Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1282.

Ein begrüßenswerter Aufruf für Wahrheit und Versöhnung

Junge Historiker aus Deutschland und Polen äußern sich aus Anlaß des 70. Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkriegs

Die ehrenwerte Absicht dieses Aufrufs ist es wert, nicht nur im allgemeinen begrüßt, sondern auch unter den Kerngesichtspunkten der Verfasser kritisch überprüft zu werden.

Bei der allgemeinen Vergeßlichkeit der Menschen und der ebenso verbreiteten Tendenz, die eigene Schuld möglichst kleinzuschreiben, ist es geradezu notwendig, an einschneidende historische Tatsachen immer wieder zu erinnern. Dies in Abständen jeweils eines Jahrzehntes zu tun fördert die Einprägsamkeit.

Zum zweiten Abschnitt „Die Folgen: Antagonismen und Aussöhnung" sind im Hinblick auf die Wahrheit der Tatsachen zwei Korrekturen unvermeidlich.

1. Es verzerrt die Wirklichkeit, wenn die Vertreibung der Deutschen aus den alten deutschen Reichsgebieten auf eine Ebene gestellt wird mit der Vertreibung von Polen aus den ostpolnischen Gebieten zwischen Lemberg und Wilna. Zum einen muß festgehalten werden, daß die polnische Bevölkerung in diesen Gebieten, die erst durch den von Pilsudski errungenen (Wunder an der Weichsel) Frieden von Riga an den nach dem Ersten Weltkrieg gebildeten polnischen Staat gefallen waren, lediglich eine starke Minderheit in diesem Raum (etwa ein Drittel der Bevölkerung) gebildet hatte. Zum anderen ist für den Unterschied zur Vertreibung der ca. neun Millionen Deutschen wesentlich, daß es sich bei der Umsiedlung der polnischen Bevölkerung aus dem Osten um einen Akt handelte, der den Verbleib in der Heimat nicht gänzlich ausschloß und der im Falle der tatsächlichen Umsiedlung die Mitnahme von erheblichem Hab und Gut erlaubte.

2. Es trifft nicht die ganze Wahrheit, wenn davon die Rede ist, daß im Jahre 1990 zwischen der polnischen und der deutschen Regierung hinsichtlich der völkerrechtlichen Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als polnisch-deutscher Grenze materiell irgendetwas „ausgehandelt" worden sei. Wäre etwas zwischen den beiden Partnern ausgehandelt worden, so hätte es ja an der neuen Grenze die eine oder andere kleine Korrektur der ursprünglichen Demarkationslinie, die nur bis zu einem ins Auge gefaßten Friedensvertrag gelten sollte, geben können. So hätte man zum Beispiel über eine Rückgabe des lediglich aus militärischen Gründen (Stationierung sowjetischer Marineeinheiten) der polnischen Seite zugeschlagenen östlichen Teils der Insel Usedom mit der Stadt Swinemünde sowie über die Wiederherstellung der Einheit des größten europäischen Parkes des Fürsten Pückler bei Muskau verhandeln können. Dies war freilich angesichts der Schwierigkeiten bei den Zwei-plus-vier-Gesprächen über die Vereinigung der beiden deutschen Staaten vermutlich ganz unmöglich. Der deutsche Bundeskanzler stand unter einem das Ziel der Wiedervereinigung gefährdenden Druck aller Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Daher gehört es zur Wahrheit, daß eine inhaltliche Vertragsverhandlung gar nicht stattfinden konnte.

Dem dritten Abschnitt „Partner in Europa" kann man in Verantwortung vor Geschichte und Zukunft nur überzeugt zustimmen. Zur Unterstützung der darin ausgeführten notwendigen Absichten sind jedoch einige Anmerkungen angebracht.

1. Es verdient in diesem Zusammenhang immer wieder hervorgehoben zu werden, daß die deutschen Vertriebenen die ersten und wirksamsten Brückenbauer zum polnischen Nachbarn gewesen sind. Dies reicht bis weit in die kommunistische Zeit des neuen polnischen Staates zurück und wurde ab 1990 geradezu zu einer breiten Bewegung. Es ist ja leider wahr, daß ein großer Teil der nicht aus dem Osten vertriebenen Bürger der Bundesrepublik Deutschland vor allem in den jüngeren Generationen kaum Kenntnisse vom historischen deutschen Osten und von den Nachbarvölkern im Osten hatte und hat. Erst der Strom von Besuchern deutscher Vertriebener und ihrer Nachkommen in die nach dem Kriege Polen zugeschlagenen Gebiete hat im deutschen Volke allgemein sowohl ein Bewußtsein von der deutschen Vergangenheit als auch eine Kenntnis über die heutigen Verhältnisse entstehen lassen.

2. Wesentlich für die Fruchtbarkeit künftiger Partnerschaft der beiden Völker ist die Bereitschaft der neuen polnischen Bewohner der ehemals deutschen Gebiete, die deutsche Vergangenheit nicht zu verschweigen, sondern vielmehr durch Anknüpfung an sie auch in Polen lebendig zu erhalten. Hier könnten eine Fülle verdienstvoller Beiträge dazu aufgeführt werden. Was in dieser Hinsicht etwa in Breslau, in Kreisau im Kreis Schweidnitz, in Glogau, in der Neumark und in Hinterpommern sowie im heute russischen Gebiet von Königsberg geschehen ist, ermutigt zu schönen Hoffnungen.

3. Die Erklärung der deutschen Bundeskanzlerin, das Bewußtsein der jahrhundertelangen deutschen Geschichte der historischen deutschen Ostgebiete und ihres Beitrages zur deutschen Kultur gehöre zur Identität des ganzen deutschen Volkes, schafft für Politik, Wirtschaft und Kultur eine gesunde Grundlage für zukünftige Gemeinsamkeiten.

4. Obwohl die Verfasser des Aufrufs dankenswerterweise erwähnen, daß der seinerzeitige polnische Außenminister Bartoszewski in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag die Vertreibung der Deutschen aus den östlichen Reichsgebieten verurteilt hat, ist leider mit keinem Wort davon die Rede, daß die logische Folge dieser Verurteilung die Gewährung des Rückkehrrechtes für die Vertriebenen und ihre Nachkommen ist. Man braucht wirklich keine Sorge zu haben, daß die betroffenen Bürger der Bundesrepublik Deutschland massenweise von einem solchen Rückkehrrecht Gebrauch machen würden. Aber die als Konsequenz aus den Menschenrechten sich ergebende Zulassung einer Rückkehr in die ursprüngliche Heimat wäre der entscheidende Beitrag zur endgültigen Entkrampfung des deutsch-polnischen Verhältnisses. Die engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern führen ohnehin zunehmend zum Austausch von Fachleuten, woraus sich auch schon aufgrund der bisherigen Erfahrungen nicht selten Eheschließungen ergeben haben. Es ist klar, daß mit einer solchen Regelung keinerlei Eigentumsfragen mehr aufgeworfen würden.

Wenn man die Zielsetzung des erneuten Aufrufs für Wahrheit und Versöhnung so ernst nimmt, daß sie ein stabiles Fundament für eine gedeihliche Zukunft zweier geschundener Völker im Herzen Europas sein kann, dann sollten unsere Korrekturen und Ergänzungen gründlich erwogen werden.

Eberhard Günter Schulz (KK)

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