Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1398.

Die Urgewalt der „Urkatastrophe“

Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen spürt dem Weltkrieg nach

„Kulturlandschaft“ der besonderen Art, wie nur der Mensch sie „gestalten“ kann: Granattrichter ergeben eine besondere Dünung, und man stellt fest, wie finster selbst besonntes Grün sein kann
Bild: Wikimedia

Zusammen mit der Studiengruppe Politik und Völkerrecht hat sich die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen zum Ziel gesetzt, dieses Ereignis – das als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ betrachtet wird – einer umfangreichen Würdigung aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu unterziehen. Die wissenschaftliche Leitung der Fachtagungs-Trilogie übernahm Professor Dr. Dr. h. c. mult. Gilbert H. Gornig von der Philipps-Universität Marburg.

Der erste Teil der Veranstaltung fand im Jahr 2016 statt und widmete sich insbesondere Deutschland und den Folgen des Versailler Friedensvertrags für den deutschen Kaiser, für das Territorium des Deutschen Reiches und für die in den verlorenen Gebieten lebenden Deutschen. 2017 standen die Friedensverträge von Saint Germain und Trianon im Fokus und somit die Folgen des Ersten Weltkriegs für Österreich-Ungarn, Österreich, Ungarn, Böhmen, Mähren und Slowenien, für die ungarischen Gebiete Slowakei, Kroatien und Siebenbürgen. Erwähnung fanden dabei auch Auswirkungen des Krieges für Polen und Rumänien.

Bei der Eröffnung der nunmehr dritten und letzten Tagung zu diesem Thema, die im Arbeitnehmer-Zentrum Königswinter stattfand, erklärte Professor Gilbert H. Gornig: „Eine Würdigung der Folgen des Ersten Weltkriegs wäre nicht vollständig, ohne auf die Folgen des ‚Großen Krieges‘ für die Nationen und Völker außerhalb Europas einzugehen. Im Mittelpunkt standen deshalb die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs für das Osmanische Reich, das alle Gebiete südlich Kleinasiens verloren hatte.“

Dementsprechend umfasste das Programm der jüngsten Veranstaltung vorrangig Beiträge zu den Folgen des Ersten Weltkriegs für China, Japan und Südamerika sowie zu den Kolonialkriegen in Afrika. „Wir sind praktisch dabei, den Deckel auf das drauf zu machen, was wir in den zwei letzten Jahren gehört haben, nämlich Entstehung und Ablauf des Ersten Weltkrieges, die Friedensverträge, und nun wird es im Wesentlichen um die Folgen gehen, die wir ja heute jeden Tag spüren, wenn wir genau hinschauen“, betonte Reinfried Vogler, Vorstandsvorsitzender der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Kronberg/ Ts., in seinem einleitenden Grußwort.

Dass der Erste Weltkrieg auch Auswirkungen in China, Japan, Afrika und Südamerika zeitigte, war für viele Teilnehmer von besonderem Interesse, da in der Regel die allgemeine Literatur zum Ersten Weltkrieg dazu nur am Rande, wenn überhaupt, Stellung nimmt. Zu China und Japan wurden Fachleute eingeladen, die ihren Lebensmittelpunkt in diesen Ländern haben und dort Inhaber von Professuren sind.

Professor Dr. Georg Gesk, der an den Universitäten in Hsinchu City (Taiwan) und Osnabrück tätig ist, beantwortete in seinem Beitrag unter anderem die Fragen „Wie kam es überhaupt dazu, dass Deutschland in China zur Kolonialmacht wurde?“ beziehungsweise „Was bedeutet der Souveränitätsbegriff heute in der chinesischen Verfassung?“

Im Vortrag von Professor Dr. Heinrich Menkhaus von der Meiji-Universität Tokio ging es um das Thema „Japan und der Erste Weltkrieg“. Der Referent hob Aspekte aus der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs in Ostasien, des deutsch-japanischen Krieges, der Behandlung der Kriegsgefangenen und der deutschen Zivilbevölkerung sowie des Friedensvertrages von Versailles hervor und ergänzte seinen Beitrag mit Hinweisen zur Nachgeschichte.

Professor Gornig äußerte sich zum Inhalt des nie in Kraft getretenen Vertrages von Sèvres wie folgt: „Das Schicksal der ehemals osmanischen Gebiete angrenzend an das östliche Mittelmeer war ungewiss. Sie wurden A-Mandate unter der Obhut des Völkerbundes. Das Gebiet Palästinas war umstritten zwischen den einwandernden Juden und den bereits ansässigen Arabern. Der Staat Israel entstand, der Status des Westjordanlandes ist ungewiss, ein funktionierender Staat Palästina mit effektiver Staatsgewalt ist immer noch nicht sichtbar, auch wenn er von der UNO anerkannt ist.“

Über den „Vertrag von Sèvres und seine Änderungen durch den Vertrag von Lausanne“ sprach auch Dr. Roland Banken aus Koblenz: „Der Erste Weltkrieg und die nachfolgenden Friedensschlüsse veränderten nicht nur die jahrhundertealte Ordnung zwischen den Völkern Mittel- und Osteuropas, auch im Nahen Osten bzw. im Orient, wie man früher gemeinhin sagte, führte die militärische Niederlage einer der Kriegsparteien – nämlich des Osmanischen Reichs – zu einer historischen Zäsur, die nicht nur die politische Landkarte dieser Weltregion völlig veränderte, sondern auch durch Flucht und Vertreibung begleitet war.“

Dass der Erste Weltkrieg auch Auswirkungen in China, Japan, Afrika und Südamerika zeitigte, war für die Teilnehmer von besonderem Interesse, da die Literatur dazu nur selten informiert.

Dr. Holger Kremser von der Georg-August-Universität Göttingen erläuterte das „Mandatssystem des Völkerbundes und seine Folgen bis heute“. Der Referent vertritt die Ansicht, dass „das Mandatssystem des Völkerbundes als weiterentwickeltes internationales Verwaltungsinstitut in das Treuhandsystem der Vereinten Nationen Eingang gefunden hat.“

Den „Folgen des Ersten Weltkriegs für das Schicksal der religiösen und ethnischen Minderheiten im Nahen Osten, insbesondere der christlichen Assyrer“ widmete sich der in Teheran geborene und heute in Stuttgart lebende Referent Theodor Lazar. Der assyrische Christ machte auf die Bedrohung der Existenz seiner Volksgruppe eindrucksvoll aufmerksam.

Eine der zentralen Aussagen des Referats „Der Beginn der Palästinafrage und des Nahostkonfliktes“ von Professor Gilbert H. Gornig lautete: „Der Staat Palästina wurde am 15. November 1988 in Algier von der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) als Staat der Palästinenser ausgerufen. Die Gründer beanspruchten das von Israel seit 1967 besetzte Westjordanland und den Gazastreifen mit Ostjerusalem als Hauptstadt des Staatsgebiets. Seine Staatlichkeit ist völkerrechtlich umstritten.“

Der Weltkrieg war ein Krieg gegen die ganze Welt, das wurde den Teilnehmern klar: Dr. Ernst Gierlich, Geschäftsführer, Reinfried Vogler, Vorsitzender, und Hans-Günther Parplies, Ehrenvorsitzender der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
Bild: der Autor

Vor dem Hintergrund, dass die Ausrufung zu einem Zeitpunkt erfolgte, als sich die PLO im tunesischen Exil befand und keine effektive Staatsgewalt über die beanspruchten Gebiete und das dort lebende Volk ausübte, konnte nach der Drei-Elemente-Lehre kein Staat entstehen. Dem Schritt kam zunächst nur symbolische Bedeutung zu. Dennoch hatten bis 1990 fast 100 Staaten einen Staat Palästina anerkannt. Diese Anerkennung kann aber einen Nichtstaat nicht zum Staat machen, kann also auch nur symbolischer Natur sein. Heute erkennen 137 Staaten den „Staat“ Palästina an.

Über Lateinamerika und den Ersten Weltkrieg referierte Professor Dr. Norbert Bernsdorff von der Philipps-Universität Marburg. Mit einem der bekanntesten argentinischen Tangos von Carlos Grandel wurden die Tagungsteilnehmer auf das Thema eingestimmt. Das Lied bezieht sich mit den Worten „Stille in der Nacht, jetzt ist alles ruhig“ laut Chronisten-Ansicht wohl auf das Ende des Ersten Weltkriegs.

Prof. Dr. Michael Pesek von der Universität Hamburg behandelte das Thema „Krieg in den Kolonien. Afrika und der Erste Weltkrieg“. Er betonte, dass Europa- und Afrikahistoriker den Kontinent nur als marginalen Kriegsschauplatz betrachten, und vermittelte zugleich neue Erkenntnisse zu den Kolonialkriegen.

Professor Dr. Dr. h. c. Wilfried von Bredow von der Philipps-Universität Marburg ergänzte die Palette mit dem Referat „Der Einfluss des Ersten Weltkriegs auf Nationalsozialismus und Faschismus“. Er erörterte u. a. die Frage, inwieweit einige Aussagen von älteren Historikern aus heutiger Sicht als richtig oder falsch zu deuten sind. Der Redner zitierte in diesem Sinne Hans-Ulrich Thamer: „Faschismus und Nationalsozialismus waren Produkte des Ersten Weltkriegs.“ Allerdings – so Professor von Bredow – dürfte es nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig sein, davon auszugehen, dass der Erste Weltkrieg als die alleinige oder mindestens eindeutig als die Hauptursache für den Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus identifiziert werden könne. Erst das Zusammenwirken verschiedener Faktoren konnte die Nachkriegskonstellationen in den 1920er Jahren so brisant machen Reinfried Vogler, der Vorsitzende der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, schlussfolgerte: „Wir müssen die Bemühungen, Zeitgeschichte publik zu machen und in einem breiteren Zusammenhang darzustellen, weiter fortsetzen.“ Dr. Ernst Gierlich, Geschäftsführer der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, kündigte an, dass der Tagungsband zur ersten Veranstaltung bereits im Verlag Duncker & Humblot erschienen ist. Im Frühjahr und im Herbst 2019 kann mit den Bänden 2 und 3 gerechnet werden. Insgesamt wird auf über 750 Seiten ein umfassender Einblick in die Folgen des Ersten Weltkriegs bis in die heutige Zeit geboten.

Dieter Göllner (KK)

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