Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1400.

Die „Sitzenbleiber“ sitzen nicht

Ostdeutsche Kultur als deutsches Identitätsproblem

Sind das ostpreußische Farben? Lovis Corinth, Der Jochberg am Walchensee. 1924. Öl auf Leinwand, 65 x 88,5 cm Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 6122. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Der deutsch-französische Publizist und Politikwissenschaftler Alfred Grosser kam 1952 bei seiner Analyse der Problematik der Oder-Neiße-Linie und der Vertreibungen zu dem Fazit: „Gewiss war die endgültige Festlegung der Grenze einem zukünftigen Friedensvertrag überlassen, aber die Duldung der Vertreibung aus den polnisch verwalteten Gebieten – samt Aufnahme so vieler Flüchtlinge in der englischen und amerikanischen Zone – entsprach einer Anerkennung der Endgültigkeit. Die ausdrückliche Anerkennung hatte nur de Gaulle in Moskau im Dezember 1944 ausgesprochen.“ (Alfred Grosser, „Mein Deutschland“, München 1996.) Damit hatte Grosser die damalige politische Situation der Bundesrepublik Deutschland klar beschrieben.

Konrad Adenauer hatte in seinen Schlussworten im Parlamentarischen Rat ausgeführt, „dass wir durch unsere Arbeit einen wesentlichen Beitrag zur Wiedervereinigung des ganzen deutschen Volkes und auch zur Rückkehr unserer Kriegsgefangenen und Verschleppten leisten. Wir wünschen und hoffen, dass bald der Tag kommen möge, an dem das ganze deutsche Volk wieder vereint sein wird.“ (Konrad Adenauer, „Erinnerungen“, Band 1.)

Die Formel von der „Wiedervereinigung des ganzen deutschen Volkes“, die auch Eingang ins Grundgesetz gefunden hat, anstelle der „Wiederherstellung der nationalen Einheit“, entband den späteren und alle folgenden Kanzler von der Verpflichtung, eine Wiedervereinigung Deutschlands mit allen territorialen Implikationen zu thematisieren. Durch Flucht und Vertreibung befand sich das „ganze deutsche Volk“ mit Ausnahme der Verschleppten und Kriegsgefangenen im Wesentlichen auf dem Gebiet der vier Besatzungszonen, von wenigen in der Heimat Verbliebenen abgesehen. Betrachtet man eine Deutschlandkarte von 1946 mit den vier Besatzungszonen, dann sieht man das Deutschland des Jahres 1990 vor sich.

So war der Terminus Wiedervereinigung von Anfang an missverständlich bzw. ambivalent interpretierbar: Während die nationale und vor allem die internationale Politik sich auf die kleine Vereinigung von BRD und DDR festlegte, glaubten die Heimatvertriebenen, die das „Recht auf die Heimat“ als ihr im Grundgesetz verbrieftes „Selbstbestimmungsrecht“ fehlinterpretierten, lange Zeit an eine Wiedervereinigung einschließlich der Ostgebiete. Dass 1990 nach dem Grundgesetz „in freier Selbstbestimmung“ das deutsche Volk seine Wiedervereinigung erlebte und dabei die Ostgebiete mit dem Königsberger Gebiet preisgab, lag von Anfang an in der Logik dieser Semantik.

Nur noch einmal nach Potsdam tauchte Königsberg im Sinne eines deutschen Interesses auf internationaler Ebene auf. Bei den Verhandlungen über den Deutschlandvertrag im Jahre 1951 gab es Meinungsverschiedenheiten zwischen den Hohen Kommissaren und Adenauer betreffs Artikel 7, Absatz 1: „Die Vertreter der drei Mächte erklärten dem Bundeskanzler, dass, wenn sie von der Einigung Deutschlands sprächen, ‚sie sich auf die Vereinigung der Ostzone und Berlins mit der Bundesrepublik und auf gar keinen Fall auf die Territorien jenseits der Oder-Neiße-Linie bezögen.‘ Adenauer habe darauf sehr scharf reagiert.“

Hier wurde also über den Gesamtbereich der deutschen Ostgebiete einschließlich Königsbergs gesprochen. Jedoch: „Weder Adenauer noch die Hohen Kommissare waren bereit einzulenken. ‚Das Problem war zu grundsätzlich, als dass man es durch eine Formel hätte überbrücken können.‘“ (vgl. Adolf M. Birke, „Nation ohne Haus. Deutschland 1945–1961“. S. 301–302. In: FO 371/93407. Streng geheimes Telegramm des britischen Hochkommissars Sir Ivone Kirkpatrick an das Foreign Office vom 15. November 1951.)

Sobald man also vom Volk auf die Nation und damit auf Deutschland als einen mit Grenzen zu denkenden Staat Bezug nahm, konnte es nur noch „grundsätzliche“ Probleme geben. Von da an ging es auf der einen Seite um die Grenzen von 1937 bzw. um die Einheit des deutschen Volkes, auf der anderen um die Position der Westmächte, die auf dem Potsdamer Abkommen beharrten und damit klar die Interessen der UdSSR wahrnahmen.

Damit war spätestens Anfang der 50er Jahre, also vor jeder definitiven Einigung mit Polen, klar, dass Königsberg und die deutschen Ostgebiete nicht mehr verhandelbar waren. Diese „territoriale Amputation“ wurde vom deutschen Volk während der 1950er Jahre im Zuge des Wiederaufbaus und der Westintegration vor dem Hintergrund der deutschen Teilung und des Kalten Krieges erstaunlich gelassen und klaglos hingenommen. Das nehmen heute sogar polnische Gesprächspartner verwundert zur Kenntnis.

Die mit dieser territorialen Abtrennung einhergehende „kulturelle Amputation“ der deutschen Ostgebiete wurde von den sich 1948 konstituierenden Ländern, die ihre kulturelle Autonomie in Vorbereitung auf das Grundgesetz von 1949 definierten, und vom Bund zunächst gar nicht wahrgenommen. So fehlte von Anfang an ein Treuhänder für die ostdeutsche Kultur in Bund und Ländern, da letztere mit sich selbst und der Bund als Teilstaat im Gegenüber zur DDR (für 40 Jahre) mit seiner eigenen Bewährung beschäftigt waren. Frühzeitig erkannten verantwortungsvolle Ostdeutsche diese historische Fehlentwicklung und gründeten 1950 den Ostdeutschen Kulturrat, der 1975 in eine Stiftung umgewandelt und bis 1999 vom Bund institutionell gefördert wurde. In später Erkenntnis der Tatsache, dass die ostdeutschen Länder nicht mehr in eigener Rechtshoheit handeln konnten, regelte der Bund die Fragen der ostdeutschen Kultur 1953 im Rahmen des Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetzes (BVFG), dem er einen an den Bund und die Länder gerichteten Kulturparagraphen, den § 96 BVFG, einfügte.

Damit wurde die ostdeutsche Kultur zu einem Flüchtlingsthema, und das ist sie im Kern bis heute geblieben. Es war die Geburtsstunde der ostdeutschen Kulturförderung durch Bund und Länder, zugleich aber ein schwerwiegender Geburtsfehler mit dauerhaften Nachwirkungen. Die ostdeutsche Kultur geriet in die Mühlen der Bund-Länder-Auseinandersetzungen und in den Wirrwarr ministeriellen Kompetenzgerangels. Vor allem aber blieb die ostdeutsche Kultur bis zum heutigen Tage ein ungeliebtes Stiefkind in der deutschen Kulturlandschaft.

Die Vertriebenen kamen mit dieser problematischen Situation nicht zurecht, zumal sie keine echten politischen Partner auf Dauer hatten. Sie konnten ihre doppelte Aporie nicht meistern. Ihre Verbände schauten nach Hause und kämpften bis weit in die 1980er Jahre und zunehmend gesellschaftlich unverstanden auf ihren Treffen für das „Recht auf die Heimat“. Wer sich in den 1950er und 1960er Jahren im Bereich der Vertriebenen mit der Kultur seiner ostdeutschen Heimat befasste, musste sich den Vorwurf des „Verrats an der Heimat“ gefallen lassen.

Die Musealisierung, also die Sammlung des geretteten Kulturgutes, wurde als Absage an die politischen Ziele der Landsmannschaften missverstanden. Siegfried Lenz trieb mit seinem großen Roman „Heimatmuseum“ (1978) das Missverständnis in eine andere Richtung: Der Held des Romans verbrennt sein Museum, weil er es von den Verbänden nicht im Sinne einer Rückgewinnung der Heimat instrumentalisieren lassen möchte. So wurde die Kulturarbeit der Vertriebenen auch literarisch und medial diskreditiert, ihre „Heimatstuben“ in ihrem Niveau verunglimpft.

Verständnis oder gar gesellschaftliche Unterstützung wurde den Vertriebenen in ihrer existentiellen Aporie in der „kalten Heimat“ (Andreas Kossert) nicht zuteil. Seit den 1970er Jahren ging es vor allem um deren Ausgrenzung und Marginalisierung.

Es gehört zu den großen Defiziten der so hoch gepriesenen deutschen Demokratie, dass sie die durch den Zweiten Weltkrieg herbeigeführte Identitäts- und Kulturamputation des deutschen Volkes, für die der nationalsozialistische Unrechtsstaat verantwortlich zeichnet, weder wirklich zur Kenntnis genommen noch hinreichend verarbeitet hat. Der für dieses Verhalten der Deutschen von Hans-Peter Schwarz geprägte Begriff „Geschichtsvergessenheit“ belastet nicht nur die ostdeutsche Kultur.

Die vielfache Bedeutung von Gestalten: Emil Orlik, Landschaft mit zwei Figuren. 1902. Intarsie mit Edelhölzern, Goldlack, Perlmutt und Halbedelsteinen,
74,5 x 74,5 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 4834. Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

In den 1980er Jahren hatte der Autor die Gelegenheit, mit einer europäischen Delegation den Reichstag in Berlin zu besuchen. Dort erklärte er den Besuchern die Fahnen aller deutschen Länder. Die ausländischen Besucher zeigten sich beeindruckt, dass die Deutschen sich nicht scheuten, auch die Fahnen der verlorenen Gebiete Schlesien, Pommern, Ostpreußen etc. zu zeigen. Kein Wort der Kritik wurde laut.

Zum Tag der Deutschen Einheit 1990 jedoch wurde die Fahnensituation schnellstens bereinigt: Von da an gab und gibt es nur noch die sechzehn Fahnen des vereinigten Deutschlands, die übrigen sind Sache der Landsmannschaften der Vertriebenen. Ein anderer Anwalt hat sich nicht gefunden. Werden diese Fahnen heute öffentlich gezeigt, wird von interessierter Seite schnell der Verdacht der Rechtslastigkeit oder gar des Revanchismus geäußert. Zudem wurde der Begriff „Ostdeutschland“ politisch und medial sofort auf „Mitteldeutschland“ – also z. B. Thüringen, das Herz Deutschlands! – übertragen, und so wurden die bisherigen Ostdeutschen ins „östliche Europa“ transferiert.

Dieser Tage ist ein Buch erschienen, das als Kommentar zu dem Vorstehenden gelesen werden kann: Wachgeküsst. 20 Jahre neue Kulturpolitik des Bundes 1998–2018. Hg. v. Olaf Zimmermann. Berlin 2018, 491 Seiten. Herausgeber ist der Geschäftsführer des erst 1981 gegründeten Deutschen Kulturrates, und es geht um die 20jährige Geschichte des/der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien BKM (1998–2018).

Das Buch entfaltet in nicht weniger als 73 Beiträgen auf fast 500 Seiten den ganzen Reichtum und die Vielfalt deutscher Kultur in den Grenzen von 1990. Es gibt sehr lesenswerte, hin und wieder auch langatmige, sehr rechtsgelehrte (Urheberrecht, Stiftungsrecht) und sozial engagierte Beiträge (Künstlersozialhilfe), die großen Institutionen kommen zu Wort (Deutsche Nationalbibliothek, Stiftung Preußischer Kulturbesitz) und natürlich die bisherigen fünf Amtsinhaber der im Bundeskanzleramt angesiedelten Behörde.

Interessant ist, was trotz der Fülle des Dargebotenen nicht Berücksichtigung findet. Der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen, der sich um die zahlreichen deutschen Minderheiten im östlichen Europa und um deren Kultur kümmert, ist in dem Parcours nicht vertreten. Er hat das Pech, dass er beim Bundesinnenminister und nicht bei der BKM angesiedelt ist. Ähnlich ergeht es dem verantwortlichen Wissenschaftler, der an der Konzeption für das Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel mitgewirkt hat.

Auch er befindet sich nicht im Blickfeld des Deutschen Kulturrates. Immerhin hätte man die Direktorin für das „Sichtbare Zeichen“ im Berliner Deutschlandhaus oder den Direktor des Deutschen Kulturforums in Potsdam oder die Direktorin der Ostdeutschen Galerie in Regensburg zu Wort kommen lassen können, unter Aussparung einiger nicht so wichtiger anderer Beiträge. Irgendwie gehören sie ja auch zur deutschen Kultur wie die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, die gottlob vertreten ist.

Das Wenige, das man in dem voluminösen Buch über die ostdeutsche Kultur lesen kann, leidet unter den eingangs erläuterten Zwielichtigkeiten. Als herausragender Teil der deutschen Kultur, wie sie noch in der Konzeption 2016 der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien beschrieben ist, kommt sie kaum in den Blick. So werden die einschneidenden Maßnahmen des ersten Kulturstaatsministers mit „revanchistischen Tendenzen“ in diesem Bereich der Kultur begründet. Er bezeichnet die Vertriebenenverbände als „Sitzenbleiber der Geschichte“ und bestätigt seine „Ressentiments gegen diese Verbände, die sich jahrzehntelang gegen eine ‚Aussöhnung‘ gewendet haben“.

Offenbar war schon dem ersten und damit die langfristige Richtung angebenden Kulturstaatsminister entgangen, dass die Ersten, die nicht nur das Thema der Aussöhnung behandelten, sondern aktiv handelten, die Vertriebenen waren. Sie packten pragmatisch an und machten sich auf den Weg. Zum Erstaunen der westlichen politischen Öffentlichkeit zogen sie in ihre Heimat nach Ostpreußen, Pommern, Schlesien, schlossen Freundschaften, organisierten Hilfsprogramme und vereinbarten Partnerschaften. Diese Aktionen waren so überwältigend und überzeugend, dass der Bundestag am 28. Februar 1997 nahezu einstimmig eine interfraktionelle Entschließung annahm, in der anerkannt wurde, dass viele Heimatvertriebene zu „Botschaftern der Aussöhnung und Verständigung geworden sind“. Außerdem bekräftigte der Bundestag, er werde „Heimatvertriebene und deren Verbände, die diesem Geist verpflichtet sind, bei diesen Bemühungen weiterhin unterstützen“ (Drucksache 13/4912).

Der erste Kulturstaatsminister ignorierte nicht nur diese Bundestagsentschließung, sondern er handelte ihr auch zuwider, indem er die zugesagte Unterstützung verweigerte und zahlreiche Institutionen der Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn aus der institutionellen Förderung entfernte – offensichtlich aus purer Ignoranz. Das war also ein klassischer Fehlstart, und wer hier „wachgeküsst“ wurde, bleibt ein Geheimnis des Herausgebers. Der anfangs gesetzte Makel hängt der ostdeutschen Kultur bis heute an – semper aliquid haeret –, und auch nach 2005 besserte sich wenig. Der Mut zu einer neuen Konzeption für die Kulturarbeit nach Pragraph 96 fand sich erst 2016, also reichlich spät. Darüber berichten die Leiterin der Gruppe 4 der BKM und besonders anerkennenswert der Direktor des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa.

Das Kapitel über „Jubiläen – Wegmarken der Geschichte“ kommt ohne Immanuel Kant aus. Immerhin hat kein Geringerer als der Bundestagspräsident am 13. Oktober 2014 die Kant-Dekade in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin eingeläutet. Seitdem hängt ein Kant-Bildnis als Leihgabe der Stiftung Königsberg in der dortigen Bibliothek. Die „Denkmalpflege als gemeinsame Aufgabe“ weiß nichts vom berühmten Schloss Steinort, wo auf der einen Seite der Reichsaußenminister von Ribbentrop mit dem Diktator in der Wolfsschanze Kontakt hielt, während auf der anderen Seite unbemerkt Heinrich von Lehndorff den Widerstand organisierte. Antje Vollmer hat diese abenteuerliche Geschichte eines deutsch-polnischen Gedenkortes großartig geschildert.

Der Autor hat immer wieder erleben dürfen, dass verständige Diplomaten sich mit Fragen der ostdeutschen Kultur ernsthaft befasst haben, sei es in Budapest mit den Ungarndeutschen, in Lemberg mit der deutsch-jüdischen Tradition in Galizien, in Minsk mit dem Schicksal der dort ermordeten deutschen Juden oder in Königsberg/Kaliningrad mit dem reichen und über lange Jahrhunderte friedlichen Zusammenleben von Russen und Deutschen. Genuiner Bestandteil der auswärtigen Kulturpolitik ist das alles nicht, aber dankenswertes persönliches Engagement von einzelnen verantwortlichen Diplomaten.

Im Organigramm des Deutschen Kulturrates findet sich die ostdeutsche Kultur nicht. Als Ergänzung des Jubelbandes für das 20jährige Bestehen des Amtes BKM wäre es wünschenswert, wenn der Deutsche Kulturrat – wenigstens einmal jährlich – alle in diesem Bereich tätigen Verantwortlichen zu einem Gespräch zusammenrufen würde. Die meisten kennen sich nicht einmal; das erfährt der Autor seit Jahren bei seinen zahlreichen Kontakten, über die er auch immer wieder Brücken schlagen kann.

Klaus Weigelt (KK)

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