Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1292.

Die Schwelle stetig senken

Das Kulturzentrum Rehlovice steht allen offen

Es ist leicht zusammengefaßt: Wer einmal da war, der kommt wieder. Dahinter steckt keine Magie, sondern Lenka Holiková und ihre Familie. Sie haben in einem nordböhmischen Dorf etwas Einzigartiges geschaffen: ein Kulturzentrum für Deutsche, Österreicher, Schweizer und Tschechen gleichermaßen. Hier funktionieren soziale Netzwerke noch auf menschlicher Ebene, wenngleich das Kulturzentrum Rehlovice längst auch beiFacebook angekommen ist. Austausch, Gespräch und gemeinsames Lachen ist in natura dann doch am schönsten. Am 10. April bot der alljährliche Kulturbrunch wieder Anlaß für einen Besuch.

Rehlovice ist ein kleines Dorf, anderthalb Zugstunden entfernt von Prag und Dresden. Es hat ein Geschäft mit festen Öffnungszeiten und eine Dorfkneipe, in der man sein Kommen besser vorher ankündigt. Schon nach hundert Metern hinter der Dorfaue schlängelt sich die Straße dem Ortsausgang entgegen. In der letzten Kurve steht ein großes Tor offen. Auf dem ehemaligen Bauernhof drängen sich Autos und Menschen. Das Holz im Eisenkorb knistert, die Flammen wärmen die Suppe im schwarzen Kessel darüber. Hühnersuppe, genau das Richtige an diesem unfreundlichen Frühlingstag. Hier und da spricht man über Vergangenes, an anderen Orten über Ideen und Projekte in der Zukunft. Kennen sich die Gesprächspartner? Nicht immer. Aber darum geht es auf diesem Hof.

Lenka Holiková leitet das Kulturzentrum unweit von Aussig an der Elbe, dem heutigen Usti nad Labem. Die Region gehörte einst zum Sudetenland. Auf dem Meierhof warteten noch 1930 die Ochsen vor den Holzwagen. Im Speicher lagerten Getreidesäcke und Futter für das Vieh. Nach dem Krieg wurden die Deutschen aus dem Sudentenland vertrieben. Auch der Hof verwaiste und fiel vorübergehend in staatliche Hände. Er fristete über Jahre sein Dasein als Schuttplatz und Mülldeponie des Dorfes. Anfang der 1990er Jahre kaufte die Familie Holik den Bauernhof und investierte Arbeit, Geld und Visionen. Die ehemaligen Stallungen wurden saniert, eine Wohnung und die Keramikwerkstatt fanden darin ihren Platz.

Später entstanden große Schlafräume, eine Küche und Sanitäranlagen. Immer wieder kamen Künstler, die den Ort mitgestalteten. Sie bauten aus einer alten Scheune ein Amphitheater, nutzten den Speicher als Veranstaltungsort und die ehemalige Brauerei als Sommerküche. So entstand in den letzten 20 Jahren ein lebendiges Kulturzentrum.

Es war ein langer Weg, der von den Nachbarn mit Argwohn beäugt wurde. Denn die Vergangenheit ist nicht vergessen, auf beiden Seiten nicht. Als immer wieder Autos mit deutschen Kennzeichen auf den Hof fuhren, sorgte das bei den Dorfbewohner für einige Irritationen. „Man hatte wohl Angst, die Deutschen würden die Häuser zurückhaben wollen“, sagt Holiková. „Aber wir haben ihnen erklärt, daß unsere Besucher wieder fahren. So ein Kulturzentrum kann das Dorf bekannter machen. Es gibt aber immer welche, die sich in der Kneipe treffen und anders darüber reden.“

Holiková hat wohl den richtigen Umgang mit den Dorfbewohnern gefunden: Schritt für Schritt, langsam vorgehen und nicht provozieren. Statt dessen suchte sie früh den Kontakt zum Bürgermeister, band ihn ein und findet in ihm immer wieder einen Unterstützer für ihre Ideen. Sie bietet Keramikkurse für die Jungen und Mädchen der örtlichen Schule an. Die Kinder stellen während der Adventszeit ihre Werke auf dem Hof aus und bringen dazu ihre Eltern und Großeltern mit. „Die Menschen freuen sich und sind gerne hier, sie genießen es einfach. Die Schwelle zum Hof ist niedriger geworden“, sagt Holiková stolz.

Es ist die Neugier, die die Leute hierher treibt. Was ist neu? Was hat sich verändert? Was ist fertig geworden? Wer kommt alles? Ein Treffen unter Freunden, die wiederum Freunde mitbringen. Man lernt schnell Menschen kennen, mit denen man sich verbunden fühlt. Unter den knapp 100 Gästen sind Mitarbeiter anderer Kultureinrichtungen, Autoren und Journalisten, Interessierte, Musiker, Künstler und Studenten. Sie werden wieder dabei sein, wenn im Mai ein deutsch-tschechisches Festival stattfindet oder wenn im Juli das 12. deutsch-tschechische Kunstsymposium die Zeit, in der wir leben, reflektiert. Das diesjährige Thema lautet „…und raus bist du“. Künstler werden sich mit Armut und sozialer Ausgrenzung, vor allem von Frauen, beschäftigen.

Es ist das Verdienst der Familie Holik; sie haben etwas Lebendiges entstehen lassen, einen Ort geschaffen, zu dem man am Wochenende hinkommen kann, einfach um da zu sein. Man kann vorbeikommen, um zu sehen, zu reden und um nachzudenken über die Vergangenheit in der Zukunft, im Jetzt. Lenka Holiková, eine Frau in den Vierzigern, ist es, die mit ihrem Strahlen und ihrer Offenheit Menschen bewegt und anzieht.

Susanne Beckmann (KK)

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