Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1288.

Edles aus Unedelmetall

Seit 200 Jahren leiht Gablonz seinen Namen dieser Veredlung, und das zu feiern ist Rheinbach der richtige Ort

Im Lexikon ist nachzulesen, daß Gablonzer Schmuck aus „Unedelmetall“ besteht und in einer Blei-Zinn-Legierung in Verbindung mit anderen Bestandteilen im Spritz(Schleuder)-Gußverfahren hergestellt wird. Als „Steinbesatz“ werden einfache Preß- oder Gußgläser sowie hand- oder maschinengeschliffene spezielle Bleigläser verwendet. Und wenn es um kunstvoll verarbeitetes Böhmenglas geht, bietet das Rheinbacher Glasmuseum sicherlich eine optimale Plattform für die Präsentation der Ausstellung „Glanz und Glitter – 200 Jahre Gablonzer Modeschmuck“. Wie die Museumsleiterin Dr. Ruth Fabritius mitteilte, haben sich sowohl die Schau als auch die begleitenden Workshops für viele Besucher als besonders attraktiv erwiesen, so daß die Sonderausstellung und die entsprechenden Zusatzprogramme bis Ende Februar verlängert wurden.

Die nordböhmische Stadt Gablonz an der Neiße/Jablonec nad Nisou war vor dem Zweiten Weltkrieg durch ihre Schmuck- und Glasindustrie international bekannt. Die Glaswarenerzeugung im Böhmen des 16. Jahrhunderts bildete den Ausgangspunkt für die Verbindung von schöpferischem Willen und handwerklichem Können. Die „Gablonzer Bijouterie“ war der Hauptmotor des wirtschaftlichen Aufschwungs, den die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte. Seit fast 200 Jahren faszinieren die glitzernden, farbenfrohen Produkte der Gablonzer Modeschmuckindustrie die Menschen in aller Welt.

Dank einer Spezialtechnik zur Herstellung von Perlen, Steinen und Knöpfen aus Glas erlebte die Schmuckindustrie ihre erfolgreiche Entwicklung. Bei der Fertigung des Modeschmucks werden Glas, Unedelmetalle und inzwischen auch immer häufiger Kunststoffe frei miteinander kombiniert, was ein breites Spektrum an Farben, Formen und Dekors zuläßt. Ketten werden mittels Maschinen erzeugt, ihre Oberfläche wird galvanisch gold- oder silberähnlich veredelt. Glasperlen, Straß, Cabouchons, Colliers, Broschen und Ohrgehänge zeugen von der schöpferischen Kraft der Gablonzer Kunsthandwerker.

Die führende Rolle der sudetendeutschen Kunsthandwerker in der Modeschmuckbranche ist heute jedoch etwas in Vergessenheit geraten. Es ist nur wenig bekannt, daß bis zum Zweiten Weltkrieg der bekannteste Name für Kleinglaswaren und Modeschmuck „Gablonz“ lautete, weil in der nordböhmischen Region eine beachtliche Vielfalt von Modeschmuck hergestellt wurde.

Nach der Vertreibung in den Jahren 1945/46 gründeten die Gablonzer an verschiedenen Orten in Österreich und Deutschland neue Zentren. In Tirol ließen sich hauptsächlich die Granatschleifer nieder, die dort zunächst kleine Werkstätten gründeten. Zu den Etablierten gehört u. a. auch Swarovski, dessen Betrieb sauber geschliffene Kristallimitationen verschiedener Qualitäten auf den Markt bringt.

In Deutschland ist die neue Heimat vieler Sudetendeutscher der Raum Kaufbeuren, das Fichtelgebirge sowie die Region um Schwäbisch Gmünd. Das „Wirtschaftswunder“ erfaßte auch die Industrie mit Gablonzer Wurzel, so daß im Jahre 1954 ihr Export bereits fünfzig Prozent des Vorkriegsvolumens erreichte. Drei Viertel davon kamen aus dem Raum Neugablonz-Kaufbeuren. Von der dortigen Produktion gehen heute über vierzig Prozent ins Ausland.

Zur Zeit bilden rund 150 kleine und mittelständische Betriebe die „Gablonzer“ Industrie. Produziert werden allerdings nicht nur Schmuck und modische Accessoires, sondern auch Präzisionsteile für Computer,  Telekommunikations- und Automobilindustrie sowie für die Unterhaltungs-Elektronik.

Das Rheinbacher Glasmuseum zeigt Exponate aus der umfangreichen Modeschmucksammlung, die Sibylle Jargstorf zusammengetragen hat. Im Mittelpunkt stehen die unterschiedlichen Facetten der Schmuckproduktion und die nahezu unerschöpfliche Kreativität der sudetendeutschen Kunsthandwerker.

Zum Rahmenprogramm gehören u.a. die Präsentationen Rheinbacher Glashandwerker, die im Museumsshop ihre Schmuckkreationen anbieten. Außerdem sind während der Sonderausstellung Schmuckgestalterinnen und -gestalter zu Gast, die ihre Arbeiten in einer gesonderten Vitrine vorstellen. Neben dem Workshop für Kinder „Von der Scherbe zur Brosche“ mit Andrea Stolte-Linden sind Zusatztermine für den Familienworkshops anberaumt.

Dieter Göllner (KK)

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