Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1240.

Die Zeitzeugen hören, solange noch Zeit ist

Helga Hirsch: Entwurzelt. Vom Verlust der Heimat zwischen Oder und Bug. edition Körber-Stiftung, Hamburg 2007, 292 S., 20 Euro

Die zehn Zeitzeugenberichte über den Verlust der Heimat zwischen Oder und Bug nach dem Zweiten Weltkrieg lesen sich wie aufregende, unglaubliche Abenteuergeschichten. Mit „Entwurzelt“ hat die Journalistin und Filmemacherin Helga Hirsch nach den Biographien von Vertriebenen-Nachfahren („Schweres Gepäck“, 2004) erneut individuelle Schicksale dokumentiert und dazu beigetragen, das Geflecht der historischen Ereignisse zu entwirren. Ihre Gesprächspartner, die sie mit finanzieller Unterstützung der Robert-Bosch- und der Körber-Stiftung im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet, in Deutschland, Polen und Israel besuchen konnte, waren bis zu 78, 85 und sogar 93 Jahre alt, Augenzeugen einer Generation, die es bald nicht mehr geben wird.

Sie erzählen von Vertreibung, Umsiedlung, Aussiedlung, Deportation, Flucht, Repatriierung, Lagerhaft, Vernichtung und Tod. Es sind einzelne Lebenslinien unter Millionen hin und her treibender und getriebener Menschen, von Juden, Polen, Deutschen. Helga Hirsch bezeichnet alle Gesprächspartner unabhängig von den verschiedenen Definitionen ihrer Entwurzelung als Vertriebene, als zwangsweise aus der Heimat Verwiesene ohne die Hoffnung auf Rückkehr.

Jedem Augenzeugenbericht ist eine kurze historische Zusammenfassung vorangestellt. Auf einer Übersichtskarte sind die jeweiligen Fluchtwege und Lebensstationen der Berichterstatter verzeichnet.

Sie reichen über Polen, das mit dem Einmarsch der Deutschen am 1. September 1939 zu der am schwersten umkämpften Region in Mitteleuropa gehörte, weit hinaus, bis ins Baltikum, nach Rußland, ans Schwarze Meer und schließlich in das Nachkriegsdeutschland und sogar bis nach Israel und New York.

Was Geschichtsbücher und Atlanten nicht vermitteln können, ist das menschliche Leid, sind die Verblendung, der Haß, die Grausamkeit, aber auch glückliche Fügungen, Mitleid, Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft, die in den Erinnerungen der Vertriebenen lebendig werden. In diesem Sinne ist das Buch „Entwurzelt“ auch eine empfehlenswerte Ergänzung zum Katalog der Ausstellung „Erzwungene Wege“ des Zentrums gegen Vertreibungen, dessen Kuratorium die Autorin Helga Hirsch angehört.

Die Kapitel, die unter der Überschrift „Zwangsumsiedlungen, Vertreibungen, Deportationen der Polen, der Ukrainer und im Baltikum 1939–1949“ zusammengefaßt sind, werden lebendig unter Namen wie Adam Szejwac, den die Vertreibung aus Warschau über Perwouralsk nach Tel Aviv brachte, Lieselotte von Stackelberg, die als Auslandsdeutsche aus Riga „heim ins Reich“ nach Schlesien deportiert wurde und schließlich im baden-württembergischen Ludwigsburg landete, oder auch Artur Singer, der ähnlich wie die Familie des Bundespräsidenten Horst Köhler sein Dorf in Bessarabien verlassen mußte, um im Kreis Zamosc bei Lublin unter der ständigen Todesgefahr durch Angriffe polnischer Partisanen dem Aufbau eines Mustergaus „reichsdeutscher und volksdeutscher Wehrbauern“ zu dienen. Ihre Berichte sind wie die aller andern Zeitzeugen so authentisch und journalistisch versiert erzählt, daß sie sich wie ein spannender, anrührender Roman lesen.

Ute Flögel (KK)

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