Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1257.

Die Wissenschaft vom Osten im Westen beheimatet

Das von Wilfried Schlau gegründete Studentenbildungswerk überantwortet seine Aufgaben besser dotierten Einrichtungen
 

Das Anfang der 1960er Jahre von dem Deutschbalten Professor Dr. Wilfried Schlau gegründete Studentenbildungswerk e.V. hat kürzlich in einer Mitgliederversammlung seine Selbstauflösung beschlossen. Hervorgegangen war diese Einrichtung aus dem Verband heimatvertriebener und geflüchteter deutscher Studenten (VHDS), dem späteren ODS. So waren die Mitstreiter Professor Schlaus bei der Gründung des Studentenbildungswerkes noch aktive oder ehemalige Führungskräfte des VHDS wie z.B. der Ostpreuße Hans-Günther Parplies, die Pommern Erhard W. Appelius und Fritz Rauch oder die Sudetendeutschen Walter F. Schleser und Herbert Günter Haischmann.

Das Studentenbildungswerk arbeitete eng mit dem ebenfalls von Schlau gegründeten und Jahrzehnte maßgeblich von ihm bestimmten Heimvolkshochschulwerk zusammen, einer Einrichtung der freien Jugend- und Erwachsenenbildung, die über anderthalb Jahrzehnte in dem bundesdeutschen Bildungsangebot eine Besonderheit darstellte. Das Heimvolkshochschulwerk bot jungen Menschen aus industriell-gewerblichen Berufen sechswöchige bis dreimonatige Internatslehrgänge zur Erweiterung der Allgemeinbildung, insbesondere der politischen Bildung, an. Bei letzteren stand wiederum die gesamtdeutsche Bildungsarbeit im Vordergrund.

In den von Schlau konzipierten einwöchigen Seminaren des Studentenbildungswerkes wurden die Teilnehmer – Studentinnen und Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen – über Geschichte, Wirtschaft und die politischen Verhältnisse in den Ländern Ostmitteleuropas informiert. Vor allem kam es Schlau darauf an, jungen westdeutschen Akademikern die Augen für die ethnische Vielfalt in Ostmitteleuropa zu öffnen. Damit setzten diese Seminare einen Kontrapunkt zu der in dieser Zeit auch im Westen Deutschlands um sich greifenden Bereitschaft, der sowjetischen Propaganda zu unterliegen, die die historischen Unterschiede in den Ländern ihres Machtbereichs weitgehend leugnete. Zu welchen Absurditäten dies führen konnte, zeigt die Äußerung des Leiters einer hessischen Volkshochschule, der damals in einer Diskussion das Seminar des Studentenbildungswerkes zum Thema „Esten, Letten, Litauer und Deutsche“ als eine gegen die Entspannungspolitik gerichtete Propagandaveranstaltung des Kalten Krieges bezeichnete, denn Esten, Letten und Litauer gäbe es nicht, sondern nur Bürger der baltischen Sowjetrepubliken. Daß das Verhältnis der Deutschen zu den Völkern Ostmitteleuropas in guten wie in schwierigen Zeiten zu den zentralen Inhalten der Bildungswochen gehörte, bedarf keiner weiteren Erwähnung.

Anfang der siebziger Jahre erfuhr die Arbeit des Studentenbildungswerkes eine zusätzliche Erweiterung. Die Tatsache, daß die Kenntnis der Sprache des anderen eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür ist, Barrieren und Vorurteile abzubauen, die dem friedlichen Miteinander entgegenstehen, führte schließlich, wieder auf Initiative von Wilfried Schlau, der sich inzwischen habilitiert hatte und am Lehrstuhl für Soziologie und Sozialwissenschaften an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz lehrte, zum „Mainzer Modell“, dem ersten Polonicum an einer Hochschule in der Bundesrepublik Deutschland. In Verbindung mit der altehrwürdigen Jagiellonen-Universität in Krakau hat diese Einrichtung, man darf sie durchaus als Fortsetzung der inhaltlichen Arbeit des Studentenbildungswerkes auf einer höheren Ebene betrachten, Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen das Erlernen der polnischen Sprache sowie die Vermittlung von Kenntnissen in polnischer Geschichte und Landeskunde angeboten. Heute trifft man die Absolventen des Mainzer Modells nicht selten in den für die deutsch-polnischen Beziehungen wichtigen Zentren in der Bundesrepublik Deutschland. So ist der ehemalige Assistent Schlaus im Mainzer Modell, Professor Dr. Joachim Rogall, als Bereichsleiter für Mittel- und Osteuropa bei der größten privaten deutschen Stiftung für Völkerverständigung, der Robert Bosch Stiftung, tätig.

In den Folgejahren entstanden dann, von Wilfried Schlau angeregt und vom Studentenbildungswerk mit Förderung deutscher Stiftungen organisiert, Sprachwerke für andere ostmitteleuropäische Sprachen. Was einst von heimatvertriebenen deutschen Studenten ausging, hat also eine weit über die ursprünglichen Zielsetzungen hinausgehende Wirkung erzielt.

Nun hat die Mitgliederversammlung die Auflösung des Vereins beschlossen. Nicht weil es die Aufgabe nicht mehr gäbe, im Gegenteil, die ursprüngliche Zielsetzung ist nach den Umbrüchen der Jahre 1989/90 aktueller denn je. Inzwischen haben sich aber dieser Ziele Einrichtungen angenommen, die diese Arbeit viel effektiver wahrnehmen, als dies ein eingetragener Verein leisten könnte. Vor allem sind es zwei Institutionen, die hier genannt werden müssen: die Ostseeakademie im Pommernzentrum in Travemünde und die Akademie Mitteleuropa, die in enger Anlehnung an die Sudetendeutsche Bildungs- und Begegnungsstätte Der Heiligenhof bei Bad Kissingen arbeitet.

In beiden Einrichtungen tragen übrigens Persönlichkeiten Verantwortung, die sich bis zur Auflösung des Studentenbildungswerkes auch dort engagiert haben. So etwa der seit 2003 amtierende Geschäftsführer des Studentenbildungswerkes, Dipl.-Volkswirt Hartmut Saenger, der als Sprecher der Pommerschen Landsmannschaft besondere Verantwortung für das Pommernzentrum trägt, oder der frühere Staatssekretär Wolfgang Egerter, seit 2003 Vorsitzender des Studentenbildungswerkes, der sich als Vorsitzender des Stiftungsvorstandes der Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk, des Trägers des Heiligenhofes, und als Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Akademie Mitteleuropa für die Bad Kissinger Einrichtungen verantwortlich fühlt. So leben die Ideen von Wilfried Schlau und seinen Mitstreitern in diesen Einrichtungen weiter.

Mit dem Auflösungsbeschluß haben die Mitglieder auch ein ganz besonderes Verantwortungsbewußtsein gezeigt. Ihnen kam es immer auf Inhalte an und weniger auf den Erhalt vereinsmäßiger Strukturen. Wenn andere die Tradition fortsetzen, dann kann der Verein seine Arbeit in Ehren beenden. Manch anderer Verein, der einmal eine wichtige Aufgabe erfüllte, die sich aber inzwischen erledigt hat bzw. von anderen in der gleichen oder ähnlichen Art, jedoch effektiver wahrgenommen wird, könnte sich daran ein Beispiel nehmen.

(KK)

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