Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1259.

Ein „schicklicher Ort“ gesucht

Sudetendeutscher Tag in naher Zukunft in Böhmen?

Die Idee war vom Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, MdEP Bernd Posselt, sowie dem Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins, Dr. Peter Becher, in den vergangenen Jahren schon angesprochen worden: ein Sudetendeutscher Tag in naher Zukunft in Böhmen. Die Junge Aktion der Ackermann-Gemeinde nahm den Faden auf und bot beim Sudetendeutschen Tag die Veranstaltung „Sudetendeutscher Tag 2011 in Nordböhmen? Eine erste Anhörung“, zu der zahlreiche Interessenten kamen und wo viele Teilnehmer aktiv mitdiskutierten.

Gemeinsam mit ihrer tschechischen Partnervereinigung Antikomplex hatte die Junge Aktion (JA) die Veranstaltung vorbereitet. Der JA-Bundessprecher Sebastian Kraft sah diese Vision auch als „Zeichen der Heimatverbundenheit und der Selbstverständlichkeit der Zusammenarbeit von Sudetendeutschen und Tschechen“.

Die Rahmenfaktoren für einen Sudetendeutschen Tag in Reichenberg/Liberec skizzierte Ondrej Matejka von Antikomplex. Seiner Meinung nach ist es ein langer Prozeß, bis ein Sudetendeutscher Tag in Böhmen stattfinden könne. Grundsätzlich aber müßten sich die Sudetendeutschen selbst klar sein, ob sie dies wollen oder nicht. Für die Umsetzung könnte  auch eine andere Stadt in Erwägung gezogen werden. Doch „Reichenberg war jahrzehntelang die wichtigste Stadt des deutschen kulturellen Lebens in Böhmen“, führte Matejka aus. „Die Stadt Reichenberg hat keine Probleme mit dieser Seite der Geschichte“, stellte er fest. Er war sich aber nicht sicher, ob die Tschechen eine solche Veranstaltung wollen.

In der Diskussion wurden ganz unterschiedliche Argumente ins Feld geführt.

Adolf Reschka aus Weimar etwa meinte, daß es noch ein langer Weg bis zu einem Sudetendeutschen Tag in Böhmen sei. Als ersten Schritt in dieser Richtung bzw. zur Vorbereitung schlug er einen „Tag daheim“ vor, an dem alle mobilen und in Böhmen geborenen Landsleute ihre Heimatorte besuchen könnten – als Freunde der jetzt dort lebenden Tschechen. „Es sollte keine Invasion sein, sondern eine Veranstaltung von Leuten, die ihre Heimat lieben und Europa als Zusammenschluß von Bürgern vieler Nationen sehen.“

Ein Nordmährer der Bekenntnisgeneration hatte Bedenken hinsichtlich der Bezeichnung „Sudetendeutscher Tag“. „Die Veranstaltung muß auf eine höhere Ebene gebracht werden, wo wir uns auf Gemeinsamkeiten einigen können, auf gemeinsame Überthemen“, schlug er vor und nannte das gemeinsame europäische Haus, die gemeinsame Kultur und als Beispiel die heilige Agnes als verbindendes Element der christlichen Wurzeln. Weitere Teilnehmer verwiesen auf zukunftsweisende Themen wie die Völkerverständigung oder die Nachbarschaft in Mitteleuropa.

Der Europaabgeordnete Milan Horácek wie auch der hessische Landtagsabgeordnete Rudolf Friedrich sehen noch viel Vorbereitungsbedarf. Horácek fordert vor allem „ein strukturiertes Vorgehen auf allen Ebenen“, auch um die Idee weiterzuentwickeln und „die jetzt dort ansässigen Tschechen darauf vorzubereiten“. Friedrich schlug vor, alle bewährten positiven Begegnungen als Beispiele von Kontakten auf der unteren Ebene zusammenzufassen. „Eine Voraussetzung muß sein, daß man willkommen ist. Man muß eine Einladung erwarten können“, ergänzte Friedrich und empfahl allen sudetendeutschen Gremien, sich mit dieser Vision zu beschäftigen.

„Ich hoffe, daß das noch im Laufe meiner Amtszeit geschieht“, beurteilte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, die Chancen eines Sudetendeutschen Tages in Böhmen.

Für ihn soll eine solche Veranstaltung „die Menschen zusammenführen und keinen neuen Konfliktstoff bringen“. Auch Posselt wies auf die positiven Erfahrungen der vielen Heimattreffen hin und schlug einen „Beginn mit Teilveranstaltungen“ vor – etwa einen Pfingstmontag, früher der letzte Tag des Sudetendeutschen Tages, in einer Stadt in Tschechien. „Ich würde mich freuen, wenn die Tschechische Republik uns zu einem Sudetendeutschen Tag einladen würde. Das wäre ein immaterieller Schritt zur Annäherung und Wiedergutmachung“, faßte Posselt zusammen.

Franz Olbert, Geschäftsführer des Sozialwerkes der Ackermann-Gemeinde, hielt es für wichtig, diese Idee zunächst mental zu verarbeiten. Einen konkreten Anknüpfungspunkt stellen für ihn die deutsch-tschechischen Wallfahrten dar. Ähnlich äußerte sich Monsignore Anton Otte, der Geistliche Beirat der Ackermann-Gemeinde, der einen Gottesdienst als verbindendes Element ansieht.

Der Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, Matthias Dörr, fragte nach dem Status des Sudetendeutschen Tages. „Gibt es eine neue Form? Die Leute interessiert das Konkrete und Kulturelle. Das sind die verbindenden Elemente, auch zu den in Tschechien verbliebenen Deutschen. Diesen Schritt muß man irgendwann gehen“, lautete Dörrs Forderung. Daß andere Heimatvertriebene diesen Weg schon gegangen sind, beschrieb Dr. Ortfried Kotzian, Geschäftsführer des Hauses des Deutschen Ostens München, anhand der Buchenlanddeutschen, die erstmals 2001 ihr Treffen in der Bukowina (Rumänien) abgehalten haben.

Ondrej Matejka nahm die Gedanken auf und ermutigte die Sudetendeutschen, „sich zu öffnen, etwas Neues auszuprobieren“. Die Situation in seinem Heimatland halte er nicht für so schlecht, wie sie in einigen Statements beschrieben werde. Man müsse diesen Prozeß jetzt  beginnen. Die Politiker in Reichenberg würden der Idee positiv gegenüberstehen. „Das Wagnis ist heute realistisch. Die Sudetendeutschen müssen diesen Schritt mitmachen und vor allem den Ehrgeiz der schnell reicher werdenden Städte, den lokalen Patriotismus ausnützen“, riet der Antikomplex-Vertreter.

JA-Bundessprecher Sebastian Kraft appellierte, mit Blick auf Posselt und Friedrich, den Prozeß in Bewegung zu setzen.

Markus Bauer (KK)

 

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