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Ausgaben: Ausgabe 1344.

Die Samtene Revolution kam auf Samtpfoten

Diözesantag der Würzburger Ackermann-Gemeinde

Die-SamteneDas Thema „25 Jahre Samtene Revolution“ stand beim diesjährigen Diözesantag der Würzburger Ackermann-Gemeinde im Mittelpunkt. Den Grund für diese Wahl nannte der Würzburger Ackermann-Diözesanvorsitzende Hans-Peter Dörr. Es sollten die positiven Ereignisse und damit das Thema „25 Jahre Samtene Revolution“ und nicht das Gedenken an die Weltkriege beleuchtet werden.

Der Historiker Jan Šicha (Studentenführer im Jahr 1989) zeigte auf, dass spätestens mit der Selbstverbrennung Jan Palachs im Januar 1969 „die Mehrheit der Gesellschaft gespürt hat, dass Nischen nur im Privaten möglich waren“. So entstand eine parallele, eine Schattenwelt gegenüber der offiziellen. Der Staat seinerseits baute Staatssicherheit und Geheimpolizei aus. „Die Sanfte Revolution kam unerwartet, man war in die eigenen Nischen eingewöhnt“, beschrieb der frühere Studentenführer die Situation im Herbst 1989.

Eine Sonderrolle schrieb er der Kirche zu als einer Insel, „auf der man anders leben konnte“. Erst die Studenten hätten laut Šicha mit ihren Forderungen für eine Ausbreitung der Wechselstimmung gesorgt. Die Forderungen seien im Januar 1990 weitgehend erfüllt gewesen, weitere programmatische Konzepte stammten dann von Leuten aus der Zeit des Prager Frühlings oder von Václav Klaus (Privatisierung, Neoliberalismus).

Michael Frank, langjähriger Mitteleuropa-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, schilderte die 70er und 80er Jahre in der CSSR aus seiner Sicht. So habe es hier – im Kontrast zu den anderen kommunistischen Staaten – kaum an Waren/Angeboten gemangelt. „Man hat in einer Kombination von Konsumgesellschaft und ideologischer Gängelung versucht, die Situation zu befrieden“, charakterisierte Frank die damalige Lage. „Diese hochstehende sozialistische Konsumgesellschaft führte dazu, dass man dann, als in den anderen Ländern revolutionsvorbereitende Dinge begannen, diesen mit Skepsis begegnete“, nannte Frank einen weiteren Grund für die spezielle Ausgangslage, wo auch die traumatischen Erinnerungen an den Prager Frühling prägend waren. Die Wende in Richtung der großen Demonstrationen sieht Frank in eher zufälligen Ereignissen (Prügelei bei einer früheren Demonstration, Rede von Miloš Jakeš im Sommer 1989). „Damit war die Sache für das Regime verloren. Man merkte, dass es sich lohnt, sich dieser Bewegung anzuschließen. Sie verfügte über Glaubwürdigkeit ohne Machtanspruch. Man hatte aber kein wirkliches Bild von der Zukunft. Die auf Egalität eingeschworene Gesellschaft fand Zutrauen“, beschrieb der SZ-Redakteur die Stimmung vom Herbst 1989. Und er sprach von „redlichen Menschen“, die damals am Werke waren.

Über die „Auswirkungen der samtenen Revolution auf Tschechien – Staat und Kirche“ referierte Dr. Petr Krížek aus Prag, der dort ein christlich orientiertes Reisebüro betreibt. Er sprach von einer „radikalen quantitativen Veränderung in der tschechischen katholischen Kirche“, wobei die Religiosität sehr stark abgenommen habe. Diese Entwicklung verdeutlichte er mit Zahlen und Statistiken (Zugehörigkeit zur Kirche, Sakramente, Neupriester) und der Tatsache, dass nach der Wende die Kirche ihre Freiheit zurückerhielt – mit besserer Priesterausbildung, Einführung des allgemeinen Theologiestudiums. Positiv sind für Križek jedoch unter anderem der Aufbau von Pastoralzentren, die Gründung der Tschechischen Christlichen Akademie, die heute selbstverständliche Präsenz von Laien mit Pfarrgemeinderäten und Kirchenverwaltungen in den meisten Pfarreien und vor allem die Arbeit der Caritas, die auch von Vertretern des Staates positiv gewürdigt wird. Aktiv sind laut Križek auch die geistlichen Bewegungen mit Kursen für Familien und Ehepaare. Neu entstanden sind – in begrenztem Umfang – kirchliche Kindergärten und Schulen sowie Radio- und Fernsehsender. Abschließend ging er auf die vertraglichen Regelungen zwischen Staat und Kirche ein, die im Jahr 2012 unter Ministerpräsident Petr Necas im Restitutionsgesetz einer Lösung zugeführt wurden. Ein wichtiges Ergebnis neben den Besitz- und Finanzierungsfragen ist die Tatsache, dass der Kirche nun die Seelsorge in weiteren staatlichen Einrichtungen (Gefängnisse, Armee, Krankenhäuser) ermöglicht wird.

Bei der von Matthias Dörr, dem Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, moderierten Gesprächsrunde der drei Referenten rief Petr Křížek den früheren Prager Kardinal František Tomášek in Erinnerung, der ab Mitte der 80er Jahre die Kirche in Richtung Wende und Revolution positioniert habe. „Das Potential der Kirche, in der Gesellschaft zu wirken, ist da – aber nicht massenhaft“, gab der Reiseunternehmer zu. Für Michael Frank hat die Kirche „nach der Revolution zu schnell in die alte Mentalität zur Stützung und dem Erhalt der Macht zurückgefunden“, außerdem hätte der Großteil der Menschen nicht nach Religiosität, sondern nach Spiritualität gesucht. Und es sei der Kirche nicht gelungen, „die Widerstandsrolle als Beitrag zum Werden der neuen Gesellschaft zu präsentieren“. Eine etwas andere Einschätzung gab Jan Šicha. „Die Kirche ist heute mehr von Maria Theresia als vom Kommunismus geprägt.“ Ferner verwies er auf die veralteten pastoralen Strukturen. „Die Leute verbinden mit der Kirche nur die Engelseigenschaften. Die Kirche kann nicht die Hoffnungen erfüllen, die Heiden hegen.“ Daher sieht der Historiker die katholische Kirche in Tschechien eher in der Rolle einer „kreativen Minderheit“.

Am Rande des Diözesantags wurden auch mehrere Mitglieder für langjähriges Engagement geehrt: für 60 Jahre Herta Linzmeier (sie arbeitet auch aktiv im Helferkreis mit), Maria Sattler (Vertreterin im Dekanatsrat), Irma Zeckel (langjährige Diözesangeschäftsführerin) und für 50 Jahre Hans-Peter Dörr (seit vielen Jahren in der Diözesanvorstandschaft und seit 2008 Diözesanvorsitzender). Irmgard Hampel, Willibald Spies (jeweils 60 Jahre), Hans König (50 Jahre) und Wilfried Theuer (40 Jahre) hatten nicht selbst kommen können.

Markus Bauer (KK)

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