Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1311.

Eher im Licht denn im Schatten Berlins: Potsdam

Eher im Licht denn im Schatten Berlins: Potsdam

Die preußische, nunmehr brandenburgische Hauptstadt entwickelt sich gegen den postsozialistischen Mahlstrom in Deutschlands Osten

Im Gegensatz zu den meisten Regionen Mittel- und Ostdeutschlands verliert die Hauptstadt des Landes Brandenburg keine Einwohner, und die Zahl der Arbeitslosen ist verhältnismäßig klein. Rund 155000 Potsdamer gab es zum Jahreswechsel 2010/11, und der Zuzug besteht hauptsächlich aus 16- bis 26jährigen und jungen Familien aus dem Westen. Folgerichtig sieht das Stadtentwicklungskonzept für demnächst 167 000 Einwohner in den nächsten Jahren den Bau von 4500 neuen Wohnungen vor. Für Familien gibt es ein bundesweit einmaliges Wohnungsbau-Förderprogramm. Platz dafür ist selbst in der Innenstadt, denn noch längst sind nicht alle Lücken geschlossen, die ein verheerender britischer Luftangriff am 14. April 1945 kurz vor Kriegsende riß, worauf sowjetisches Artilleriefeuer den Rest besorgte.

„Boomtown“ nennt der Baubeigeordnete Matthias Klipp (Bündnisgrüne) seine Stadt, und Geschäftsführer Pirl im schicken Hotel Seminaris am Templiner See begrüßt seine Gäste im „reichen Potsdam“. Pirl hat gut lachen, denn auch der Seminar- und Kongreßtourismus nimmt zu, ab nimmt dagegen die Zahl der Besucher der preußischen Schlösser. Generaldirektor Hartmut Dorgerloh von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten spricht von einem Rückgang von bis zu zwölf Prozent und macht dafür neben Vulkanasche und Finanzkrise auch die demographische Entwicklung verantwortlich. Erfolgreich waren dagegen drei Ausstellungen zu „Miß Preußen“, der Königin Luise, außerhalb Potsdams.

Dorgerloh setzt auf die Veranstaltungen zum 300. Geburtstag Friedrichs II. im Jahre 2012 mit der Jubiläumsausstellung im Neuen Palais, wo bereits kräftig renoviert wird. Künftig sollen auch über das Internet Einlaßkarten für die Schlösser, vor allem Sanssouci, erworben werden können. Nach Meinung der „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ war 2010 das Jahr der Welterbe- und Konjunkturpaket-Millionen, die in die Renovierung sowohl historischer Bauten als auch Sportstätten gesteckt wurden. Für 120 Millionen wird das Schloß wiederaufgebaut und soll den Landtag aufnehmen. Der TV-Moderator und Mitbürger Günther Jauch hat das bereits fertige Schloßtor gesponsert. Plattenbauten sollen weichen, viel vom barocken Potsdam wiedererstehen.

Das russische Viertel mit dem Museum Alexandrowska erinnert an Zeiten, wo die Russen als Verbündete, Zugereiste oder vornehme Gäste willkommen waren, die „verbotene Stadt“ der Sowjetzeit (1945 bis 1994) aber mit dem schmalfenstrigen Haus des KGB läßt den Betrachter noch heute frösteln. Im russischen Viertel sind alle 13 Häuser erhalten, nur in einem wohnt noch die russische Familie Grigoriow, dazu gibt es das russische Teehaus mit russischen Gerichten.

Die jüdische Gemeinde ist zerstritten über die Baupläne der künftigen Hauptsynagoge. Im Streit über Fassade und Raumaufteilung kam es zur Gründung einer dritten Potsdamer Gemeinde.

Dreimal im Jahr kommen Niederländer traditionsgemäß ins Holländische Viertel, in dem keine Holländer mehr wohnen, sondern Investoren aus dem Westen dafür gesorgt haben, dass man dort wieder gerne bummelt, Boutiquen, Galerien in manchmal malerischen Hinterhöfen besucht und sich in den zum Teil urigen Restaurants und Cafés wohl fühlt. Zum Tulpenfest kommen die Niederländer mit 80 Ständen.
Wer sich davon überzeugen will, daß Walter Ulbricht den Mauerbau von 1961 lange vorbereitet hat, besuche den heute total vergammelten Bahnhof Pirschheide, an dem noch „Hauptbahnhof Potsd…“ steht. Schon 1956 baute ihn die SED-Staatsführung aus , damit man von dort aus Westberlin umfahren konnte. Der damalige Güterbahnhof wurde nach der Wende zum Hauptbahnhof von Potsdam, den die Bundesbahn hauptstadtgerecht hergerichtet hat.

Preußische Geschichte begegnet einem auf Schritt und Tritt, und das nicht nur an den Gebäuden. Am Neuen Markt wirkt das Deutsche Kulturforum östliches Europa. Im königlichen Kutschstall bietet das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Vorträge, so z.B. „Von Preußen lernen? – Friedrich  und die Preußische Armee nach dem Siebenjährigen Krieg“, „Friedrich II. und Frankreich: gemeinsame Berührungspunkte“, „Fürst Eulenburg – ein preußischer Edelmann“, „Friedrich II. als Gartengestalter“. Vieles ermöglicht die Studiengemeinschaft Sanssouci. Neue Forschungen und Vorträge zu Preußen bieten auch das Militärgeschichtliche Forschungsamt Potsdam und selbstverständlich auch die Universität und das Theodor Fontane Archiv.

Zu Preußen gehörte die evangelische Kirche, heute jedoch ist das Christentum zwar nicht aus dem Stadtbild, wohl aber weitgehend aus den Köpfen verschwunden. Die Kulturzeitschrift „Potsdam Life“ (Herbst 2010) widmet sich „Göttlichen Bauten, Kirchen und Gotteshäusern in Potsdam und Umgebung“. Einleitend muß die Chefredakteurin zunächst erklären, was Kirchen überhaupt sind: „Kirchenbauten sind Gebäude, die in der Regel durch eine Religionsgemeinschaft zum Gebet, zur Andacht und für Gottesdienste genutzt werden. Sie dienen der Versammlung der Glaubensgemeinschaft.“ Dabei gibt es genug Gotteshäuser in der Stadt. Einschließlich der Synagogen sind es 30. Glanzstück der Protestanten ist die Nikolaikirche, das der Katholiken die Propsteikirche Peter und Paul am Abschluß der Brandenburger Straße. Die Stiftung Garnisonkirche Potsdam betreibt deren Wiederaufbau, die 1991 von der Iserlohner Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel gestiftete Neuschöpfung hängt provisorisch in der Stadtmitte.

Die schmucke vermeintliche Moschee mit Minarett und Mondsichel im Stadtzentrum ist eine Attrappe. Sie birgt seit ihrer Erbauung den Maschinenraum für die Stadtfontänen. Manchmal, so erzählt ein Taxifahrer schmunzelnd, sieht man am Freitag Muslime mit den Schuhen in der Hand, die dort beten wollen. Hinweise auf tatsächliche Moscheen aber sieht man nicht. Das wäre ein Service für muslimische Stadtbesucher.

Norbert Matern (KK)

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