Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1317.

Dreimal im Monat ein Erfolgserlebnis

Wie ich zum Ostdeutschen Kulturrat kam

Er hat die „Kulturpolitische Korrespondenz“ geprägt – und hört nicht auf, sie zu prägen, das wissen unsere Leser. Auf sein Lebensalter können sie aus seiner rastlosen Tätigkeit am allerwenigsten schließen, es ist auch von keinerlei  Bedeutung, wenn Jörg Bernhard Bilke hier auf die ihm eigene Art seinen 75. Geburtstag feiert.

Daß es irgendwo in Bonn eine Stiftung Ostdeutscher Kulturrat gab, wo dreimal im Monat ein Pressedienst erschien, die „Kulturpolitische Korrespondenz“, das erfuhr ich im Sommer 1977, als ich bei der Tageszeitung „Die Welt“ als Kulturredakteur arbeitete. Wir suchten täglich Nachrichten für das einspaltige „Journal“ am rechten Rand der Kulturseite, für das ich verantwortlich war, und eines Tages legte mir ein Redaktionskollege die „Kulturpolitische Korrespondenz“, „KK“, wie Eingeweihte sie nannten, auf den Schreibtisch und meinte, da fände ich immer etwas.

Im November 1977 fuhr ich dienstlich nach Lüneburg, um an einer Festveranstaltung zum 25. Geburtstag der Ost-Akademie teilzunehmen, wo ich im Jahr zuvor gearbeitet hatte. Irgendwann während der Feier trat ein kleiner, agiler weißhaariger Herr auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht beim Ostdeutschen Kulturrat in Bonn arbeiten wolle, dort werde für ein Vierteljahr ein Redakteur gesucht, der die Manuskripte bearbeiten für den Sammelband „Aus Trümmern wurden Fundamente“ solle.

Peter Nasarski (1914–2001), so hieß der freundliche Herr, stammte aus der westpolnischen Stadt Lodz , sprach fließend Polnisch und redigierte in der Bonner Kaiserstraße 113 die „Kulturpolitische Korrespondenz“. Einen Geschäftsführer gab es damals nicht, so daß Peter Nasarski die Stiftung auch nach außen vertrat. In der ersten Arbeitswoche im April 1978 schickte er mich dann auch zu Professor Hans-Joachim von Merkatz, einem 1905 im pommerschen Stargard geborenen CDU-Politiker, dem ehemaligen Bundesvertriebenenminister, der seit 1961 OKR-Präsident war und im beschaulichen Bad Godesberg wohnte. Er war ein für die OKR-Mitarbeiter recht angenehmer Präsident, weil er nur zweimal im Jahr erschien, uns alle reihum begrüßte und wieder verschwand. Dr. Herbert Hupka hingegen, der von 1982 bis 1999 als OKR-Präsident amtierte, hielt es für seine Pflicht, seine Mitarbeiter jeden Tag zu besuchen. Er wohnte auch gleich um die Ecke, in der Lessingstraße jenseits des Bahnübergangs an der Kaiserstraße,
und war in spätestens zehn Minuten „vor Ort“.

Damals, im Sommer 1978, wäre ich gerne beim Ostdeutschen Kulturrat geblieben,
mußte allerdings noch mehrere Umwege, erst einmal über Inter Nationes, dann über die Ost-Akademie in Lüneburg und die Bundeszentrale für politische Bildung abschreiten. Aber ich schrieb immer noch Artikel für die „Kulturpolitische Korrespondenz“, deren Chefredakteur inzwischen der Ostpreuße Dr. Gerhard von Glinski (1936–2005) geworden war. Er war von der Wochenzeitung „Rheinischer  Merkur“ gekommen, die aber 1980 mit der in Stuttgart ansässigen Wochenzeitung „Christ und Welt“ fusioniert hatte, worauf die Hälfte der Redakteure entlassen worden war. Gerhard von Glinski, der seine Dissertation über seine Heimatstadt Königsberg geschrieben hatte, war Experte für deutsche Außenpolitik und wartete nur darauf, zum „Rheinischen Merkur“ zurückgerufen zu werden, was dann 1982 auch geschah.

So wurde im Sommer die Stelle des Chefredakteurs der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ ausgeschrieben. Im Herbst wurden fünf Bewerber in den Ostdeutschen Kulturrat in die Kaiserstraße 113 zum Vorstellungsgespräch mit dem Vorstand eingeladen, darunter auch ich. Ich war der jüngste Bewerber in diesem Kreis und hatte den unschätzbaren Vorteil, vor über vier Jahren schon einmal ein Vierteljahr beim Ostdeutschen Kulturrat gearbeitet zu haben, ich kannte den Geschäftsführer, ich kannte die Mannschaft und die Anforderungen, außerdem wohnte ich bereits in Bonn.

Im November 1982 wurde auf der OKR-Jahrestagung in Lübeck der CDU-Bundestagsabgeordnete Herbert  Hupka zum neuen OKR-Präsidenten gewählt. Peter Nasarski redete Herbert Hupka, den ich schon 1980 auf einer Tagung in der Eifel kennengelernt hatte, zu, mich als Chefredakteur einzustellen, ich sei jung und sprühe vor Ideen, wie man das Thema „Ostdeutschland“ in der Öffentlichkeit präsentieren könne. Ich war damals 45 Jahre  alt und der ständigen Umzüge in Deutschland müde, ich suchte eine feste Stelle.

Im Dezember schließlich kam ein Anruf von Peter Nasarski, der wissen wollte, was ich denn so vom Ostdeutschen Kulturrat hörte. Nichts, war meine Antwort. Da machte er eine Pause und sagte dann, ich sei zum Chefredakteur berufen worden, er habe es von Werner Bader erfahren, der im Vorstand sitze. Nach dieser frohen Botschaft vergingen wiederum einige Tage, bis OKR-Geschäftsführer Hans-Günther Parplies bei mir anrief und mich in die Kaiserstraße bestellte. Dort erschien auch Herbert Hupka und erklärte mir, der Vorstand habe sich für mich entschieden, am Montag, dem 3. Januar 1983, sei mein erster Arbeitstag.

Vor mir lag das weite Land des Deutschen Ostens, für mich ein unerforschtes Gelände, mit den unendlich reichen Geschichts- und Kulturlandschaften Schlesien, Ostpreußen, Pommern, Ost-Brandenburg, dem Sudetenland, den deutschen Siedlungsgebiete im Baltikum, in Ungarn und Rumänien, in Polen und Rußland. Die Arbeit begeisterte mich zunehmend. Alle zehn Tage erschien die „Kulturpolitische Korrespondenz“, die in Köln gedruckt wurde, so dass die Redaktion, in der neben mir noch Franz Heinz, der aus dem rumänischen Banat stammte, und Edda Malzahn arbeiteten, dreimal im  Monat ein Erfolgserlebnis hatte. Es war eine herrliche Zeit, von der ich noch heute zehre! Ich blieb mehr als 17 Jahre dort, bis ich Rentner wurde und wegzog aus Bonn.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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