Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1348.

„Ein furchtbar wütend Schrecknis ist der Krieg“

„Die Herde schlägt er und den Hirten“ – hätten doch die „Hirten“ 1914 Schiller gelesen!

Ein-furchtbar-wütend1Vor 100 Jahren trat Europa in den Ersten Weltkrieg ein, genauer gesagt, die Politiker in Berlin und Wien, die zu entscheiden hatten, taumelten in den Krieg, ohne zu wissen, was sie eigentlich entschieden. Ausgelöst wurde er durch das tödliche Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau am 28. Juni 1914 in Sarajewo. Verloren war er eigentlich bereits am 2. August 1914, nämlich auf der Agrar- und Ernährungsseite. Dabei kann man nicht sagen, dass die Staatsführungen in Deutschland und Österreich-Ungarn falsche Entscheidungen in der Ernährungs-und Agrarpolitik getroffen hätten. Sie haben gar keine getroffen.

Mit dem Tage der Mobilisierung wurden den landwirtschaftlichen Betrieben im Sommer 1914 viele ihrer leistungsfähigsten Arbeitskräfte zur Erntezeit entzogen. Frauen und Kinder sowie zurückgebliebene polnischen Wanderarbeiter, zu denen im weiteren Kriegsverlauf immer mehr Kriegsgefangene kamen, konnten die Arbeitskraft der eingezogenen zwei Millionen Männer aber zu keinem Zeitpunkt vollwertig ersetzen und den raschen Einbruch der Nahrungsmittelproduktion verhindern. Verantwortlich für den starken Produktivitätsrückgang in der Landwirtschaft waren auch die Einberufung von einer Million Pferde als Zugtiere für die Armee, die immer schlechteren Möglichkeiten zu Wartung und Ersatz von Geräten sowie der schnell steigende Mangel an Düngemitteln. So sank die Kartoffelproduktion von 52 Millionen Tonnen (1913) auf 29 Millionen (1918), und der Getreideertrag fiel von 27,1 Millionen Tonnen (1914) auf 17,3 Millionen (1918).
Um die Ernährung der einkommensschwachen Bevölkerungsschichten auf einem noch vertretbaren Preisniveau zu gewährleisten, führte man im Oktober 1914 staatlich festgelegte Höchstpreise für Brotgetreide ein. Um die Getreidevorräte zu strecken, erlaubte man zugleich für das „K-Brot“ einen 30-prozentigen Kartoffelanteil als Ersatzstoff. Dennoch führte die anhaltende Verknappung des Brotgetreides schon im folgenden Frühjahr zur Anhebung des Höchstpreises und zur Rationierung von Brot – ohne dass die auf den Brotkarten stehenden Mengen auch tatsächlich immer verfügbar gewesen wären. Als die Ernteerträge 1915 um fast 20 Prozent unter denen des Vorjahres blieben, wurden nach und nach für fast alle landwirtschaftlichen Produkte Höchstpreise eingeführt. Da es für die Erzeuger jedoch weit profitabler war, ihre Produkte über den „Schleichhandel“ zu vermarkten, statt sie zu den unbefriedigenden administrierten Preisen auf dem regulären Markt anzubieten, folgte jeder Festlegung von Höchstpreisen eine tendenzielle Verknappung des regulären Angebots. Um den völligen Zusammenbruch der Kartoffelversorgung in den industriellen Zentren zu verhindern, wurde zwar im Frühjahr 1915 das Abschlachten eines guten Drittels des gesamten Schweinebestandes von ca. 25 Millionen angeordnet, doch trotz des von den Landwirten heftig kritisierten „Schweinemordes“ verbesserte sich die Kartoffelversorgung in den Städten kaum; das Schweinefleisch verschwand auf dem Schwarzmarkt und trieb die Preise für andere Fleischsorten in bis dahin unbekannte Höhe.

Versorgungsengpässe, steigende Lebensmittelpreise und nicht zuletzt das Gefühl einer ungerechten Verteilung führten schon 1915 zu ersten Hungerkrawallen. Im Mai 1916 wurde schließlich das Kriegsernährungsamt als Reichsbehörde ins Leben gerufen, das zum Adressaten von ständigen Forderungen nach verbraucherfreundlichen Zwangsmaßnahmen wurde, aber gegen die (Schwarzmarkt-)Kräfte fast nichts erreicht hat. Trotz der im Herbst 1916 eingeführten umfassenden Rationierung aller Lebensmittel reichten die zugeteilten Mengen bei weitem nicht zur Deckung des täglichen Kalorienbedarfs. Die Versorgung mit Milch, Butter, Eiern und Fleisch brach zeitweise völlig zusammen. Während des Ersten Weltkrieges starben in Deutschland rund 750 000 Menschen an Unterernährung und deren Folgen. Zur Katastrophe wurde die Ernährungslage durch die Kalamität der Krautfäule im Sommer 1916, die schlimmste seit jener von 1845 in Irland, welche Hungersnot und Massenauswanderung zur Folge hatte.

Ein-furchtbar-wütend2Die Mangelernährung führte zu einer massiven Schwächung der kollektiven Gesundheit und bei allen Gruppen der Bevölkerung zu erhöhter Krankheitsanfälligkeit. Wie umfassend die gesundheitliche Schwächung bereits war, sollte sich dann bei der Grippe im Frühling und Sommer 1918 zeigen, die schließlich die Kriegsmaschine zum Stillstand brachte. Der erste weltweite Grippezug hatte „eigentlich“ mit dem Krieg nur wenig zu tun, aber er ist in den kriegführenden mitteleuropäischen Staaten auf eine physiologisch-immunologisch und psychisch stark belastete Bevölkerung gestoßen, mit entsprechend verheerenden Auswirkungen. Er hat insgesamt 56 Millionen Tote zurückgelassen.

Der Krieg hatte sich mit etwa 11 Millionen Toten „begnügt“. Es sind zum Glück für die Forschung Gewebesequenzen von Grippetoten auch in den USA erhalten geblieben. So weiß man, dass es sich nicht um eine, wie damals gesagt wurde, „spanische“, sondern um eine asiatische Grippe gehandelt hat, die durch die Schweinepassage für den Menschen infektionsfähig geworden ist.

Vor allem hat sich eine Erklärung für die damals als dämonische Bedrohung empfundene Tatsache gefunden, dass besonders jüngere und mittlere Jahrgänge die höchsten Sterblichkeitsziffern hatten, und da wieder am auffallendsten die jüngeren Frauenjahrgänge: Der Erreger war eine höchst seltene Kombination von Virus und Bakterium. Das Grippe- und vor allem das Immungedächtnis gerade der Jüngeren konnte diesen völlig abweichenden Erregertyp nicht identifizieren und nicht darauf reagieren, mit dem Ergebnis, dass besonders die jüngeren Jahrgänge und vor allem der weibliche Bevölkerungsanteil die höchsten Sterberaten hatten. Wie dies auf die Familien und ganz besonders auf die zurückkehrenden Männer gewirkt hat, die sich stark gelichteten Frauenkohorten gegenübergesehen haben, das hat man sich bisher viel zu wenig gefragt.

Versucht man eine Charakteristik, dann stellt sich die deutsche Gesellschaft als Ganzes im Rücken der Fronten als eine Gesellschaft im Übergang zur Hungerrevolution dar, die unter dem Druck der ersten Grippepandemie der Geschichte 1918 in eine allgemeine Revolution übergegangen ist. Nicht zuletzt auf ernährungswirtschaftlichem Gebiet liefert diese Ereignisfolge eine weitere Bestätigung für das berühmte Wort des Soziologen Max Weber von 1912: „Mir ist, als würden wir von einer Horde Wahnsinniger regiert!“ In der Rückschau erscheint der Erste Weltkrieg, der in Wirklichkeit nur der erste Teil eines 75-jährigen europäischen Bürgerkrieges von 1914 bis 1989 war, als ein großes Missverständnis und vor allem als eine leidvolle Bestätigung des „cultural lag“, also der soziologischen Gesetzmäßigkeit, dass sich der Mensch mit den Kollektiven, die er bildet, immer nach den Erkenntnissen und Regeln richtet, die 50 bis 75 Jahre zuvor gültig waren. Am 1. August 1914, davor und danach wurde so gehandelt, als gäbe es noch die kurzen, räumlich begrenzten Militärkriege des Absolutismus.

Unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, im August 1939, fand der Jahreskongress des Internationalen Verbandes der Landwirtschaft in Deutschland, und zwar in Leipzig statt. Zum Kongresspräsidenten hatte man den Übervater der Agrarpolitik und der Agrarwissenschaften in der Schweiz, Professor Ernst Laur, gewählt. Er hat seine Eröffnungsrede mit dem Zitat aus Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ geschlossen: „Ein furchtbar wütend Schrecknis ist der Krieg – die Herde schlägt er und den Hirten.“

Dietmar Stutzer (KK)

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