Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1315.

Diese Parallelen berühren sich nicht im Unendlichen

Sondern hier und heute: Die Rußlanddeutschen sind zu uns gekommen, um das zu bleiben und das zu geben, was sie sind

Nostalgie ist so legitim, wie sie schön ist: Carl Thiemann, Birken am Bach
Bild: siehe Seite 24

Was haben die Sängerinnen Helene Fischer und Jule Neigel, die ehemalige Volleyball- Nationalspielerin Angelina Grün, der Bundesliga- Fußballer Andreas Beck und der bei der bevorstehenden Leichtathletik-Weltmeisterschaft startende Sprinter Alex Schaf gemeinsam? – Alle sind sie als rußlanddeutsche Aussiedler in die Bundesrepublik Deutschland gekommen und haben hier Karriere gemacht.

Doch kaum jemand weiß von dieser Herkunft, was symptomatisch ist. Denn, zugespitzt formuliert, Deutsche aus Rußland sind in den Medien vor allem dann ein Thema, wenn sie Schwierigkeiten machen. Gerade linksideologische Kreise, die andere Minderheiten jedweder Couleur nur zu gern hofieren und sich als deren Interessenwahrer gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft aufspielen, sind schnell bei der Hand, wenn es um wirkliche oder vermeintliche „russische Parallelgesellschaften“ geht. Dann und oft nur dann wird die „Einwanderung in die Sozialsysteme“ angeprangert, und man spricht pauschalierend und mitunter hämisch von „den Russen“, wenn die zwischen Rhein und Oder lebenden bis zu 2,7 Millionen Rußlanddeutschen gemeint sind. Manche Journalisten schreiben dann von „ethnischen privilegierten Zuwanderern“ mit „autoritären bzw. rechtslastigen Vorstellungen“.

Die zu uns gekommenen Rußlanddeutschen sind geradezu ein Paradebeispiel dafür, wie sich die öffentliche Wahrnehmung einer größeren Bevölkerungsgruppe in nur anderthalb Jahrzehnten grundlegend verändern kann. Dies hat zuvörderst quantitative Ursachen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zogen rund vier Millionen Aussiedler in die Bundesrepublik Deutschland – vor allem Oberschlesier, Rumäniendeutsche und nicht zuletzt Rußlanddeutsche. Die Gesamtzahl der aus der ehemaligen Sowjetunion Übergesiedelten beläuft sich auf über drei Millionen, wobei einige Hunderttausend jüdische Kontingentflüchtlinge und zahlreiche nichtdeutschstämmige Ehepartner und Familienangehörige rußlanddeutscher Aussiedler eingeschlossen sind.

Für die Rußlanddeutschen galt lange, daß sie eine große Bereitschaft zeigten, sich an die örtlichen Verhältnisse anzupassen. Bloß nicht als Aussiedler auffallen, das war oberstes Gebot, zumal man sich vielfach tatsächlich durch Sprache, Kleidung, Eßgewohnheiten, Wohnungseinrichtung u. a. deutlich von den Einheimischen abhob – anders als dies beispielsweise bei den Siebenbürger Sachsen aus Rumänien der Fall war. Der Wille, die eigene, ohnehin gebrochene kulturelle Identität weiterzutragen, war nur gering ausgeprägt. Speziell die Jüngeren orientierten sich ganz an hiesigen Normen und Moden. Nur bei sehr religiösen Gruppen wie den rußlanddeutschen Mennoniten oder Adventisten bestanden schon immer deutliche Vorbehalte gegen manche typischen Aspekte der bundesdeutschen Gesellschaft. Diese Gruppen dürften inzwischen zahlenmäßig von erheblicher Bedeutung für das freikirchliche Gemeindeleben in Deutschland sein.

Als Arbeitskräfte waren die Rußlanddeutschen bis in die neunziger Jahre hinein ausgesprochen beliebt. Umfragen bei Wirtschaftsunternehmen belegen das. Sie galten als fleißig, unkompliziert, anspruchslos und anpassungsfähig. Zwei Jahrzehnte später ist dieses Bild nicht mehr zutreffend. Rußlanddeutsche oder eben „die Russen“ erscheinen vielfach als Problemfaktor. Insbesondere in städtischen Ballungsgebieten wie Berlin (allein im Stadtbezirk Marzahn- Hellersdorf wohnen schätzungsweise 25000 Rußlanddeutsche, von denen über 60 Prozent von Hartz IV oder Sozialhilfe leben) oder in regionalen Ansiedlungszentren wie im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg, im Hunsrück oder im badischen Lahr mit ihren hohen rußlanddeutschen Bevölkerungsanteilen von bis zu 30 Prozent fallen jüngere Angehörige dieser Gruppe durch fehlende Integrationsbereitschaft und Kriminalität auf. Seit Mitte der neunziger Jahre ist eine Häufung der Konflikte mit der alteingesessenen Bevölkerung zu beobachten. Desgleichen eine weit verbreitete Verärgerung der Einheimischen über die wachsenden Sozialleistungen nicht nur an türkische, afrikanische oder andere ausländische Migranten, sondern auch an die häufig als nicht minder fremd empfundenen rußlanddeutschen Spätaussiedler.

Bedingt durch die veränderte Struktur der jüngsten – mittlerweile aber fast gänzlich abgeebbten – rußlanddeutschen Aussiedlerwelle (ungleich schlechtere bzw. fehlende Deutschkenntnisse, hoher Anteil andersnationaler Familienmitglieder, rein russische Sozialisation) und die rückläufige soziokulturelle und wirtschaftliche Integrationskraft des Landes lassen sich Tendenzen zur Schaffung einer durch die russische Sprache geprägten eigenen Kulturlandschaft beobachten, die durchaus Züge einer Parallelgesellschaft aufweist. In Gebieten konzentrierter Ansiedlung haben sich ghettoartige Strukturen verfestigt – mit kyrillisch beschrifteten Lebensmittelläden, Buchhandlungen, eigenen Restaurants und Reisebüros oder den vielen sogenannten „Russen- Discos“.

Doch die weitaus meisten der zu uns gekommenen Rußlanddeutschen leben seit Jahren unauffällig als Deutsche unter Deutschen. Tatsächlich existieren längst erhebliche Unterschiede zwischen verschiedenen rußlanddeutschen Milieus im Bundesgebiet und ihren abweichenden Integrationsformen und -stufen, die selbst im internen Rahmen Unverständnis erzeugen und alle Verallgemeinerungen fragwürdig machen. Eine Anfang 2009 erschienene Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung unter dem Titel „Ungenutzte Potentiale. Zur Lage der Integration in Deutschland“ ermittelte ein deutlich besseres Abschneiden der Rußlanddeutschen im Vergleich zu andersnationalen Zuwanderergruppen. Insbesondere die zweite, hier geborene Generation unterscheidet sich demnach kaum von den einheimischen Altersgenossen.

Es bedarf keiner Fragen. Dramen sprechen für sich: August Brömse, Leidender Christus
Bild siehe Seite 22

Bei den Versuchen einer Erklärung für die Herausbildung der erwähnten Parallelgesellschaften sollte nicht bloß auf die Selbstausgrenzung vor allem jüngerer Rußlanddeutscher hingewiesen werden, die sich in ihrer Flucht ins „Russische“ manifestiert. Auch die fehlende Bereitschaft der hiesigen Eliten und Medien und mit ihnen eines beträchtlichen Teils der binnendeutschen Bevölkerung, diese Menschen als Landsleute kennenzulernen und anzunehmen, ist ein Teil des Problems, vielleicht sogar der wichtigste. Denn was weiß ein bundesdeutscher Normalbürger schon von der Geschichte der Rußlanddeutschen, ihren Leistungen, besonderen kulturellen Prägungen, aber auch ihren unvorstellbaren Leiden im 20. Jahrhundert? Welchem heutigen Binnendeutschen sagen sie schon etwas, die Erinnerungen an die Wolga-, Schwarzmeer- und Kaukasuskolonien, an die Berg- und die Wiesenseite, die tüchtigen schwarzmeerdeutschen Mennoniten im Gebiet Halbstadt, die Winzer von Helenendorf, die ungezählten eigenen Kirchen, Schulen, stattlichen Bauernhöfe und Handelsunternehmen? Oder an die Kollektivierungsverbrechen der Stalin- Ära, die Qualen in der Trudarmee und den opferreichen Neubeginn in der endlosen Weite der Deportationsgebiete Kasachstans und Sibiriens?

Das sollte anders sein und sich mit einem zumindest sporadischen Wissen um die Perspektivlosigkeit der Rußlanddeutschen in der Nachkriegs-Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten verbinden. Ihre Eliten waren durch den roten Terror in der Zwischenkriegszeit weitgehend liquidiert worden, auch nach 1945 verunglimpfte man sie als „Vaterlandsverräter“ und „Faschisten“, ermöglichte ihnen so gut wie keine gesellschaftlichen Aufstiegschancen und verbot ihnen die Heimkehr in ihre Herkunftsgebiete an der Wolga, am Schwarzen Meer oder im Kaukasus. Eine sich ab 1964 formierende deutsche Autonomiebewegung blieb ebenso erfolglos wie wiederholte großangelegte Unterschriftensammlungen mit dem gleichen Ziel. Die negative Bildungsentwicklung der Rußlanddeutschen im Sowjetrahmen war einmalig: Als Volksgruppe, die bereits im Zarenreich fast vollständig lese- und schreibkundig war und zu den am besten ausgebildeten Nationalitäten zählte, verzeichneten sie in den siebziger Jahren unter allen Ethnien in der UdSSR den geringsten Anteil an Personen mit akademischen Abschlüssen. Besonders problematisch war die durch die starke Zerstreuung und die vielfältigen Benachteiligungen verursachte Zurückdrängung der deutschen Muttersprache. Diese ging so weit, daß dem Mikrozensus von 1994 auf dem Gebiet der Russischen Föderation zufolge, in dem zum ersten Mal die faktische Beherrschung des Nationalidioms abgefragt wurde, lediglich 12,9 Prozent der befragten Rußlanddeutschen angaben, Deutsch in ihrer Familie zu sprechen.

Zutiefst resigniert, stellten schon in den Jahren 1956/57 über 80 000 Erwachsene Ausreiseanträge in die Bundesrepublik Deutschland. Bis Ende der Sechziger durften jedoch bloß ganz wenige das Land verlassen; bis 1986 waren es immer noch nur insgesamt 95 107 Deutsche, die die Ausreiseerlaubnis in die Bundesrepublik erhielten, sowie offiziell 16 411 Personen meist deutscher Herkunft, die in die DDR übersiedelten. Nachdem allein drei im Jahre 1988 vor dem Hintergrund von Gorbatschows Perestrojka nach Moskau entsandte „Autonomie“-Abordnungen nur leere Versprechungen aushandeln konnten und sich auch die Hoffnungen der im März 1989 gegründeten unionsweiten Gesellschaft „Wiedergeburt“ spätestens 1992 zerschlagen hatten, brachen alle Dämme. Von 460 Aussiedlern im Jahr 1985 schnellten die Zahlen auf 147950 (1990) und auf den Höchststand von 213214 im Jahr 1994 hoch. Dieser Exodus und eine immer restriktivere bundesdeutsche Aussiedlergesetzgebung sorgten dafür, daß sich im neuen Jahrtausend immer weniger Rußlanddeutsche zwischen Rhein und Oder niederließen. 2010 waren es lediglich 2297 Personen.

Heute leben noch schätzungsweise 70000 Deutsche in den GUS-Staaten. Sofern sie nicht schon jetzt weitgehend russisch assimiliert sind, dürfte dies – auch in sogenannten „nationalen Kreisen“ wie in Halbstadt im Altai-Gebiet – in nicht ferner Zukunft ihr Schicksal sein. Eine Zukunft für die Rußlanddeutschen und die Bewußtmachung ihres stolzen Kulturerbes gibt es deshalb, wenn überhaupt, nur im binnendeutschen Raum. Nicht allein die Regierenden in Berlin, sondern wir alle sollten eingedenk dieser Tragödie dazu beitragen, diesen ihrer Heimat beraubten Landsleuten ein neues, diesmal endgültiges Zuhause zu geben. Und das nicht nur materiell, sondern vor allem gefühlsmäßig. In diesem Zusammenhang sollten die positiven Einflüsse deutlicher hervorgehoben werden, die dieser Zuzug unleugbar gebracht hat. Am augenfälligsten ist dabei die Verjüngung der allmählich vergreisenden Stammbevölkerung. In zahlreichen Grundschul-, Hauptschul- und Realschulklassen sind zweistellige Prozentanteile von Rußlanddeutschen längst nichts Ungewöhnliches.

Daß die zwischen Rhein und Oder lebenden Rußlanddeutschen und – gewissermaßen in ihrem „Schlepptau“ – kleinere rein russisch geprägte Gruppen spätestens in wenigen Jahrzehnten integriert sein werden, steht – im Unterschied zu den Millionen Ausländern aus völlig fremden Kulturkreisen – außer Frage. Ebenso sicher scheint, daß es sich im großen und ganzen um keine Assimilation (also eine vollständige Angleichung) handeln kann und besondere Familiengeschichten, Eßgewohnheiten, Verhaltensweisen und nicht zuletzt gut ausgebaute Russischkenntnisse dem Gemeinwesen noch in Generationen zugute kommen.

Martin Schmidt (KK)

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