Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1261.

Disziplinierte Heftigkeit als Programm

Dieses haben die Siebenbürger Sachsen Katharina Zipser mit ihrem diesjährigen Kulturpreis entgolten

Es gibt wenigstens zwei Gründe, warum es nicht einfach ist, über Katharina Zipser als Mensch und Künstlerin zu sprechen. Der erste ist, daß Katharina Zipser ein ungewöhnlicher Mensch ist, und der zweite, das Katharina Zipser eine an sich einzigartige, heutzutage kaum noch anzutreffende Künstlernatur verkörpert. Für den konzentrierten Betrachter ihres in Jahrzehnten hartnäckiger Kreativität entstandenen Werkes drängt sich die Gewißheit auf, daß jeder Versuch einer hypothetischen Aufspaltung in formale und inhaltliche, in ästhetische und zeitlich-biographische Interpretationen notwendigerweise zum Scheitern verurteilt ist.

Katharina Zipser lebt ihre Kunst, sie besticht durch die Aufgeschlossenheit, mit der sie sich an das Kunstwerk verstehend hingibt, auch wenn der Sinn des Werkes sich dem Betrachter nicht unmittelbar erschließt. Je mehr man sich ihrer Welt nähert, desto deutlicher das Gefühl, daß es unendlich vieles gibt, über was es sich aus unterschiedlichen Perspektiven zu sprechen lohnt, daß man sich aber gleichzeitig auf einen ziemlich wackligen Untergrund des scheinbar Plausiblen bewegt, so daß man immer wieder überrascht werden kann, wenn einem dieser Boden unter den Füßen weggezogen wird. Die Mehrdeutigkeit, die Unbestimmtheit, das Umschlagen von lebensnaher Realität in das Aufscheinen einer geheimnisvollen „Hinterwelt“, vom mutwilligen Wink ins Bedrohliche, vom Anmutigen ins Fratzenhafte, all die darin entstehende Spannung und Ungewißheit kann bei Katharina Zipser, unabhängig von Schaffensperioden, den eigentlichen Gehalt ausmachen. Ob sie ihre Botschaften in Allegorien kleidet oder real existierende Menschen – einschließlich sich selbst – mit umsichtiger Ironie in sonderbaren Inszenierungen präsentiert, das Material ihrer Werke stammt aus einer tiefen, wenn auch vorsichtig kaschierten poetischen Ader.

Warum wurde Katharina Zipser Malerin, wie wurde sie, was sie heute ist? In ihrem Elternhaus, wo sie am 28. Dezember 1931 zur Welt kommt, ist Kunst natürlich kein Fremdwort, ist doch der Vater, Dolf Hienz, selbst Maler. Doch Künstler werden ist im proletkultistischen Rumänien der 1950er Jahre keine erstrebenswerte Karriere. Sie wagt es trotzdem. Von 1951 bis 1957 studiert sie an den Kunstakademien in Klausenburg und Bukarest. Vorläufig ist der Weg das Ziel. Die disziplinierte Heftigkeit, mit der Katharina Zipser ihr Metier ausübt, entwickelt sich schon in diesen Jahren zum Programm.

Die Zeichen der Zeit stehen aber für die freie Entfaltung einer wahren Gedanken-Kunst weiterhin höchst ungünstig. Das staatlich verordnete Dogma des sogenannten „Sozialistischen Realismus“ sorgt dafür, daß die Neigungen aller Kunstschaffenden möglichst früh gleichgeschaltet werden. Daß viele dem Ruf der Ideologen mehr oder weniger hochgestimmt gefolgt sind, ist hinlänglich bekannt. Trotzdem gibt es sie, vor allem die passiven Widerständler, und KATH, wie sie später ihre Bilder signieren wird, gehört dazu. Der „großen Themen“ überdrüssig, mit denen sich die Erfolgskandidaten den Weg zu ebnen wissen, trainiert sie ernsthaft und ungeduldig ihr Können. Von der Figur kann und will sie sich nicht trennen. Sie malt Porträts von Menschen, die sie kennt und schätzt: Oskar Pastior, Erwin Wittstock, Paul Schuster, Bettina Schuller und andere, außerdem illustriert sie Bücher und Zeitschriften.

Gut, aber nicht gut genug für eine junge Malerin, die, wie ihr Werk zeigt, den Mut hat sich zu bekennen, nicht nur zur Tradition der geistigen Väter, sondern zu den innersten Hoffnungen und Ängsten. Sie weiß, die Möglichkeit der großen Schritte gibt es in der gegebenen Realität nicht, deswegen sucht sie – wie später so oft – einen anderen, ungewöhnlichen, am politisch-ideologischen Establishment vorbeiführenden Weg. Sie absolviert, als erste Deutsche und darüber hinaus Protestantin, einen Kurs für Kirchen- und Ikonenmalerei und wird sich in den kommenden Jahren in rumänischen Dorfkirchen der Baragan-Ebene mit der vollkommen neuen Welt der orthodoxen, byzantinischen Vorbildern nachempfundenen Heiligendarstellung auseinandersetzen.

Es sind Jahre schwerer Arbeit, doch im Kontakt mit dieser weltentrückten Kunst keimen Ansätze späterer Determinanten ihrer Bilder. Möglicherweise entwickelt sich hier nicht nur ein charakteristischer Umgang mit der allgemeinen Bildraum-Konstruktion, wie der Hang zum Monumentalen – im Klein- wie im Großformat – oder die ausgeprägte Abneigung gegen das konventionelle Instrumentarium der Perspektive, sondern auch die weitaus wichtigere, ja respektvolle Einstellung Katharina Zipsers gegenüber der Malerei. Einzigartig ist nicht nur die Art und Weise, wie sie mit schweren Farbmassen die Materie ihrer Bilder in vehementen Arbeitsgängen formt, sondern auch die verblüffende Hartnäckigkeit, mit der sie kompromißlos gleich einem byzantinischen Kirchenmaler-Gesellen ihre Farben aus natürlichen Pigmenten selbst anreibt.

Katharina Zipser ist 39, als sie 1970 nach Deutschland auswandert, gemeinsam mit ihrer 13jährigen Tochter Pomona, mittlerweile selbst Bildhauerin und Zeichnerin. Sie fühlt sich befreit. In den folgenden Jahren ist sie aktiv wie nie zuvor, beteiligt sich an Ausstellungen, schafft großflächige Monumentalmalereien in München, an der Badenia Bausparkasse in Karlsruhe und an der Fassade des „Lügenmuseums“ im brandenburgischen Gantikow bei Kyritz. In den Jahren nach 1970 bewegt sich ihre Kunst auf eine Phase zu, für die man oft reichlich gedankenlos den Begriff „surrealistisch“ in den Mund nimmt. Tatsächlich gehören die Werke, die die Künstlerin selbst einmal als „gefriergetrocknete Präparate“ bezeichnete, eher ins Fach der meist ironischen Malerei der Phantastik. Die ästhetische Konzeption dieser Bilder beruht auf dem starken Kontrast zwischen den klaren Konturen der meist penibel genau dargestellten menschlichen Figuren und einem Raum ohne Tiefe, ohne Dimensionen, außerhalb der Zeit.

Mitte der 1980er Jahre beginnt Katharina Zipser, sich von dem Bedeutungsballast des sachlich Definierbaren zu distanzieren. Sie wird in ihren Bildern geschlossener, zugleich aber auch anspielungsreicher. In den meisten Bildern dieser Zeit läßt sich der Widerschein eines romantischen Empfindens als eine Art bindendes Glied vernehmen. In der Bilderwelt Katharina Zipsers finden sich die gewählten Formulierungen zu einer eigenartigen „ars combinatoria“ zusammen.

Ganz selbstverständlich nähert sich die Malerin in den letzten Jahren wie nie zuvor der Abstraktion. Die Serie der „Flügelflagel“ und der „Sterne“ bringt eine zweite Welt hervor, sie füllt das Bild mit Geschöpfen ihrer Vorstellungskraft, mit Formen, die einen Gegenstandscharakter bewahren und dennoch „gegenstandslos“ sind. Das Daseinsgefühl, das diese späten Werke trägt und das sie hervorrufen, ist beherrscht von der Faszination eines Raums, der abseits jeglicher perspektivische Logik nur durch die Farbe (auch als Materie, nicht nur als Erscheinung einer bestimmten Wellenlänge des Lichts) anschaulich wird und an Tiefe gewinnt und in dem, von der Welt der Tatsachen und zweckgebundenen Dinge gelöst, sich überirdische Geschöpfe auf natürliche Weise einleben.

Marius J. Tataru (KK)

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