Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1257.

Dreisprachig, einmütig – hoffentlich

Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung in Habelschwerdt

Die im südlichen Teil des Glatzer Landes gelegene Stadt Habelschwerdt (Bystrzyca Klodzka) war der Veranstaltungsort der diesjährigen Frühjahrstagung der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv). Die gdpv ist eine Jugendorganisation, zu deren Zielen es gehört, die junge Generation für die Geschichte und Kultur Schlesiens zu begeistern und sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinanderzusetzen. Sie veranstaltet mehrmals im Jahr Tagungen an verschiedenen Orten Nieder-, Ober- und Mährisch Schlesiens und geht auch landeskundlichen Gegebenheiten und Traditionen der jeweiligen Teilregion nach. Über 50 Personen aus Deutschland und Polen, darunter zahlreiche junge Menschen, folgten der Einladung nach Habelschwerdt.

Diesmal hieß das Thema „Zwischen Böhmen, Polen und Deutschland. Das Glatzer Land im kulturellen Grenzgebiet“. Die Einführung hielt Dr. Michael Parak (Görlitz) zur geographischen Lage und historisch-kulturellen Prägung des Glatzer Landes. Anschließend stellte Julian Golak die in Glatz seit der politischen Wende von 1989/90 herausgegebene dreisprachige Zeitschrift „Glatzer Bergland“ vor. Als Ergänzung dazu referierte der im niederschlesischen Landtag tätige Professor Leslaw Kocwin über die polnische und tschechische Lokalbevölkerung in der „Euroregio Glaciensis“, zu deren Mitbegründern er zählt.

Das Glatzer Land erfuhr seine größten Umbrüche im 20. Jahrhundert. Nach der Flucht und Vertreibung der Deutschen und der Ansiedlung von Polen, die zum größten Teil aus der Lemberger Umgebung kamen, wurde die lokale Bevölkerung nahezu komplett ausgetauscht. Damit verbunden ist der Verlust des Kulturguts, da die neuen Bewohner die deutschen Bräuche, Traditionen und die Mundart des Glatzer Landes nicht übernommen haben. Insbesondere die aus Ostpolen gekommenen Neusiedler rechneten jahrzehntelang stets mit der neuerlichen Vertreibung, so daß eine Integration in und eine Identifikation mit der Region unmöglich waren.

Gleiches Schicksal erlitten die Nordböhmen jenseits der Grenze. So wurde das Grenzgebiet auf beiden Seiten von Neubürgern bewohnt, die mit der Region und mit der Nachbarbevölkerung nicht verbunden waren. Da die sozialistische „Friedensgrenze“ äußerst streng bewacht war und das Glatzer Land militarisiert wurde, entfremdeten sich die Polen und die Tschechen voneinander. Auch heute gestaltet sich die Annäherung der beiden Völker schwierig. Erstaunlicherweise sind deutsch-polnische Begegnungen viel fruchtbarer und zahlreicher als beispielsweise polnisch-tschechische Kontakte. Julian Golak erklärt diesen Umstand mit mangelnder Kommunikation. So hätten Bildung und Kultur im Glatzer Land heute einen großen Stellenwert, während Nordböhmen überwiegend von Arbeiterschaft geprägt sei. Deshalb sei es schwierig, eine gemeinsame Sprache zu finden. Dennoch steigt etwa die Anzahl von polnisch-tschechischen Schulaustauschprogrammen. Projekte wie die dreisprachige Zeitschrift „Glatzer Bergland“ sind ein Beweis dafür, daß das Interesse am tschechischen und am deutschen Nachbarn wächst, auch wenn es langsam vorangeht.

Einen ausführlichen Überblick über die Geschichte des Glatzer Landes gab die in Breslau lehrende und für Publikationen über die Region bekannte Dr. Malgorzata Ruchniewicz. So wurde den Teilnehmern verdeutlicht, daß das Glatzer Land durch religiöse Auseinandersetzungen erheblich beeinflußt worden ist. Hussitenkriege, Reformation und Gegenreformation haben die Region und die Bevölkerung stark geprägt. Vergleichsweise kurz ist dagegen die polnische Geschichte des Glatzer Landes, die erst 1945 einsetzt.

Ein nicht zu wegzudenkender Aspekt der jüngeren Geschichte des Glatzer Landes ist der (Kur-)Tourismus, der sich seit dem 19. Jahrhundert zu einem Massenphänomen entwickelt hat. Hierüber referierte Dr. Thomas Przerwa von der Breslauer Universität, ein Experte auf diesem Gebiet, der sich auf die Touristikgeschichte des Glatzer Landes spezialisiert hat. Mit zahlreichen Bildern und Photographien konnte er die Entwicklung dieses für die Region so wichtigen Sektors untermauern. Dr. Gregor Ploch (Ratingen) präsentierte den Tagungsteilnehmern Legenden und Mythen aus dem Glatzer Land.

Die Tagung wurde von einer ganztägigen Exkursion durch das Glatzer Land und die böhmische Nachbarregion umrahmt. Durch die exzellente Gestaltung seitens der Mitarbeiter des Oberschlesischen Landesmuseums zu Ratingen (Hösel), Dr. Stephan Kaiser und Milena Iskrzycka, konnten sich die Tagungsteilnehmer ein Bild von der Vielseitigkeit und Schönheit der Region machen. Exkursionsziele waren die Schloßanlage in Grafenort, die Kirche in Rengersdorf, die Stadt Glatz, der Wallfahrtsort Albendorf sowie das Benediktinerkloster im böhmischen Braunau. Auf dem Rückweg wurde auch der Kurort Altheide angefahren.

Bei einer Diskussionsrunde mit Vertretern von Habelschwerdt zeigte sich, daß viele unter ihnen sich immer stärker für die Geschichte ihrer „kleinen Heimat“ interessieren. Der Umgang mit deutschen Spuren gehört heute zur Selbstverständlichkeit. Doch müssen die Glatzer strukturelle Probleme bewältigen, wozu etwa die Erwerbsmigration gehört. Viele junge Menschen wandern auf der Suche nach Arbeit ins Landesinnere oder ins Ausland aus, so daß alle Gemeinden Bevölkerungsrückgang beklagen. Andererseits versucht man, den Bildungs- und Tourismusbereich stärker zu positionieren, um Gäste zu locken und Arbeitsplätze zu schaffen.

Gregor Ploch (KK)

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