Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1235.

Die Stunde der Ignoranten schlug spät, aber dröhnend

Bei Sabine Christiansen wurde die Debatte zum Film „Die Flucht“ zur Suche nach Ausflüchten

Wer am 4. März im ARD-Programm den ersten Teil des Films „Die Flucht“ gesehen und die anschließende Diskussionsrunde bei Sabine Christiansen über sich hat ergehen lassen, kann nur den Kopf geschüttelt haben über diese geballte Ladung an Ignoranz, die sich da auf dem Bildsschirm austobte! Wer sucht eigentlich und nach welchen Kriterien die Leute aus, die da ungehemmt ihre Unkenntnis ausbreiten dürfen? Egon Bahr (85), der greise Zimmermann der Ostverträge, schwelgte in außenpolitischen Erinnerungen aus seiner Aktivenzeit; auch der bayerische Innenminister Günther Beckstein (64) sagte nur Belangloses und lobte die Sudetendeutschen in Bayern als „vierten Stamm“, obwohl man weiß, daß die Landesregierung dem Sudetendeutschen Haus in München laufend die Gelder kürzt; Tatjana Gräfin Dönhoff (48), die Verfasserin des Filmdrehbuchs, wollte in merkwürdig begründeter Geschichtsblindheit nur noch „nach vorne schauen“; Literaturkritiker Hellmuth Karasek (73), der immerhin im mährischen Brünn geboren und im oberschlesischen Bielitz aufgewachsen ist und noch dazu das Buch „Auf der Flucht. Erinnerungen“ (2004) veröffentlicht hat, wußte keine literarischen Aufarbeitungen des Jahrhundertthemas „Flucht und Vertreibung“ zu nennen, wie sie Marion Gräfin Dönhoff, Christian Graf Krockow, Arno Surminski, Christine Brückner, Horst Bienek, Siegfried Lenz für alle deutschen Ostprovinzen geliefert haben.

Als der Pole Marek Cichocki, Berater seines Außenministers, beklagte, daß die polnischen Vertriebenen unerwähnt blieben, wußte ihm keiner aus der Berliner Ignorantenrunde zu erwidern, daß die „ostpolnischen“ Gebiete erst 1920 durch Marschall Jozef Pilsudski (1867–1935) in einem Angriffskrieg erobert worden und daß die Polen in den Gebieten um Wilna und Lemberg eine Minderheit in Litauen und der Ukraine gewesen waren, ganz anders als die Schlesier, Pommern und Ostpreußen in Deutschland; als er vom Nachkriegslager Lamsdorf in Oberschlesien sprach, wo 1945/46 über 8000 deutsche Zivilisten, darunter viele Kinder, gequält und 6480 ermordet wurden, und von den Tätern, die heute (!) verfolgt würden, wies ihn niemand darauf hin, daß der Hauptverantwortliche Czeslaw Geborski erst 1958 angeklagt und dann freigesprochen wurde und während des zweiten, 2001 angestrengten, aber offensichtlich verschleppten Prozesses starb.

Selbst Michael Stürmer (69), Geschichtsprofessor und angeblicher Experte für diese Frage, wußte zwar artig die englische Fassung des Potsdamer Protokolls zu zitieren, erwähnte aber mit keinem Wort die „wilden Vertreibungen“, die bereits zehn Wochen zuvor eingesetzt und zahlreiche Todesopfer gefordert hatten.

Das Thema wurde auf breiter Front zerredet. Über die Untergangsgeschichte, die heute noch schmerzt, der preußisch-deutschen Ostprovinzen mit ihrer reichen Kultur verlor niemand ein Wort. Da saßen sieben Blinde, die unentwegt von der Farbe sprachen. Der einzige Lichtblick in dieser Finsternis war das Ehepaar Küster im Publikum, das ein schlesisches Schloß im Hirschberger Tal zurückgekauft und renoviert hat und damit zeigt, wie Versöhnung aussehen kann.

Der Film ist mit kräftigem Vorauslob bedacht worden, so konnte man in allen Zeitungen lesen, das sei nun der erste Film, der sich dieses Themas annehme. Auch das ist haarsträubender Unsinn. Neben Dutzenden von Filmdokumentationen mit Zeugenbefragungen sind alle großen Vertreibungsromane verfilmt worden: Horst Bieneks „Erste Polka“ 1978, Siegfried Lenz’ „Heimatmuseum“ 1987, Arno Surminskis „Jokehnen“ 1987 und weiterhin jene von Christine Brückner und Christian Graf Krockow.

Warum, so fragte man sich nach der wirren Sendung, saß nicht Erika Steinbach, die kenntnisreiche Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, mit in der Diskussionsrunde, warum nicht der Schriftsteller Arno Surminski, dessen Eltern 1945 verschleppt wurden und nie wiederkamen? Zeitzeugen aber waren, so schien es, nicht gefragt. Da konnte man sich nur freuen, daß am Morgen des 5. März im Kölner Deutschlandfunk der Historiker Dr. Heinrich Schwendemann von der Universität Freiburg zum Film befragt wurde, der über diese Thematik eine Habilitationsarbeit schreibt und klare Auskunft gab, was ihm mißfallen hat.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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