Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1283.

Die Riesengebirgs-Älpler

Die Umsiedlung der Tiroler Protestanten nach Niederschlesien

Jahrhundertelang war das religiöse Bekenntnis in Deutschland und ganz Europa von existentieller Bedeutung. Zwar gehörten die Religionskriege seit dem 17. Jahrhundert in Europa der Vergangenheit an, mißliebige Minderheiten wurden jedoch weiterhin unterdrückt und benachteiligt, wenn sie sich nicht dem vorherrschenden Glauben anschließen wollten. In Frankreich änderte sich das erst mit der Revolution von 1789 und der Herrschaft Napoleons. Im Kaiserreich eines Franz I. und unter der Regierung Metternich galt die katholische Kirche als die „historisch gegebene einheitliche große Ordnungsmacht" (H. v. Srbik), der sich alle Untertanen zu fügen hatten.

Dies bekamen die Zillertaler Tiroler zu spüren, die insgeheim Protestanten geblieben waren und im Jahre 1834 an Kaiser Franz die Bitte richteten, aus der katholischen Kirche austreten und eine eigene evangelische Gemeinde im Zillertal bilden zu dürfen. Ihre Heimat Tirol wollten sie dabei keinesfalls verlassen.

Obwohl es sich nur um rund 400 Menschen handelte, wurde dieser Wunsch im Widerspruch zu Artikel 16 der deutschen Bundesakte abgelehnt. Dort heißt es: „Die Verschiedenheit der christlichen Religions-Partheyen kann in den Ländern und Gebieten des deutschen Bundes keinen Unterschied in dem Genusse der bürgerlichen und politischen Rechte begründen."

Diese vertragliche Festlegung hätte das Kaiserreich Österreich als Mitglied des Deutschen Bundes eigentlich befolgen müssen. Wien gestattete aber die Übersiedlung in andere Provinzen des Reichs, in denen es schon nichtkatholische Gemeinden gab. Drei Jahre später wurden Maßnahmen gegen diejenigen ergriffen, die auf dem Austritt aus der katholischen Kirche beharrten. Diese Unbelehrbaren sollten zur Auswanderung aus der Monarchie oder zur Aussiedlung in andere Länder des Reiches gezwungen werden.

Für die Verwirklichung dieses kaiserlichen Beschlusses waren Graf Kolowrat, der damalige Erzbischof von Salzburg, Friedrich Fürst Schwarzenberg und Metternich verantwortlich. Staatskanzler Fürst Metternich sah in den Protestanten Tirols, „dieser festen Grenzbastion Österreichs" (H. v. Srbik), eine Gefahr für den Katholizismus, dessen Einheit er nicht durchbrechen lassen wollte. Der Auszug durfte nur familienweise mit österreichischen Pässen auf vorgeschriebenen Wegen durch Böhmen und Mähren an die preußische Grenze nach Schlesien erfolgen.

Die Tiroler hatten zuvor eine Gesandtschaft unter Leitung des Schuhmachers Johann Fleidl zum preußischen König Friedrich Wilhelm III. geschickt, der ihnen die Aufnahme in Preußen zusagte. Durch die Vermittlung der Gräfin Friederike von Reden fanden die Umsiedler im niederschlesischen Erdmannsdorf bei Hirschberg auf den Gütern des Königs und in weiteren Orten mit Blick auf das Riesengebirge eine Zuflucht.

Bis zur zweiten Vertreibung durch den polnischen Staat im Jahre 1945/46 lebten sie dort mehr als hundert Jahre. Ihre Tiroler Bauernhäuser und ihren gesamten Besitz beschlagnahmte sodann die polnische Verwaltung. Viele dieser Gehöfte und ein kleines Museum in Erdmannsdorf (polnisch Myslakowice) auf dem Wege nach Krummhübel erinnern bis heute an ihre Präsenz in der früheren schlesischen Heimat. Ihre Gemeinschaft besteht weiter fort – in der nunmehr „dritten", der bundesdeutschen.

Die damalige erste Vertreibung – immerhin ohne Grausamkeiten – gehört zweifellos zu den unrühmlichen Handlungen der damaligen österreichischen Bischöfe und Politiker. Wie schon im Falle der französischen Hugenotten und der evangelischen Salzburger profitierte Preußen von der österreichischen Kurzsichtigkeit, die bis heute nicht vergessen wird.

Rüdiger Goldmann (KK)

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