Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1241.

Die Vielbeschwiegenen werden bald schweigen

Auch die passive Aufmerksamkeit für „Namen, die keiner mehr nennt“, verschwindet mit der Erlebnisgeneration aus dem Osten

Gab (und gibt) es einen ostdeutschen Corpsgeist? Mit anderen Worten: Stellen vertriebene Personalchefs bevorzugt Vertriebene ein, so wie weiland Reserveoffiziere von ihresgleichen bevorzugt wurden? Es ist müßig, ernsthaft über derlei zu sinnieren. Wie mitunter tatsächlich ein Ostpreuße einem Landsmann bei der Stellensuche unter die Arme gegriffen haben mag, so war in den Jahrzehnten nach 1945/46 doch stets die berufliche Qualifikation primär entscheidend. Und manch andere Vertriebene haben sich in der Nachkriegszeit kaum jemals bewußt als „Schlesier“ verstanden; manch einem war seine Abkunft bekanntlich sogar eher suspekt.

Dennoch, in Interviews mit namhaften Vertriebenen wurde oftmals kein Hehl aus der Herkunft aus den Vertreibungsgebieten gemacht, und sicherlich fand sich – vor allem durch die Mitwirkung dieser Prominenten in Gremien, Ausschüssen und Jurys – immer wieder die Möglichkeit, ein Forschungsprojekt, ein Kunstwerk, eine politische Aktion in irgendeiner Weise positiv zu beeinflussen. Einen „Vertriebenenproporz“, der die Präsenz von Sudetendeutschen und Westpreußen in den maßgeblichen Entscheidungsinstanzen der Bundesrepublik garantierte, gibt es jedoch schon seit langem nicht mehr.

Viel blieb, neben der hauptberuflichen Arbeit der landsmannschaftlichen Instanzen, in der Nachkriegszeit nicht, um auf die deutsche Vergangenheit der Gebiete ostwärts von Oder und Neiße hinzuweisen. Immerhin, die Provenienz namhafter Vertriebener sorgte in den Medien, also in Würdigungen und Interviews, für ein Fortleben mancher zunehmend fremd klingender Ortsnamen.

Dieser Rückenwind, über den die historischen Ostgebiete latent über Jahrzehnte hinweg verfügt haben mögen, flaut ab, ihm ist in wenigen Jahren ein Ende gesetzt. Eine biologische Zäsur steht bevor, als deren Auswirkung die letzten „Erlebnisvertriebenen“ ihre vielbeachtete Stimme im gesellschaftlichen Diskurs Deutschlands verlieren werden. Die ersten, um 1885 geborenen, traten als Vertriebene bereits um 1950 in den Ruhestand, die letzten, 1945/46 noch in den Ostgebieten geborenen und in der Bundesrepublik zu Führungskräften Avancierten, werden bis 2010/11 ebenfalls aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden sein.

Mit ihnen geht eine Ära zu Ende. Auch wenn jemand das schlesische oder ostpreußische Thema niemals aktiv protegierte, Geburtsort und frühes Vertreibungsschicksal fanden doch zumeist Einzug in die veröffentlichten Biographien und verschafften den „Namen, die keiner mehr nennt“, eine passive Aufmerksamkeit. Eine, sicherlich unvollkommene, Recherche fördert nicht mehr allzu viele Persönlichkeiten zutage, die mehr oder minder der regulären Pensionsgrenze unterliegen und deren aktiver oder auch passiver Einfluß binnen kurzem schwinden wird: Wolfgang Thierse (Breslau), Klaus Dieter Lehmann (Breslau), Eberhard Piltz (Königsberg), Bernd Neumann (Elbing), Bischof Walter Mixa (Königshütte, Oberschlesien), Wilhelm von Boddien (Stargard), Sigrid Löffler (Aussig) und Marcel Reif (Waldenburg).

Freilich: es gibt zugleich zahlreiche in den Ostgebieten Geborene – Unternehmer, Wissenschaftler, Künstler, Politiker –, die nicht an die übliche Altersgrenze gebunden sind. Horst Ehmke und Armin Müller-Stahl (Tilsit), Günter Grass (Danzig), Lothar Gall (Lötzen), Wolf Lepenies (Allenstein), Bazon Brock (Stolp), Markus Lüpertz (Reichenberg), Lena Valaitis (Memel), Hanna Schygulla (Königshütte), Walter Laqueur und Reinhard Selten (Breslau), Franz Josef Wagner (Olmütz), Horst Fuhrmann (Kreuzburg, Oberschlesien), Veruschka von Lehndorff, Witta Pohl, Gerlind Reinshagen und Heinrich August Winkler (Königsberg) wären zu nennen. Ihre Namen werden in Verbindung mit ihren Geburtsorten noch einige Jahre und Jahrzehnte Zeugnis davon ablegen, daß Deutsche auch aus Regionen jenseits der Oder stammen.

Martin Hollender (KK)

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