Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1251.

Ein Kompendium, das „ins Offene“ führt

Die Region Ost- und Westpreußen mit Danzig war jahrhundertelang ein Raum von besonderer literarischer Produkti­vität, wie nur wenige deutschsprachige Gebiete. Von der Zeit des Deutschen Or­dens bis zum Zweiten Weltkrieg und mit den von dort geflüchteten und vertriebe­nen Schriftstellern und Dichtern unserer unmittelbaren Gegenwart entstand aus diesem Land heraus eine deutsche Lite­ratur erster Güte, vielfach Weltliteratur. Eine neue Gesamtdarstellung der Lite­ratur des Nordostens des deutschen Sprachraums ist ein Desiderat, und es ist zu befürchten, daß heutzutage kein ein­zelner Wissenschaftler mehr in der Lage ist, sich wie Helmut Motekat 1977 dieser Aufgabe zu stellen und ein solches Kompendium zu verfassen. Hoffen wir, daß in naher Zukunft ein Team sich zu einer solchen Tat befähigt fühlt.

Die Geschichte der Literatur und des literarischen Lebens der Region we­nigstens mosaikartig zusammenzutra­gen hat sich die vorliegende Veröffentli­chung zum Ziel gesetzt, mit Schriftstellerporträts, Überblicksdar­stellungen und Werkanalysen. Heraus­geber ist Jens Stüben vom Bun­desinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa und Lehrbeauftragter an der Universität Ol­denburg. Dreißig Germanisten und Literaturwissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Polen, Litauen und den Vereinigten Staaten, fast alle im universitären Bereich tätig, berichten in Ab­handlungen über berühmte und weniger bekannte Persönlichkeiten aus Ost- und Westpreußen, von Simon Dach bis Arno Surminski. Dies geschieht in freier The­menwahl und unterschiedlicher Metho­dik. Oft sind kulturgeographische Betrachtungen der Ausgangspunkt, wer­den die Beziehungen zwischen Her­kunft, Landschaft und literarischer Produktion aufgezeigt. Der Leser hat alle Aufsätze durchzuar­beiten, will er zu einem Überblick ge­langen, ein mühseliges Unterfangen beim breitgefächerten Spektrum und der unterschiedlichen Qualität der versam­melten Autoren. Persönlichkeiten wie Herder und E.T. A. Hoffmann, Suder­mann, Bobrowski waren mit ihren Werken zu ihrer Zeit von großer Bedeutung und sind es auch heute. Nicht immer sind die Bezüge zur Heimat wichtig oder ausschlaggebend, am ehe­sten bei Ernst Wiechert, Hermann Sudermann, Agnes Miegel, Johannes Bobrowski, Siegfried Lenz und Arno Surminski, aber auch bei Günter Grass.

Die Abhandlungen der vorliegenden Veröffentlichung wurden vom Heraus­geber annähernd nach ihren Inhalten chronologisch geordnet. Hervorzuheben ist die ausführliche Abhandlung über die Entwicklung deutscher Literatur aus Ost- und Westpreußen der letzten zwei Jahrhunderte von Ernst Ribbat (Universität Münster). Andere Beiträge überzeugen weniger. Der Leser muß sich einstellen auf zahl­reiche spezielle Werkinterpretationen mit ausgebreiteten Zitaten der jeweili­gen Schriftsteller und Dichter, wie sie nicht unbedingt zu einem Kompendium gehören.

Aktuelle Forschungsstände werden meist vermittelt. Sehr zu begrüßen ist der Beitrag von Alina Kuzborska aus Allenstein über Christian Donalitius (1714–1780), d. i. Kristijonas Donelaitis, der heute als Begründer der litaui­schen Nationalliteratur gefeiert wird, aber ebenso zur deutschen Literatur- und Kulturgeschichte Ostpreußens gehört. Daß Günter Grass, Siegfried Lenz und Arno Surminski beispielhaft aufzunehmen waren, versteht sich von selbst. Nützlich sind Aufsätze zu Paul Zech, Oskar Loerke und Alfred Brust, deren Werken die Fachwelt mehr Auf­merksamkeit schenken sollte.

Anderer­seits werden, wie schon der Herausgeber bedauert, längst nicht alle wichtigen Schriftsteller, die aus Ost- und West­preußen stammen, dort gelebt oder sich über das Land geäußert haben, vorge­stellt. Man vermißt beispielsweise Max Halbe und Paul Fechter, und es fehlt ein zumindest zusammenfassender Beitrag über die Erinnerungs- und Reiselitera­tur von Michael Wieck, Hans von Lehndorff, Marion Dönhoff, Christian von Krockow, Ulla Lachauer u. a. Hervorra­gend ist die Auswahlbibliographie des Herausgebers, die bereits für sich allein den Wert der Veröffentlichung be­stimmt.

Jens Stüben (Hg.): Ostpreußen, West­preußen, Danzig. Eine historische Lite­ratur-Landschaft. Oldenbourg,  München 2007, 762 S. (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Ge­schichte der Deutschen im östlichen Eu­ropa 30), 69,80 Euro

(KK – Die Künstlergilde)

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