Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1256.

Disparat, aber nicht desperat

Weizsäcker und Krzeminski zu den deutsch-polnischen Beziehungen

Mehr als ein Quartal ist vergangen, seit Polen im Schengenraum ist. Nach den neuesten Meldungen funktioniert alles gut – jedenfalls, wenn man den Verkehr auf beiden Seiten der Oder-Neiße-Grenze betrachtet. Ein guter Ausgangspunkt für Diskussionen über die deutsch-polnischen Beziehungen, bei denen immer noch „Schuld und Sühne“ einerseits, „Stolz und Vorurteil“ andererseits Grundbegriffe sind. Aus bestrafter Schuld kann immerhin eine sühnende Kraft entstehen. Stolz und Vorurteil sind menschliche Schwächen, die jedoch überwindbar sind. Eine große Hoffnung baut sich auf.

Man höre zu dieser Hoffnung die Worte des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und des polnischen Journalisten und Deutschland-Experten Adam Krzeminski.

„Noch nie waren die deutsch-polnischen Beziehungen so schlecht. Oder noch nie waren sie so gut“ – eine der beiden Parolen höre man immer wieder von verschiedenen Ecken, meint der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Die nachbarschaftlichen Beziehungen der beiden Länder werden von dieser Dichotomie gezeichnet. Das Urteil sollte sich jedoch nicht auf die gesamte Geschichte beziehen, sondern immer nur für bestimmte Perioden abgegeben werden. Es sei wichtig zu unterscheiden, ob man sich mit den letzten zwei Jahren, der Zeit seit dem Ende des Kalten Krieges, dem Ersten oder dem Zweiten Weltkrieg beschäftige. Und er fügt hinzu: „Wenn man in Geschichtsbüchern nachliest, entnimmt man ihnen, daß vor dem 18. Jahrhundert die Verbindungen von polnischen Bürgern in deutschsprachige Gebiete und umgekehrt, Einwanderern oder Gästen aus dem deutschsprachigen Bereich in polnischsprachige Gebiete, eher jahrhundertelang zu den friedlichsten in ganz Europa gehörten.“

Was das Problem der Nachbarschaft betrifft, so ist Adam Krzeminski, der Deutschland-Experte bei der polnischen Zeitschrift „Polityka“, ähnlicher Meinung. „Das Reich und die Rzeczpospolita waren Jahrhunderte lang kompatibel. Es gab viele institutionelle Ähnlichkeiten zwischen dem alten ersten Reich und der Rzeczpospolita, und sie gingen fast gleichzeitig unter: 1806 das Reich und 1795 – mit ihrer dritten Teilung – die Rzeczpospolita. Das Hauptproblem in den deutsch-polnischen Beziehungen ist im 20. Jahrhundert die Implantation des infolge der größten Katastrophe in der Geschichte Europas und des Ersten Weltkrieges neu entstandenen Polens in das deutsche Bewußtsein.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg seien die beiden Nationen aufeinander zugegangen und hätten nach 1998 eine wundersame Konstellation erreicht, meint er.

Das sei nur dadurch möglich geworden, daß man Geschichte gemeinsam betrachtete. Laut Krzeminski kennen sich die Polen recht gut mit der deutschen Vergangenheit aus. Was fehle, seien Kenntnisse über die polnischen Geschichte in Deutschland. Es seien nicht nur die Ereignisse des Krieges, die einen riesigen Stolperstein darstellten. Es gehe vor allem um die ganze Geschichte eines Jahrtausends. „Man kann aus deutscher Perspektive eine europäische Geschichte schreiben, in der Polen rudimentär erwähnt wird. Man weiß, daß im 18. Jahrhundert irgendetwas Nichtexistentes geteilt wurde, dann kamen irgendwelche Aufstände und dann Versailles und das 20. Jahrhundert. Das ist viel, viel zu wenig an Wissen. Solange es diese Disparität geben wird, werden wir Schwierigkeiten miteinander haben. Wir sind aneinander gekettet, wir bleiben für immer Nachbar“, so Krzeminski. Er konstatiert, es sei ein Gebot der Zeit, die Geschichte und Erfahrungen der vergangenen Generationen gemeinsam zu reflektieren. Eine schlechte Nachbarschaft muß nicht ewig dauern. Der ehemalige Bundespräsident bleibt für die Zukunft optimistisch: „Es hat Zeiten gegeben und es wird auch wieder Zeiten geben, in denen die intensive Beschäftigung miteinander und die lebhafte Nachbarschaft nebeneinander zwischen Polen und Deutschen historisch, menschlich und kulturell sehr wohl funktionieren können.“

Für Hintergrundanalysen läßt sich in diesem Themenzusammenhang ein Buch empfehlen. Es geht um „Schuld & Sühne & Stolz & Vorurteil“ von Adam Krzeminski und Gunter Hofmann, mit zahlreichen Fotos von Dirk Reinartz und Lukasz Trzcinski. Das Buch erschien bei Edition fotoTAPETA, Berlin–Warszawa 2007.

Arkadiusz Luba (KK)

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