Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1367.

Ehre sei Gott in der Höhe – aus der Höhe

Restaurierung einer kostbaren historischen Decke in Brietzig (Brzesko), Woiwodschaft Westpommern, durch Deutsch-Polnische Stiftung

In Hinterpommern (Woiwodschaft Westpommern) hat sich in dem Dorf Brietzig (Brzesko) eine kostbare historische Decke erhalten, die heute einzigartig ist. Es handelt sich um ein hölzernes Schein-Kreuzrippengewölbe, das die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt schmückt. Seite11_KK1367

Man weiß, dass dieses in der nachträglich verputzten mittelalterlichen Feldsteinkirche von um 1300 anzutreffende prachtvoll gestaltete Werk 1697 von dem Holzschnitzer Michal Pahl erschaffen wurde. Unbekannt ist hingegen der Künstler, der die Decke so reich ausgemalt hat. Auf hellblauem Grund mit Arabeskenzier sind individualisierte Engel dargestellt, zumeist im Flug und mit verwehter Kleidung. Sie musizieren, von Wolken umwirbelt, mit Posaune, Barocktrompete, Laute, dem Zink mit geradem Rohr (eine historische Grifflochtrompete, die im 17. Jahrhundert ihre Blütezeit hatte und heute in Vergessenheit geraten ist), Kesselpauke, Triangel, Viola da Gamba und Harfe. Andere Engelgestalten sind mit den Leidenswerkzeugen Christi und Spruchbändern mit Zitaten aus der Bibel ausgestattet, wie „Gloria in excelsis Deo – Ehre sei Gott in der Höhe“. Hinzu kommen Attribute, die dort und da nicht zusammenzupassen scheinen und mit Engeln in Verbindung gebracht werden wollen, wie etwa Fackel und Seil, Krummsäbel und Ohr des Malchus, Eisenhandschuh und Kelch.

Das barocke Schein-Kreuzgewölbe hatte einst eine Entsprechung in der Kirche im ostpreußischen Bladiau, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Es ist zweischiffig gegliedert und erstreckt sich über fünf Joche, die in der Mitte nicht säulengestützt sind, so dass die Decke in ihrer Raumwirkung voll zur Entfaltung kommt. Die Gewölbe sind z. T. doppelt verschalt, und es gibt einen Fehlboden. Die bemalten Bretter und barocken Schnitzornamente (Akanthusblattwerk mit Perlstab und langen spiralförmigen Stengeln) sind mit Schmiedenägeln (überwiegend bauzeitlich) fixiert. Die Brettverbindungen werden durch Scheinrippen aus profilierten Kieferleisten kaschiert. Mittig in der Schifflängsachse angeordnet sind stalaktitenartige Zapfen aus Lindenholz, die an die Granatapfelfrucht erinnern. Konstruktive Elemente der Gewölbedecke sind in Eiche, die Gewölbekappen aus Lärchenholz gefügt.

In den zurückliegenden Jahren hatte der Verschleiß des 1974 auf die Kirche Seite12_KK1367aufgebrachten Zinkdachs zu starken Feuchteschäden an dem aufwendig ausgestalten Schein-Kreuzrippengewölbe geführt. Die Nässe hatte die Ausbreitung von Pilzen, Schimmel und Insekten begünstigt. Die befallenen Deckenbretter waren leck, aufgerissen und stark verschmutzt. Die wertvolle Deckenmalerei litt unter zahlreichen braunen Nässeflecken und starker Verschmutzung durch Kerzenruß und Spinnweben. Die Farben waren an harten Jahresringen durchgerieben, Temperaflächen pulverisierten und Hängezapfen waren infolge der Temperatur- und Feuchtigkeitsbelastung gerissen.

Das kostbare Schein-Kreuzrippengewölbe bot bis zur Sanierung des Kirchendachs und dem Beginn seiner Restaurierung 2011 ein Bild des Elends. Die Wende wurde durch das polnische Ministerium für den Erhalt des Nationalen Erbes aufgrund des hohen Denkmalwerts der Decke eingeleitet. Das Ministerium in Warschau trat fortan als federführender Fördergeber der nun in Jahresetappen realisierten Erhaltungsarbeiten auf.

Nachdem das Denkmalamt der Woiwodschaft Westpommern in Stettin wegen Mangels an Eigenmitteln der Kirchengemeinde um Hilfe bat, stieg die in Görlitz ansässige Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz (DPS) 2013 bei der 1945 katholizierten Kirche in Brietzig, die seit 1992 im Rang eines Marien-Heiligtums steht, als Maßnahmenträger mit Zuwendungen der Bundesrepublik Deutschland in die Finanzierung der Deckenrestaurierung mit ein.

Die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten wurden von dem denkmalerfahrenen Stettiner Restaurator Tadeusz Makulec ausgeführt, und die DPS konnte bis einschließlich 2015 die Etappen III bis V mit anteilig rund 120 000 EUR aus dem Haushalt der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) begleiten. Die geförderten Arbeiten umfassten die schreinerische Ertüchtigung der Gewölbeholzkonstruktion, Desinfektions- und Holzimprägnierungsmaßnahmen gegen Insekten und Schimmel sowie die Konservierung und Restaurierung der Ausmalung.

Ziel der polnischen Denkmalpflege bei dieser Restaurierung war es, das Erscheinungsbild der Decke vollständig wiederherzustellen. Retuschen wurden nach internationalem Standard mit Verlustpunktierungen geschlossen, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind.

Die bearbeiteten Teile des Gewölbes erfreuen das Auge des Betrachters durch die zurückgewonnene intensive Farbgebung. Der von den Barockkünstlern, Zimmerleuten, Tischlern, Holzschnitzern und Malern, die das Deckengesamtkunstwerk erschaffen haben, beabsichtigte Effekt ist nun wieder erlebbar. Zu diesem Denkmalpflegeverständnis der für die Marien-Wallfahrtskirche Brietzig zuständigen Denkmalschützer gehört auch, dass die Ausmalung des westlichsten Gewölbejochs, das im Zweiten Weltkrieg durch eine Fliegerbombe zerstört und laienhaft wiederhergestellt wurde, analog der barocken Fassung rekonstruiert wird. Diese letzte, die sechste Etappe der Deckenrestaurierung wird 2016 ausschließlich mit polnischen Mitteln ausgeführt.

Das nahe der Kleinstadt Pyritz (Pyrzyce) im sogenannten Pyritzer Weizacker gelegene Sanktuarium der Jungfrau Maria hält neben seiner einzigartigen Schein-Kreuzrippengewölbedecke für Besucher noch andere bauliche Besonderheiten bereit. Dazu zählt, neben dem stattlichen Renaissancealtar mit gotischen Schnitzfiguren und einer prächtigen geschnitzten Renaissancekanzel, der freistehende neugotische Glockenturm von 1817. Er entstand nach Brandzerstörung des Vorgängerturms im Jahre 1808 und trägt die Handschrift Karl Friedrich Schinkels, der als Geheimer Oberbaurat der Oberbaudeputation auch für die preußischen Bauprojekte in Pommern zuständig war. Den Entwurf des Stargarder Landbaumeisters Liers, der schließlich vereinfacht verwirklicht wurde, soll Schinkel nur geringfügig korrigiert und zur Ausführung bestimmt haben.

(KK)

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