Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1328.

Dieser Stein bürgt nur noch gegen das Vergessen

Die Felsenburg Bürgstein im Elbsandsteingebirge präsentiert sich als Monolith, der historisch zu zergliedern ist

Die Festung Königstein im Elbsandsteingebirge südlich von Dresden/Pirna ist ein weithin bekannter und beliebter Ausflugsort in Sachsen. Ziemlich unbekannt blieb dagegen das böhmisch-sudetendeutsche Bürgstein zwischen Haida und Reichstadt, das nach der steil aufragenden Felsenburg auf einem alleinstehenden 30 Meter hohen und 100 Meter langen Sandsteinfelsen benannt ist.

Der tschechische Name „sloup“ (Säule) kennzeichnet diese Anlage sehr treffend. Der steile Fels bot sich für die Anlage einer Höhenburg an, um die in der Hussitenzeit und im Dreißigjährigen Krieg manche Kämpfe ausgefochten wurden. Zusätzlich war sie noch durch Teiche am Fuße des Felsens gesichert. In einem von ihnen kann sie sich heute – wenn auch in stark veränderter Form – ungestört spiegeln.

In den letzten drei Jahrhunderten war Bürgstein im Besitz der Grafen Kinsky (bis 1940), zuletzt Eigentum des deutschen Adligen Emanuel Preysing, bevor der Besitz durch die nationalistische Beneš-Regierung 1945 beschlagnahmt wurde. Im 18. Jahrhundert bewohnten Einsiedler den Felsen, danach wurde er zum gern besuchten romantischen Ausflugsziel. Er bietet nicht nur eine wunderbare Aussicht von seinem Gipfel. Das Innere enthält vielfältig gestaltete Räume, Kapellen, Vorrats- und Wohnräume, Terrassen, einen ehemaligen Kreuzweg, und ganz oben liegt sogar ein Weinberg. Von der mittelalterlichen Burgbefestigung ist allerdings wenig erhalten.

Wer sich dann auf der Straße in Richtung Reichstadt/Schwojka bewegt, kann auf der Höhe gegenüber dem Hotel Zmecek (Schlösschen) mit seiner fidelen Wirtin Renate noch eine hinter hohen Bäumen verborgene Felsenburg entdecken, die wohl einst ebenfalls der Grenzsicherung diente.

So friedlich und romantisch sich heute diese Landschaft des alten Sudetenlandes auch darbietet, sie ist ein Teil der Tragödie der Vertreibung und Enteignung der sudetendeutschen Bevölkerung durch die tschechoslowakische Beneš-Regierung 1945/46. Bürgstein hatte im Jahr 1930 fast 2000 Einwohner, davon 92 Prozent deutscher Abstammung. In der Gaststätte „Zum goldenen Lamm“ debütierte der später berühmte Schauspieler Emil Jannings in Friedrich Schillers „Räubern“, wobei er alternativ den Karl oder den bösen Franz gab. Für das Jahr 1980 wird eine Einwohnerzahl von 770 genannt.

Im nicht weit entfernten Städtchen Haida, 1757 aufgrund der Initiative des Grafen Josef J. M. Kinsky zur Stadt erhoben und durch seine Glasindustrie bekannt geworden, wohnten 1930 mehr als 3000 sudetendeutsche Bürger. Auch dort ereignete sich im Juni 1945 nach dem Einmarsch einer tschechoslowakischen Armeeeinheit eine furchtbare Mordtat. Man erschoss am Rathaus acht Frauen und Männer und später noch den Chefarzt des Krankenhauses. Darüber hat Jan Tichy im Jahre 2007 das ergreifende Buch „32 Stunden zwischen Hund und Wolf“ geschrieben und eine Gedenktafel in Haida initiiert.

Kreuzwege gab es in dieser Gegend noch bis in die jüngste Zeit, nunmehr stehen aber auch Versöhnungskreuze wie das in Haida und seit September 2012 das neue in Reichstadt (siehe KK 1325, S. 17), die an die Zeit der Vertreibungen erinnern.

Rüdiger Goldmann (KK)

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