Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1316.

Die sanfte Macht der Ohnmächtigen

Tagung der Ackermann-Gemeinde zu Glaubenszeugen im Totalitarismus

„Zeugnis geben gehört zu unserem Glauben!“ Auf diesen Nenner brachte Markus Eller OSB, der Abt der Benediktinerklöster Rohr und Scheyern, die Thematik des Symposiums „Patrone Europas – Glaubenszeugen in totalitärer Zeit“ kürzlich im niederbayerischen Kloster Rohr. Gut 120 Teilnehmer – ein Drittel aus Tschechien und der Slowakei – verfolgten die Vorträge über Glaubenszeugen im Nationalsozialismus, im Sozialismus bzw. Kommunismus sowie die Schilderungen von Zeitzeugen. Veranstalter war das Sozialwerk der Ackermann-Gemeinde.

In seinem Eröffnungsvortrag bezeichnete Professor Dr. Eckhard Jesse, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Politische Institutionen an der Technischen Universität Chemnitz, das 20. Jahrhundert als „Jahrhundert des Totalitarismus“. Jesse wies auf einige Gemeinsamkeiten totalitärer Systeme hin: „Der gemeinsame Gegner war die Demokratie, die parlamentarische Staatsform – das Individuum blieb auf der Strecke.“ Und der Enthusiasmus der Massen, der Glaube an eine historische Mission galt ebenfalls für beide Systeme wie auch der Glaube an die Gemeinschaft. Für beide Totalitarismen gelte, so Jesse, daß deren Opfer bis zum äußersten entmenschlicht wurden. Als weitere Merkmale totalitärer Systeme führte er den Terror und Rassismus an sowie idealisierte Ziele (klassenlose Gesellschaft, Herrenrasse) und pseudoreligiöse Elemente. Für die heutige Zeit verwies er auf immer neue totalitäre Entwicklungen wie etwa den islamischen Fundamentalismus.

Christliche Zeugnisse im Nationalsozialismus stellte Prälat Professor Dr. Helmut Moll, der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für das deutsche Martyrologium, vor. „Diese Männer und Frauen müssen dem Vergessen entrissen werden“, lautete Molls Botschaft. Er erwähnte, daß in Rom 16000 Namen genannt worden sind und aus diesem Bereich über 100 Selig- und Heiligsprechungsverfahren laufen. „Es ist wertvoll, dieser Männer und Frauen zu gedenken, ihre Ideen weiterzutragen“, faßte Moll zusammen. Mit der Erstellung des Martyrologiums für die Böhmischen Länder ist Dr. Jan Stribrny, Vizepräsident der Tschechischen Christlichen Akademie, befaßt. Hier werden Märtyrer aus zwei totalitären Regimen dokumentiert, 2012 soll das Manuskript fertig sein. Derzeit sind 240 Priester, Ordensleute und Laien aller Nationalitäten erfaßt.

Die Situation der Katholiken in der DDR beleuchtete Professor Dr. Josef Pilvousek, Ordinarius für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Erfurt. „Zur konfessionellen kam die ideologische Diaspora“, beschrieb er die Lage in den ersten Jahren. Erst ab 1961 habe sich dort eine eigene Identität der Katholiken herausgebildet. Der Referent ging auf die abgeteilten Gebiete, die Trennung von nun im Westen gelegenen Diözesen und die Neustrukturierung der Bistümer bzw. Bischöflichen Kommissariate und Administraturen ein. Pilvousek schilderte das „Modell der regulierten Gesprächsführung“, bei dem eine offene Konfrontation mit dem Staat vermieden werden sollte, um Seelsorge zu ermöglichen.

Die Lage in der CSSR beschrieb Pater Dr. Ondrej Salvet, Administrator der Pfarrei Kreuzerhöhung in Prag. Er verdeutlichte, daß die Kommunisten in der katholischen Kirche einen Klassenfeind sahen und daher bald nach ihrer Machtübernahme Bischöfe und Äbte verhafteten, um die Kirche zu schwächen. Erst in den 60er Jahren konnten die Priester, so Salvet, ihre Aufgaben wiederaufnehmen – allerdings überwacht von der Staatspolizei. In den 70er Jahren entstand die verborgene Kirche. Der Referent verwies auch auf die mit dem Regime kooperierenden „Friedenspriester“. In den 80er Jahren habe der Druck auf die Kirche wieder zugenommen.

Mit Günter Nooke, dem ehemaligen Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung und jetzigen persönlichen G8-Afrika-Beauftragten der Bundeskanzlerin, dem Pilsener Bischof Frantisek Radkovsky und dem Botschafter a.D. Dr. Jozef Miklosko aus Preßburg standen Zeitzeugen aus Tschechien, der Slowakei und der DDR Rede und Antwort beim Kamingespräch zum Thema „Leben in unfreien Systemen“. Der Bischof erzählte, daß er versprechen mußte, nicht als Lehrer tätig zu werden. „Mit zwölf, dreizehn Jahren wußte man, warum man anders dachte und einen anderen Weg ging“, blickte Nooke zurück, der das Abitur erst nach einer Handwerkerausbildung machen konnte. Bei Bischof Radkovsky führte der Weg auch nicht direkt zum Priesterberuf, zunächst war er als Statistiker tätig. Anfang der 60er Jahre verstärkte sich bei ihm wieder der Wunsch, Priester zu werden – 1966 begann er das Studium. „Wir haben gesehen, daß große Unfreiheit herrscht“, schilderte Miklosko familiäre Gespräche über Politik und Kirche. Für den Bischof war und ist wichtig, frei zu sein, sich nicht in die Abhängigkeit von Machthabern zu begeben. Über 20 Jahre nach dem Umbruch in der DDR und in der Tschechoslowakei wünscht sich Jozef Miklosko, daß Moral und Ethik wieder an Bedeutung gewinnen. „Die Öffnung zu spirituellen Welten wird immer größer“, stellte auch Pilsens Oberhirte fest und wünscht eine solche Rückorientierung auch in Westeuropa. Günther Nooke empfahl die Betreuung und Erziehung der Kinder im Elternhaus  und nicht nur in Kinderkrippen und -gärten.

Über die Religionsfreiheit informierte zum Abschluß Günter Nooke. „Das Problem sind die Diktaturen, in denen den Menschen die elementarsten Freiheitsrechte vorenthalten werden“, betonte er. Die Religionsfreiheit betrachtet er als das älteste Menschenrecht. „Religion ist wichtig für einen stabilen, wertebasierten Staat“, ergänzte er und stellte fest, daß auch heute die Religionsfreiheit bedroht ist, Christen in vielen Ländern der Welt verfolgt werden. Für Europa selbst konstatierte Nooke eine Tendenz zu stärkerer Religiosität und Spiritualität.

Insgesamt zehn Frauen und Männer, die sich gegen den Nationalsozialismus wandten bzw. infolge ihres Engagements gegen die kommunistischen Herrscher in der DDR und des CSSR Unrecht erleiden mußten, wurden in Kurzvorträgen präsentiert.

Markus Bauer (KK)

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