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Ausgaben: Ausgabe 1356.

Ein Johannis macht noch keinen Frühling

Wie aber wird der Sommer? Auf einer Tagung in Bad Kissingen mutmaßt man über den Neuen und das Neue in Rumänien

Ein-Johannis-machtDie Wahl von Klaus Johannis zum Staatschef Rumäniens am 16. November 2014 hat international für Aufsehen gesorgt und lässt seither Politiker, Journalisten, Experten und Öffentlichkeit darüber rätseln, wie sich das erste Präsidentenmandat eines Siebenbürger Sachsen auf das Land, die internationalen Beziehungen, die deutsch-rumänische Zusammenarbeit und auch die Zukunft der deutschen Minderheit auswirken wird. Im Mittelpunkt einer Tagung, die vom 24. bis zum 26. April von der Bildungs- und Begegnungsstätte Der Heiligenhof in Bad Kissingen angeboten wurde, stand die Frage „Was bedeutet es, dass ein (evangelischer) Deutscher Präsident Rumäniens ist?“.

Die interdisziplinäre Veranstaltung war das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Freundeskreis Siebenbürgen, der Gemeinschaft Evangelischer Siebenbürger Sachsen sowie der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien und weckte auch das Interesse von Teilnehmern ohne biographischen Bezug zu Siebenbürgen. Die Referenten – Vertreter der Politik, Presse und Kirche aus Rumänien und Deutschland – zeichneten als Antwort auf die Titelfrage ein komplexes Bild der politischen Situation Rumäniens, in der Klaus Johannis viele Pluspunkte mitbringt und dabei bedeutende Herausforderungen zu meistern hat.

Der Wahlsieg im vergangenen Herbst sei auch ein Ergebnis des steten Engagements der deutschen Minderheit in Staat und Gesellschaft nach 1989, so Hartmut Koschyk, MdB, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien sei eine emanzipierte Interessenvertretung, die sich sowohl gegenüber der rumänischen Regierung als auch in den Beziehungen zu Deutschland selbstbewusst verhalte und gleichzeitig Verantwortung für das Gemeinwohl und die anderen Minderheiten in Rumänien übernehme. Dieses Wechselspiel zwischen Selbstbewusstsein und Loyalität stehe für eine gelebte europäische Demokratie und sei eine Chance zur Stärkung der deutsch-rumänischen Beziehungen, so Koschyk.

Als „günstiges Zeitfenster“ für die Deutschen in Rumänien bezeichnete auch Winfried Ziegler, Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt, das Mandat von Klaus Johannis. Die etwas provokative Frage im Titel seines Vortrags – „Sind ‚wir‘ Präsident?“ – verneinte Ziegler vorsichtig. Johannis sei ein „viel zu guter Politiker“, als dass er dieser Formulierung verfiele, vielmehr agiere er als „Präsident aller Rumänen“. Doch in Rumänien sei Deutsch „einfach in“, deshalb bringe der momentane Erfolg eines Siebenbürger Sachsen die einmalige Chance mit sich, „die kleine deutsche Minderheit langfristig zu stabilisieren“.

Einen theologischen Blick auf die im Wahlkampf aufeinanderprallenden Mentalitätsunterschiede warf Professor Dr. Christoph Klein, der emeritierte Bischof der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien (EKR). Er sprach über die historischen Unterschiede zwischen östlichen und westlichen religiösen Lehren, die sich in Rumänien einerseits in dem fortdauernden Zusammenspiel zwischen Kirche, Staat und Volkstum, andererseits aber in einem neueren Umdenken hin zu Säkularisierung und Sachlichkeit widerspiegeln. Die Hintergründe der Präsidentschaftswahl analysierte aus soziologischer Sicht Pfarrer Dr. Stefan Cosoroaba, Referent für institutionelle Kooperationen der EKR. Er unterstrich den entscheidenden Beitrag der im Ausland lebenden rumänischen Staatsbürger zum Ausgang der Wahl im November. Die Diaspora sei „im westlichen Wertekanon einer Zivilgesellschaft sozialisiert“, gut vernetzt, ununterbrochen mit der Heimat verbunden – und somit „eindeutig ein Gewinn und kein Verlust für Rumänien“.

Auch viele internationale Presseberichte seien nach der Wahl euphorisch über die politische Reife, proeuropäische Haltung und Weltoffenheit der rumänischen Zivilgesellschaft gewesen, hob Robert Schwartz, Leiter der Rumänienredaktion der Deutschen Welle, hervor. In Rumänien jedoch könne man sich nicht auf die Neutralität der klassischen Medien verlassen, außerdem müsse Klaus Johannis weiterhin mit medialen Angriffen u. a. von russischer Seite rechnen. Aufgabe der europäischen Presse sei es nun, „verlässliche Informationen zu präsentieren und mit allen Mitteln des demokratisch verfassten Journalismus jegliche Propaganda zu entzaubern“. Dabei müsse der Präsident selbst für eine professionelle Kommunikation sorgen – denn die rumänische Öffentlichkeit erwarte, wie der Historiker Emilian Dranca zusammenfasste, mehr mediale Präsenz und unmittelbare Erklärungen seitens des Staatschefs. Dranca deutete dabei auf die teils kritischen Reaktionen von rumänischen Intellektuellen und Johannis-Unterstützern wie Adrian Papahagi oder Andrei Plesu nach den ersten Amtsmonaten des Präsidenten hin.

Einen Überblick über die derzeitigen außenpolitischen Herausforderungen gab Joseph C. Karl, der bis 2014 das Kultur- und Minderheitenreferat der deutschen Botschaft in Bukarest geleitet hat. Als „Wechsel von Brüchen und Konstanten“ an der Schnittstelle zwischen Interessen von Nachbarländern und Großmächten beschrieb Karl die rumänische Außenpolitik aus historischer Sicht – doch auch heute habe der rumänische Staatschef die schwierige Aufgabe, neben dringenden innenpolitischen Maßnahmen auch sicherheitspolitisch heikle Situationen und Auswirkungen von „exogenen Schocks“ zu meistern, etwa die Ukraine-Krise, die Probleme der Republik Moldau, den Expansionskurs Russlands und die Minderheitenfragen in Serbien und Ungarn. Auch deshalb dürfe man keine „messianischen Hoffnungen“ in die Präsidentschaft setzen, so das Fazit der abschließenden Podiumsdiskussion.

Christine Chiriac (KK)

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