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Ausgaben: Ausgabe 1321.

Die „wichtigste unwichtige Sache“

Fußballprojekt des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie und der Friedrich-Ebert-Stiftung

„Fußball ist die wichtigste unwichtige Sache der Welt“, sagte einmal der polnische Papst Johannes Paul II., der in seiner Jugendzeit selbst gerne gekickt hat. Und doch ist man mit dieser Sache stark emotional verbunden. Verehrung und Liebe für den eignen Spieler gehören genauso ins Stadion wie Missachtung der Gegner. Das Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften und die Friedrich-Ebert-Stiftung haben das neulich untersucht.

Psychologische Studien belegen, daß Emotionen in unserem Alltag stark gebremst werden. Wir haben gelernt, uns in bestimmten Situationen zurückzuhalten. Deswegen lasten verschiedene Hemmungen schwer auf uns. Und wir suchen nach Freiräumen, in denen wir alles rauslassen können. Ein Stadion ist ein guter Platz dafür.

Das, was man heute vom Fußball erwartet, ist, daß es laut zugeht, daß man seine Emotionen zeigt. Da die Gesellschaft stark individualisiert lebt, sucht man nach einer Gemeinschaft. Denn in einer Gruppe ist die emotionale Aufladung am stärksten. Stadiontribünen seien Orte, wo man sich am besten ausleben könne, meint Radoslaw Kossakowski, Sportsoziologe aus Danzig: „Es ist einfach einmalig. Orte wie Einkaufszentren und Multikinos befriedigen Bedürfnisse eines Individuums. Dort sind wir Kunden und haben keine Emotionen. Und auf einmal treffen wir in einem Stadion auf hunderttausend Gleichgesinnte und bilden zusammen eine sogenannte Gemeinschaftsseele.“ Die Stadien seien voll, da wir uns einfach von Zeit zu Zeit danach sehnen, meint der Wissenschaftler.

Emotionen gehören einfach zum Spiel. Sie werden durch bestimmte Geschehnisse auf dem Fußballfeld ausgelöst. Bedeutend ist jedoch vor allem die Beziehung, die die Fans zu ihren Helden haben. Es sei eine Liebesbeziehung, meint der Sportphilosoph Gunter Gebauer: „Sie besteht darin, daß das Innere der Fans aufs äußerste erregt wird; nämlich so stark, daß diese Liebesbeziehung sie selber verändert, weil sie so sein möchten wie ihre Vorbilder. Und daß sie ihren Vorbildern nacheifern; daß sie eine Nachahmungsbeziehung zu ihnen haben, ihnen ähnlich werden und sich unbedingt an sie annähern wollen, indem sie sie unterstützen durch Gesänge, durch Schreie und so weiter.“

Zurufe können auch negative Emotionen ausdrücken. Denn gegenwärtig ist ein Fußballspiel nichts anderes als ein modernes Gefecht. Und so sehr die eigenen Spieler geliebt werden, so werden die Gegner mißachtet. Anthropologen betrachten Antagonismen, also Gegensätzlichkeiten, als wichtige Elemente einer gesunden Rivalität. So auch Mariusz Czubaj, Sportanthropologe aus Warschau: „Es ist normal, daß man die Eigenen über die Fremden stellt. Das ist eine der grundlegenden Formen der Ausgestaltung der Identität. Es ist besser, wenn wir uns im Sport und unter bestimmten Regeln bekämpfen als irgendwo anders. Wenn unsere dunklen Kampfinstinkte und -mächte durch den Sport beherrscht würden, dann gäbe es kaum etwas, was wir uns mehr wünschen könnten.“

Der Ball ist rund. Das Spiel dauert 90 Minuten. Alles andere ist Theorie. Und die Emotionen füllen diese Theorie mit Leben. „Unser Prinz heißt Podolski: Das Trikot weiß, aber sein Herz ist rot“, singt der polnischstämmige Kabarettist Marek Fis. Und verlangt dabei, daß der Fußball schön bleibt. Nur das zählt in diesem Sommer.

Arkadiusz Luba (KK)

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