Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1326.

Ein Fünkchen Humor und ein offenes Auge für alles

Kongreß der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu „Aussöhnung als Aufgabe. Deutschlands Arbeit an den Kriegsfolgen seit 1945“

„Wie Jona in des Fisches Bauch komme ich mir vor und kann es mit dankerfülltem Herzen erwarten, wo er mich wieder an Land spucken wird. Das zweite Leben hat begonnen … mein Gebet geht um nichts anderes mehr als um ein Fünkchen Humor und um ein offenes Auge für alles, was noch kommen mag.“ So zitierte Staatsminister Bernd Neumann den Schriftsteller Hans Graf von Lehndorff und versinnbildlichte damit treffend die Intention des Kongresses „Aussöhnung als Aufgabe. Deutschlands Arbeit an den Kriegsfolgen seit 1945“, der am 15. Oktober 2012 im Reichstagsgebäude stattfand. Das Bild stimmte in zweierlei Hinsicht. Zum einen war der Blick der Tagung, zu der die Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSUFraktion im Deutschen Bundestag unter  Vorsitz von Klaus Brähmig geladen hatte, nach vorn gerichtet, auf das, „was noch kommen mag“ im Bereich „Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen  Europa“, dessen aktuelle Bedeutung und Zukunftsträchtigkeit hervorgehoben werden sollten. Zum anderen war der Kongreß von einer ähnlichen Stimmung geprägt, wie sie Graf von Lehndorff in seinem „Ostpreußischen Tagebuch“ zum Ausdruck bringt, eine Mischung aus noch anhaltender und wiederaufkommender schmerzlicher Erinnerung, tief verankerter Hoffnung und nimmermüdem Tatendrang.

Mit der Veranstaltung zeigte die CDU/CSUFraktion, welchen Wert sie in ihrer politischen Arbeit auf das Thema „Deutsche Geschichte in Osteuropa“ legt. Deutlich unterstrichen wurde dieser Wert schon durch das Redneraufgebot. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Fraktionsvorsitzender Volker Kauder, Staatsminister Neumann und der Parlamentarische Staatssekretär und Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Christoph Bergner, sprachen zu den Kongreßteilnehmern.

Klaus Brähmig stellte die Grundintention der Veranstaltung mit ihrem zukunftsgewandten Charakter vor. Fraktionsvorsitzender Kauder formulierte die Grundlinien der CDU/ CSU. Er bezeichnete die „furchtbare Aggressionspolitik des  Dritten Reichs“ als „das größte Drama und Ausgangspunkt der heutigen Thematik“ und betonte, daß „Aussöhnung, Verständnis und Vergebung für die Partei untrennbar zusammengehören“. Am Beispiel der heutigen Christenvertreibungen im Nahen Osten demonstrierte er den aktuellen Gehalt des Themas „Vertreibung“.

Im Anschluß referierte der Aussiedlerbeauftragte Christoph Bergner über die Bedeutung des Kriegsfolgenschicksals der Deutschen in Osteuropa für die Aussiedlerund Minderheitenpolitik der Bundesregierung. Als wichtiges Arbeitsfeld bezeichnete er hierbei die Kriegsfolgenbewältigung im Zusammenhang mit kultureller Integration. Dies sei ein maßgeblicher friedensstiftender Ansatz in der Europäischen Union. Besondere Aufmerksamkeit widmete er den  Rußlanddeutschen.Ein Anliegen sei es, dieser Gruppe Unterstützung und Förderung angedeihen zu lassen, die im angemessenen Verhältnis zu ihrer Leidensgeschichte stehen. Staatsminister Bernd Neumann würdigte die Arbeit der Flüchtlinge und Vertriebenen beim Wiederaufbau Deutschlands und deren  Engagement in der Verständigung mit den Partnerländern. Die Wahrung ihrer  Traditionen sei „ein Vermächtnis der Vergangenheit und ein Unterpfand der Zukunft“. Anschließend machte er noch auf die Vielschichtigkeit der Arbeit der  Bundesregierung im Bereich der Geschichte und Kultur der Deutschen im östlichen Europa aufmerksam. Als aktuelles Beispiel nannte er das von seinem Haus und dem Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa ins Leben gerufene akademische Förderprogramm. Dieses wird mit 800000 Euro jährlich unterstützt und initiierte unter anderem die Schaffung von Juniorprofessuren. Weiterhin hob er die erfolgreiche grenzüberscheitende Vermittlungsarbeit der vom Bund geförderten Einrichtungen hervor.

Die Bundeskanzlerin formulierte die politischen Rahmenbedingungen für einen gelungenen Umgang mit der Vertreibungsgeschichte. Sie betonte, daß es hier nicht um Vergleiche, um ein Gegenüberstellen gehe. „Auch dieses Leid und Unrecht muß anerkannt werden, ist Teil unserer deutschen Geschichte, ohne anderes Unrecht im Mindesten zu relativieren oder zu vergleichen. Nur wenn wir allen Opfern eine Stimme geben, kann Aussöhnung vollendet werden.“ Bemerkenswerterweise bedienten sich sowohl die Bundeskanzlerin als auch der Literaturkritiker Hellmuth Karasek desselben Bildes: Beide sahen im Wiederaufbau der zerstörten Dresdener Frauenkirche – Merkel spezifisch im durch britische Spenden finanzierten Kuppelkreuz – ein Zeichen der Vergebung, Versöhnung und des Neuanfangs.

Drei Diskussionsrunden ergänzten die erwähnten Reden zu einem wirklich facettenreichen Programm. Durch unterschiedliche Themensetzungen in den Gesprächsrunden und eine Auswahl an Experten mit vielfältigen Professionen und biographischen Hintergründen wurde „Aussöhnung als Aufgabe“ aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Die erste Diskussionsrunde hatte den Blickwinkel der „Enkelgeneration“. Sie widmete sich einer Kernfrage des Kongresses, nämlich wie die jüngeren Generationen heute und in Zukunft mit der Vertriebenenhistorie ihrer Vorfahren umgehen können. Junge Vertreter aus Medien und Politik zeigten einen Zugang zu der Thematik auf. Große Zustimmung fand der Ausspruch der Journalistin und Autorin Merle Hilbk: „Unsere Eltern haben die wirtschaftlichen Trümmer beiseite geschafft, wir müssen nun die seelischen Trümmer beseitigen.“ Einige Zuhörer äußerten ebenso wie die Politiker den Wunsch nach einer besseren Aufklärung über die Vertreibung im Schulunterricht.

Die Konzeption der geplanten Dauerausstellung der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ wurde in der zweiten Expertenrunde diskutiert. Stiftungsdirektor Professor Manfred Kittel, der amerikanische Professor Norman Naimark, Mitglied des Wissenschaftlichen Beraterkreises der Stiftung, und weitere Historiker diskutierten zum Beispiel, wie eine angemessene Erinnerung für die Flüchtlinge und Vertriebenen aussehen soll. Die Diskussion entwickelte sich zu einer fundierten Grundsatzdebatte.

Die letzte Gesprächsrunde setzte sich mit der wohl schwierigsten Form von Aussöhnung auseinander, jener eines jeden mit sich selbst. Naturgemäß erreichte die Beteiligung der Zuhörer hier ihren Höhepunkt. Emotional aufgewühlte Schilderungen persönlichen Schicksals unterstrichen, was der Psychoanalytiker Professor Michael Ermann als Botschaft auf dem Kongreß vermittelte: „Versöhnung mit dem Nachbarn ist nicht möglich, wenn ich mich nicht mit dem eigenen Schicksal auseinandergesetzt habe.“ So konnte jeder einen Eindruck davon gewinnen, wie angespannt das Verhältnis zwischen Aussöhnung, Verarbeitung und Verdrängung heute noch ist.

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion kann sich über eine rundum gelungene Tagung freuen. Mit einer stimmigen Konzeption, die sowohl fachliche als auch emotionale Diskussionen mit Tiefgang zuließ, konnten Akzente gesetzt werden in einem Themenfeld, dessen Relevanz für die folgenden Generationen oft unterschätzt wird.

Anna Valeska Strugalla (KK)

 

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