Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1313.

Die Quadratur der Integration

An ihr arbeitet die DJO Nordrhein-Westfalen seit 60 Jahren

Zur Feier seines 60jährigen Bestands hatte der Landesverband Nordrhein-Westfalen der DJO (Deutsche Jugend in Europa) e.V. ins Sozialistische Bildungszentrum Salvador Allende  in Oer-Erkenschwick eingeladen. In einer Ausstellung mit Dokumenten, Bildern und Erinnerungsstücken aus der vielfältigen Tätigkeit wurden Arbeit und Entwicklung des Vereins dokumentiert. 1951 auf der Burg Ludwigstein durch den Zusammenschluß bestehender ostdeutscher Jugendvereinigungen als Gesamtverband jugendlicher Heimatvertriebener gegründet (damals Deutsche Jugend des Ostens), ist er heute, in der dritten Generation, noch immer aktiv, kontaktfreudig und anpassungsfähig. Schon immer waren es diese drei Merkmale, die den Verband auszeichneten und im Bestreben zur Eingliederung heimatvertriebener, ausgesiedelter und zugewanderter Jugendlicher erfolgreich sein ließen.

Unter den Teilnehmern an der Feier in Oer-Erkenschwick befanden sich auch Mitglieder der ersten Stunde, die noch immer dem Verein angehören und in ihm tätig sind. Werner Richter, mit zwölf Jahren heimatvertrieben, erinnert in der zum 60. Jahrestag der DJO herausgegebenen Festschrift an das Landestreffen von 1957 in Münster (3000 Jugendliche nahmen daran teil): „Wir übernachteten in den Pferdeboxen der angrenzenden Ställe … Der Schweigemarsch durch Münster war für alle ein beeindruckendes Erlebnis, denn wir gedachten der verloren gegangenen Heimat – Ausdruck auch einer verloren gegangenen Geborgenheit.“ Und Hermann Kinzel, gleichfalls von Anfang an und bis heute dabei, weist auf zwei Wurzeln der Verbandsarbeit hin: „Kümmern um die Jugendlichen aus der engeren ostdeutschen Heimat, und Kümmern um junge Menschen ohne Rücksicht auf ihre Herkunft … Die Arbeit der ersten Heimatvertriebenengruppen … war Sozialarbeit – keine politische.“ Darin sieht der Sudetendeutsche, ehemaliger stellvertretender Bundes- und Landesvorsitzender NRW der DJO, „die Auslöser für unsere heutige Verbandsstruktur“.

Wie diese aussieht, zeigte das Programm zum Jubiläumstag in Oer-Erkenschwick, in dessen Verlauf neben ostdeutschen Gruppen der Kurdische Kinder- und Jugendverband Komciwan und das Kinder-Musik-Theater „Der Spaß“ auftraten, dem Kinder und Jugendliche aus der ehemaligen Sowjetunion angehören. Zu den Partnern des DJO-Landesverbandes NRW zählen überdies der Assyrische Jugendverband Mitteleuropa, die interkulturelle Jugendorganisation der Roma Terno Drom und der Jugend- und Studentenring der Deutschen aus Rußland JSDR NRW. Sie alle gelten als „jung, interkulturell und zukunftsfähig“, und alle sehen in der DJO ein Beispiel für die weitgehend gelungene Integration. Denn diese ist eines der Hauptziele der Jugendarbeit aller Vereine, und es ist der Erfahrungswert der deutschen Heimatvertriebenen, der für die Eingliederung von Zuwanderern ohne völlige Preisgabe von herkunftsbedingten Eigenheiten hilfreich sein könnte.

Diesen Integrationsgedanken sprach auch Zülfiye Kaykin, die Schirmherrin der Jubiläumsveranstaltung, an. Sie ist Staatssekretärin für Integration beim Minister für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen und Vorsitzende des Landesbeirates für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen. Neunjährig wanderte sie aus der Türkei zu, wurde als Einzelhandelskauffrau berufstätig, wirkte in verschiedenen gesellschaftlichen und religiösen Einrichtungen mit und wurde für ihren Einsatz für die Verständigung und das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft mehrfach ausgezeichnet. „Die Arbeit der DJO“, führte sie in Oer-Erkenschwick aus, „half Ausgrenzung und Ablehnung zu überwinden … Heute ist die DJO ein bunt gemischter Zusammenschluß junger Menschen, die im gegenseitigen Austausch nicht nur die Gruppe, sondern unsere ganze Gesellschaft bereichern.“

„Von einander lernen! Für einander da sein!“ lautete das Motto der Festveranstaltung. Es galt Jahrzehnte hindurch und ist auch heute von ungebrochener Aktualität. Jeder vierte Einwohner in Nordrhein-Westfalen hat einen Migrationshintergrund, und jeder von ihnen bezieht seine Herkunft und Kultur in das ein, was wir Integration nennen. Die „Fremden“ verändern unser Land, und sie verändern sich selbst auf ein „Wir“ zu. Denn „eine Kultur der Anerkennung“, so Staatssekretärin Kaykan, „ist nicht nur der Anerkannten, sondern auch der Anerkennenden wegen unabdingbar.“ Sie zitierte dazu Aristoteles, der behauptet, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Die DJO zeigte sich auf ihrer Festveranstaltung für diese Aufgabe zugänglich, ohne deswegen einen Gesinnungswandel durchmachen zu müssen. Christian Gradt, DJO-Landesvorsitzender, verwies auf das seit zehn Jahren die Verbandsarbeit mitbestimmende I-K-E-Konzept mit den Schwerpunkten Integration, Kultur, Europa, sowie auf die Verbindung zur EFCO (European Folk and Culture Organisation) und nicht zuletzt auf das, was eigentlich zu tun ist, und zwar  auf die Kooperation mit Selbstorganisationen von Migranten und deren Aufnahme als Landesgruppen. Es ist das Naheliegende und zugleich das Ungewöhnliche. Es erfordert Interesse, Verständnis und nachbarschaftliche Bereitschaft – und es braucht seine Zeit. Bei der DJO weiß man mit ihr umzugehen. In der dritten Generation mag sich einiges geändert haben, nicht aber der Grundsatz, Veränderungen zu erkennen und mitzutragen.

Zehn Jahre nach der Vertreibung zählte der NRW-Landesverband der DJO 430 Gruppen mit nahezu 30000 Mitgliedern. Zu Recht wird heute auf die organisatorische und integrative Leistung der Jugendarbeit in Nordrhein-Westfalen hingewiesen und darauf, daß diese im direkten Zusammenhang mit der Fähigkeit zu sehen ist, kreativ auf Veränderungen einzugehen. „Man war immer ein bißchen anders“, befindet der Bundesvorsitzende Thomas Hoffmann. Vielleicht kommt es auch heute darauf an, gerade die Unterschiede zu pflegen.

Das veränderte Deutschland in der Europäischen Union im Blick, öffnete sich die DJO ab 2003 für die Migrantenjugendverbände. Sie will Partner sein aus Erfahrung, wenn auch nicht mit einer vereinfachten Vorbildfunktion. Jede Integration hat ihre Eigenheiten und ihren Weg. Die deutschen Heimatvertriebenen hatten ursprünglich nicht die westliche Eingliederung im Sinn, sondern die Rückkehr in ihre Heimatgebiete, die türkischen Mitbürger von heute sind Angehörige ehemaliger Gastarbeiter auf Zeit, die Rußlanddeutschen kehren als Aussiedler heim in ein ihnen fremdes Land, die afrikanischen Asylbewerber erwarten Geborgenheit und Lebenshilfe. Oft ist Integration die letzte humane Lösung, und sie könnte zu  einem Merkmal der globalisierten Welt  werden. Das Beispiel der deutschen Heimatvertriebenen kann dabei gewiß nicht ein Muster für alle sein. Es zeigt indessen, wie aus Integrierten Integrierende werden, und bestätigt unser Wissen um die Relativität der Ereignisse und darüber, daß zu ihrer Bewältigung der historische Rückblick ebenso gehört wie der politische Weitblick.

Franz Heinz (KK)

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