Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1239.

Ein Heimatbuch auch für solche, die nicht dort zu Hause sind

Nach Bänden über die Zips und das Hauerland liegt nun ein drittes Werk über die deutschen Sprachinseln in der Slowakei vor, speziell über Preßburg, die alte Krönungsstadt der Habsburger. Erhard Edler von Pollak setzt zusammen mit vielen anderen Autoren, deutschen, österreichischen wie slowakischen, seiner Heimatstadt ein literarisches Denkmal. Wer, wie der Rezensent, das Glück hatte, mit von Pollak durch die Slowakei zu reisen, weiß um das reiche historische Wissen des Mediziners, das sich nun in Fülle niedergeschlagen hat.

Entstanden ist ein Heimatbuch im besten Sinne. Wissenschaftliche Beiträge wechseln mit Liedern, Gedichten und vielen Photos und Zeichnungen. Vorgestellt werden Alltags- und kulturelles Leben. Es gibt schlichte Erzählungen aus Geschichte und Gegenwart bis hin zum traurigen Ende, der Vertreibung der Deutschen aus einem Paradies, wie es von Pollak empfindet. Artikel wurden teils mit Quellenangabe übernommen, aber auch eigens für dieses Buch geschrieben.

Selbst Theodor Heuss ist vertreten mit einem Artikel über den „Künstlichen Menschen“, eine Art Roboter, der von einem Preßburger konstruiert wurde und Ende des 18. Jahrhunderts für Aufregung und Erstaunen sorgte. Selten ging den Herausgebern beim Nachdruck von Beiträgen etwas durch, wie z.B. wenn von der „heutigen DDR“ die Rede ist.

Die Preßburger waren einst Kosmopoliten, Deutsche, Slowaken, Ungarn und Juden lebten meist friedlich nebeneinder. Die Herausgeber bedauern ausdrücklich, daß die Israelitische Kultusgemeinde keinen Beitrag für dieses Buch geliefert hat. So blieb es bei zwei Bildern von der 1894 erbauten Synagoge im maurischen Stil, die erst nach dem Krieg im Zuge der Errichtung der zweiten Donaubrücke niedergerissen wurde.

Heute leben in Preßburg höchstens 6000 Deutsche (bis 1945 waren es 50000), unterstützt von der Deutschen Botschaft, in der Öffentlichkeit wirksam durch das „Haus der Begegnung“, zugleich einem deutschen Museum. Hervorgehoben wird die Rolle der Kirchen. „Die Kirche war der einzige Ort, wo die deutsche Restbevölkerung  bis zur Wende noch zusammenkommen  konnte.“ Der ehemalige hochverdiente Visitator der Karpatendeutschen, der Salesianerpater Julius Gross, schrieb die Geschichte der Ecclesia Posoniensis, und Andreas Metzl den „Spaziergang durch das evangelische Preßburg“.
Das heutige Bratislava besinnt sich auf sein deutsches Erbe. Straßen werden wieder umbenannt, Hausfassaden im alten Stil renoviert. Dem Buch ist zu wünschen, daß es viele dazu ermuntert, in das alte Preßburg zu fahren, das nur einen einstündigen Fußmarsch von Österreich, eine halbe Autostunde von Wien und vier Fahrradstunden von Ungarn entfernt ist.

Die Farbphotos am Schluß des Buches erinnern an die Glanzzeit der auch heute wieder lebendigen Donaustadt, schon im Mittelalter Schnittpunkt wichtiger Handelsstraßen, Heimat, wie der Buchtitel besagt, verschiedener Nationen.

Das Buch hat nicht nur bei den ehemaligen Preßburgern großen Anklang gefunden, eine zweite Auflage ist bereits geplant. Vielleicht kann man dann eine Zeittafel anfügen. Es fällt auf, daß der tragischen Gestalt, dem Prälaten und Staatspräsidenten Tiso, der die Slowakei während der Zeit des Nationalsozialismus regierte, kein Kapitel gewidmet ist.

Edler von Pollak, Erhard / Kotschner, Johann: Preßburg, Bratislava, Pozsony, Posonium, Istropolis. Lebendige Stadt am Donaustrom. Hrsg. Hilfsbund Karpatendeutscher Katholiken e. V., Verlag Vivit GmbH, SK-06001 Kesmark, Slowakei 2006 , 453 S., 25 Euro

Norbert Matern (KK)

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