstoßener Soldaten“ bildeten, um zwei Ziele zu erreichen: Rehabilitierung ihrer verleumdeten Eltern und die eigene Anerkennung als Widerstandskämpfer und politisch Verfolgte.

Das erst Ziel ist erreicht, denn 2011 erklärte Polens damaliger Präsident Komorowski den 1. März zum Nationalen Gedenktag für die verstoßenen Soldaten, nun offiziell „Helden des antikommunistischen Untergrunds“, die 1944–1956 „mit der Waffe in der Hand gegen das von den Sowjets aufgezwungene kommunistische Regime“ kämpften.

Die Ungerechtigkeit ihnen gegenüber bewirkt, dass der März eine Zeit des Gedenkens, aber auch ein Moment nationaler Scham ist, dass man Stalin geglaubt hat.

Die alte Ungerechtigkeit ihnen gegenüber bewirkt, dass jeder März zwar eine Zeit des Gedenkens mit Feiern, Ausstellungen etc., aber auch ein Moment nationaler Scham darüber ist, dass man Jahrzehnte zuvor der stalinistischen Propaganda geglaubt hat. Davon konnte sich nicht einmal die katholische Kirche freisprechen, die im April 1950 das „verbrecherische Bandenwesen des staatsfeindlichen Untergrunds“ verdammte. Im März 1951 wurden im Warschauer Gefängnis Mokotow die letzten Führer des gesamtpolnischen Widerstands hingerichtet. Erst 60 Jahre später erinnerte man sich wieder an diesen, und damit „haben wir viel zu lange mit dem Heldengedenken gewartet“, rügte Regierungschefin Ewa Kopacz.

Die Benennung „verstoßene Soldaten“ entstammt einem Brief, den damals ein kommunistischer Offizier an die Witwe eines gefallenen Kämpfers schrieb: „Er hat sich, Sie und Ihr Kind mit Schande bedeckt, hat Volk und Vaterland verraten, dem schlimmsten Feind Hitler geholfen. Ihm gilt ewiger Hass unserer Soldaten und Offiziere, jeder Pole verdammt ihn, mögen ihn auch seine Frau und das Kind verstoßen.“ Mit diesem Brief eröffnete im April 2012 der Historiker Leszek Zebrowski von der Republikanischen Stiftung die Ausstellung „Verstoßene Soldaten“, deren Anklage er betonte: „Unsere Helden fanden noch kein Grab, ihre Leichen dienten Medizinstudenten als Präparationsobjekte, wenn sie nicht gleich in Sickergruben entsorgt wurden.“ Erst seither sind die „verstoßenen Soldaten“ hochgeachtete Kämpfer des „Antikommunistischen Aufstands in Polen 1944–1953“, für die Präsident Andrzej Duda im August 2016 eine Gedenktafel am Warschauer Grab des Unbekannten Soldaten enthüllte.

„Verstoßene Soldaten“ wurde zum Sammelbegriff für zehn (oder mehr) bewaffnete Widerstandsgruppen, ohne zentrale Führung und mit divergierenden Strukturen, obwohl allesamt hervorgegangen aus der 1942 gegründeten „Landesarmee“ (AK), die auf Befehl der Londoner Exilregierung mit zuletzt 380 000 Kämpfern (1944) den deutschen Besatzern wirksam zusetzte, dabei ca. 100 000 Gefallene verzeichnete. Ihr letzter Führer war General Leopold Okulicki, der 1944 vor der in Polen einmarschierten Roten Armee feige kuschte und am 19. Januar 1945 die AK auflöste, ihr aber die denkbar größte Last aufbürdete: „Wir wollen keinen Krieg mit den Sowjets, aber wir werden auch nie einem anderen Leben zustimmen als dem in einem souveränen und gerecht regierten polnischen Staat. Mein letzter Befehl lautet: Beim weiteren Kampf für ein unabhängiges Polen muss jeder sein eigener Befehlshaber sein! Nur so könnt ihr Polen treu bleiben.“

Okulicki wurde im März 1945 von den Sowjets verhaftet, mit 15 weiteren AK- und Untergrundführern in Moskau vor Gericht gestellt, wobei er die Sowjets anklagte, Warschau den Deutschen bewusst überlassen zu haben. Am 24. Dezember 1946 wurde er im Gefängnis ermordet, wie Moskau erst 1956 eingestand. In Polen erzielte der Widerstand der „Verstoßenen“ einige Erfolge. Zu ihm zählten, wie im Juli 1947 ein US-Geheimbericht auflistete, eine halbe bis zu einer Million Menschen –
50 000 kämpfende Partisanen, 400 000 Mann Reserve, der Rest „konspirativer Untergrund“ zu Propaganda und „Infiltration von Regierungsstrukturen“.

Ihnen gegenüber standen bis Mitte 1945 zwei Millionen Rotarmisten, die 1946 größtenteils abgezogen wurden, nachdem sie militärische Passivität mit „ausstehenden Befehlen Moskaus“ bemäntelten. Aktiver waren die 35 000 Mann des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, der in Polen 1000 Angehörige verlor.

Sowjetische Aktionen blieben wegen ihrer Brutalität unvergessen, etwa die „Treibjagd von Augustów“ im Juli 1945, bei der 2000 polnische Kämpfer in Gefangenschaft gerieten, worauf sich alle ihre Spuren verloren. Hauptkampfplatz der Sowjets waren die okkupierten Regionen Vorkriegs-Polens, vor allem das westliche Belarus, wo bis 1953 polnische Partisanen kämpften, anfangs 1700 Mann in 40 Einheiten. In Polen mobilisierte das Regime 180 000 Bewaffnete von Polizei, Sicherheit und Armee, wobei die mehreren Tausend „Aktionen“ beiderseits gnadenlos waren und das Regime 12 000 Tote kosteten.

Die Widerständler hatten aus ihrer AK-Abkunft beste Bedingungen geerbt, wie sich an ihrer guten Versorgung und Bewaffnung zeigte: Uniformen, (halb)automatische Waffen, Funkgeräte, Geschütze, LKWs etc. Wenn sie Staatskassen „expropriiert“ hatten, gab es sogar Sold, 50 bis 100 Zloty pro Tag, nicht für Alkohol zu verwenden! Selbst eine eigene Liedkultur hatten die „Verstoßenen“: „Wir wollen keine Sichel und Hammer, / nach Rache steht uns der Sinn, / um Polens Blutschuld zu begleichen.“

Die heftigsten Kämpfe spielten sich in den waldreichen Bergregionen im Osten ab, Linie Bialystok–Lublin–Rzeszów, hier auch gegen Sowjets, denn wie der Kommandant von Bialystok sagte: „Die blutige Besatzung der Sowjets übertrifft an Bestialität sogar die deutsche“. Südlich davon, im Kielcer Bergland oder Heiligkreuzgebirge, hatte die alte AK ihr Hauptgebiet gehabt, jetzt agierten hier die 8000 Mann von „Szary“ (Antoni Heda, 1916–2008), dem wohl legendärsten Führer der „Verstoßenen“. Anderswo, westlich der Linie Danzig–Posen–Breslau, gab es kaum Kämpfe, was an der strengen Kontrolle über die früher deutschen Gebiete lag.

Die „Verstoßenen“ hofften auf den baldigen Krieg der Westalliierten gegen Stalins UdSSR, aber diese Hoffnung verflüchtigte sich ab Frühjahr 1946, als nur noch 6600 Kämpfer aktiv waren. Das Regime verkündete 1945 und 1947 Amnestien, mit denen es die „Verstoßenen“ aus der Deckung locken wollte. 1950 gab es nur noch 1800 Kämpfer, von denen nach 1953 ganze 400 verblieben. Als „letzter Partisan Polens“ fiel am 21. Oktober 1963 Josef Franczak. Er war einer von 8600 Gefallenen, zu denen 20 000 kamen, die in Gefängnissen verstarben, und 2500, die hingerichtet wurden.

Wolf Oschlies (KK)

«

»