Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1219.

Die Würde des Menschen ist nicht unantastbar, jedoch erzählbar

Ein Schriftsteller will mit sich ins reine kommen. Das gilt um so mehr für den spätgereiften Eginald Schlattner, und jede seiner Zeilen trägt schwer an der Fracht von Geschichte und Zeitgeschichte, an der Vielfalt siebenbürgischer Kultur und den Zwiespälten eigener Erfahrung. All das wurde in den deutschsprachigen Medien so opulent aufbereitet und ausgebreitet, daß der siebenbürgisch-sächsische Pfarrer und Erzähler im deutschsprachigen Raum zu einer öffentlichen Gestalt von besonderer Eloquenz geworden ist. So erwartet man denn von ihm auch nichts anderes als gewichtige Romane, und zum dritten Mal wird er nun dieser Erwartung gerecht.

Sein drittes Buch nimmt die kreisende Bewegung epischer Beschwörung wieder auf. Wer den „Geköpften Hahn“ und die „Roten Handschuhe“ gelesen hat, wird sich gern dem erkennenden und wiedererkennenden Genuß hingeben und dabei von neuem entdecken, daß Siebenbürgen überall ist. Eginald Schlattner weiß so davon zu erzählen, daß auch nichtsiebenbürgische Leser sich in seinen Geschichten heimisch fühlen. Wer wiederum Siebenbürgen zu kennen meint, wird meinen, es nicht wiederzuerkennen – und sich darüber freuen. Natürlich nur, sofern er bereit ist, sich den fremden Blick eines ganz und gar nicht Fremden zu eigen zu machen. Dabei muß er sich auf Karikaturales wie Enthusiastisches einlassen, muß in Kauf nehmen, daß an seinem siebenbürgisch geprägten Selbstbewußtsein gekratzt wird; auch bei solchem Kratzen kann sich schließlich, wenn man empfänglich genug ist, ein wohliges Gefühl einstellen.

In dieser Epik waltet das Prinzip der Unverwandtheit oder Un-Verwandtheit. Man mag den Begriff drehen und wenden, wie man will, etwas davon wird man in Schlattners Erzählgestus wie immer finden. Er ist einer aus jener Welt, von der er spricht, und er ist es auch, der ihr und sich nichts vergibt, der sich mit nichts gemein macht, auch nicht mit sich selbst. Der sich von dieser Landschaft genauso virtuos distanziert, wie er sich begeistert zu ihr bekennt.

Nach dem Jugend- und dem politischen Roman nun also der Liebesroman oder der Roman der verlorenen Liebe in den Zeiten des Nach-Kriegs in Rumänien. Welche Logik in dieser Folge liegt, ist allein Sache des Eginald Schlattner, daß es aber der richtige Dreischritt zur Selbstvergewisserung ist, das bezeugen die drei Bücher. Sie stehen in einem Zusammenhang, der bis ins Personenensemble sichtbar wird, die Handlungsstränge sind miteinander verknotet, Schauplätze und zeitgeschichtliche Ereignisse verweben sich zum Hintergrund eines Panoramas, das allerdings nicht nur als Ganzes wirkt, sondern gerade auch in den Einzelheiten pittoresken Reiz ausstrahlt.

„Das Klavier im Nebel“ ist nicht explizit autobiographisch, vielmehr erkennt der eingeweihte Leser das Alter ego des Autors in einer Nebengestalt und wird so sanft von der Frage abgelenkt, wieviel Selbsterlebtes in den Peripetien der Hauptperson Clemens Rescher steckt. Der „eigentliche“, vemummt durch das Buch huschende Wiedergänger romantischer Faktur aber verflicht die Assoziationen zu den anderen Büchern, zumal zu den „Roten Handschuhen“, auf eine nachgerade unheimliche Art und Weise. Und im Knoten dieser Verflechtung steht folgende Selbstaussage: „Idealisten sind gefährliche Menschen. Sie haben ein falsches Bild von der Welt. Krampfhaft suchen sie nach Gelegenheiten, Opfer zu bringen. Und stürzen sich und andere ins Unglück.“ Auf den Einwand, er, der das sagt, sei doch selbst einer, antwortet die „Stimme aus dem Untergrund“: „Eben. Man hüte sich vor mir!“ Den Schlattner-Leser mit der Erfahrung der „Roten Handschuhe“ überläuft es.

Die Lektüre dieser Romane in ihrem Zusammenhang setzt etwas voraus, was man Komplizenschaft, aber auch positiv Solidarität nennen kann. Derlei wird keinem Siebenbürger Sachsen schwerfallen, wenngleich ihm beileibe nicht geschmeichelt wird. Des öfteren kommt der Erzähler auf die unterschwellige Kongruenz zwischen den Sachsen und dem menschenverachtenden Nazi-, aber auch dem neuen sowjetisch-rumänischen Regime zu sprechen oder deutet sie zumindest an; sächsische Widerständler sucht man in dem Buch vergebens – bis auf zwei eindrucksvolle Szenen, in denen Clemens Rescher tätlich aufbegehrt, indem er bei der Hausenteignung einen großen Spiegel inklusive der darin gespiegelten Welt zerschmettert und einiges später zigeunerische Profiteure der „Diktatur des Proletariats“ in die Flucht schlägt, um die Würde ihrer sächsischen Opfer wiederherzustellen.

Dabei ist Clemens Rescher nach dem Umbruch im Begriff, aus freien Stücken zu einem Bilderbuchkommunisten zu werden. Was ihn schließlich davor bewahrt, ist nicht allein die bourgeoise Herkunft („Ein Ihriger wird man nicht“), es ist eher die Vielfalt dieser Kulturlandschaft, die ihm Augen und Sinne nach so vielen Richtungen und für so viele Reize und Erkenntnisse öffnet, daß er die kommunistisch geforderte Engstirnigkeit nicht aufbringt. Solches „Versagen“ und Sich-Versagen stellt Schlattner als die große Kulturleistung Siebenbürgens und Rumäniens dar.

Die Schäßburger Bürgerfamilie Rescher wird durch den kommunistischen Umsturz in Rumänien zerschlagen. Der Vater kommt als ehemaliger Fabrikant ins Gefängnis, die exaltiert kulturbeflissene Mutter verschlägt es in die Einöde der Dobrudscha, nur die Großmutter vermag Schrumpfformen ihrer großbürgerlichen Gepflogenheiten in die „neue Zeit“ herüberzuretten und wieder einen Salon zu etablieren, in dem nun der sowjetische Besatzungsoffizier, der zum Kommunisten mutierte ehemalige Kutscher Keleti, die ehemalige Haushälterin Rosa oder die Proletariertochter Petra ihre menschliche Gemeinsamkeit entdecken.

Wie dieser Salon ist Eginald Schlattners Roman. Schuld wird nicht zugewiesen, Fragen werden gestellt, die Antwort aber steht in den Weiten erzählerischer Vorstellungskraft. Vorausgesetzt, daß er sich dieser Verführung hingibt, erlangt selbst der unbedarfteste Leser eine Vorstellung von dem, was das sein kann: Welt, Wirklichkeit in den Kopf nehmen und Worte, Sätze, Bilder daraus schlagen, erlebte Geschichte zu Geschichten machen, ohne ihre Schärfe zu verleugnen, ohne einen nostalgischen Schleier darüberzubreiten, und sie doch so zu erzählen, daß Verständnis aufkeimt.

Er läßt sich schwerlich tröpfchenweise verkosten, dieser schwere Wein, aber da gibt es Geschichten noch und noch, die auch bei Johann Peter Hebel, Jaroslav Hasek oder Joseph Roth gut aufgehoben wären, es hier jedoch nicht minder sind. Etwa die des Hundes Krimschild oder jene von der kommunistischen Viehzucht und dem sächsischen menschlich-tierfreundlichen Korrektiv, durch das sie schließlich gerettet wird, oder auch nur – so ein Tröpfchen halt – die Schilderung zweier Liebender in kommunistischer, also finsterer Nacht:

„In dieser Nacht lachten sie viel. Er entdeckte einen Schubkarren und fuhr sie spazieren durch die nächtliche Stadt. Den dreieckigen Kasten hatte er mit seiner Jacke tapeziert. Sie lag halbwegs bequem, Gesicht zu ihm, wenn auch Kopf und Schulter tiefer ruhten als die Knie. Aber sie konnten sich ansehen und sich somit besser unterhalten. Und da das Gefährt ein Gummirad hatte, blieben die Stöße erträglich. Niemand störte sie. Die Miliz schlief, wenn auch mit offenen Augen, und die Partei blinzelte bloß.“

Es geschieht große Geschichte, aber im einzelnen nicht viel in diesem Buch. Ein junger Mann schlägt sich durch in einer fremd gewordenen Welt, die Liebe kommt, die Liebe geht oder bleibt, wird eingestanden oder verdrängt, Erkenntnisse so naher wie fremder Kultur – in Südosteuropa kein Widerspruch –  offenbaren sich, klein- und großbürgerliche, kaiserlich-königliche Welten gehen unter und dahin, neue sowjetisch-kommunistische erstehen, die Tektonik des historischen Geschehens entfaltet ihre mahlende, malmende Wirkung, doch deren Dämonie ist nicht so stark, daß sie Menschliches im Kern gefährdete. Selbst in der ärgsten Heimsuchung durch stalinistischen Terror, Enteignung und Deportation findet der anteilnehmende Chronist den Widerschein von menschlicher Schwäche und Würde gleicherweise und versagt sich dabei jedwelche Verachtung oder Bewunderung, jeden moralischen Urteilsspruch.

Fast könnte man die erzählerische Grundhaltung Schlattners mit christlicher Nächstenliebe umschreiben, doch das wäre zum einen blasphemisch und zum anderen seiner darstellerischen Kunst nicht angemessen. Denn sein Stil erschöpft sich keineswegs in pastoraler Gebärde, vielmehr vermag er aus der bewegtesten und bewegendsten Szene ebenso wie aus dem kleinsten pittoresken Detail ironische Funken zu schlagen und ein Feuerwerk opulenter Bilder zu entfachen. Seine menschlichen Gestalten beeindrucken teils durch kreatürliche Ursprünglichkeit, teils durch natürliche Anmut oder wunderlichen Charme – für Anbetung, Anklage oder Verächtlichkeit ist in Schlattners Menschenbild kein Raum.

An historischer Perspektive und Wertung läßt er es allerdings keineswegs mangeln. Siebenbürgen, das rumänische Altreich und das Banat, das nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Großrumänien mit seinen Widersprüchen, das sind die Koordinaten dieser südosteuropäischen „Kosmologie“, und eher erlaubt sich der Autor einen Überschwang an kultureller Begeisterung, als daß er sich dem einen oder anderen Auswuchs dieser wuchernden „Multikulturalität“ gegenüber Distanz auferlegte. Das alles zum Zeichen, daß gängige rationale Wahrnehmungsraster nur bedingt zur Betrachtung jener Welt taugen.

Zum selben Zeichen flattern wie Wimpel die zahlreichen kursiv gesetzten rumänischen – und wenigen anderssprachigen – Sprüche und Aussprüche über dem Textfeld des Romans. In ihnen und ihrer prekären Grammatik und Orthographie offenbart sich allerdings die „Multikulturalität“ auch als ironische Falle: Das Geflattere hätte dringend eines rumänischsprachigen Lektors bedurft, damit die Signalwirkung nicht wiederholt durch sprachliche Ungenauigkeit verfehlt würde.

Wer sich jedoch so über das Buch neigt, wie es das verdient, mag selbst das als anrührend empfinden.

Eginald Schlattner: Das Klavier im Nebel. Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2005, 523 Seiten, 24,90 Euro

Georg Aescht (KK)

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