Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1401.

Ein Kontinent als epischer Gegenstand

Bernd Posselt meistert eine objektive Herausforderung mit subjektiver Verve

Sein Erzählen ist mitnichten die „raunende Beschwörung des Imperfekts“, wie
Thomas Mann sie einst beschwor, vielmehr ist es
gegenwärtig
und geistes-
gegenwärtig: Bernd Posselt
Bild: Landsmannschaft der Sudetendeutschen

Europa hat viele Gesichter. Nimmt man Ansichten über Europa aus Wirtschaft und Kultur oder Perspektiven auf Europa aus verschiedenen regionalen Positionen hinzu, dann gewinnt das Europa-Mosaik eine vielfältige, facettenreiche Gestalt. Inwieweit bei einer solchen Vielfalt Europas noch eine Einheit zu erkennen ist, bleibt selbst aus wissenschaftlicher Sicht oft ein Rätsel. Die Politik trägt auch nicht gerade zur Klärung bei, sind doch der Europarat und die Europäische Union, das Europa der NATO und das des Euro oder das Schengen-Europa – alles historisch gewachsene Europa-Gestalten – vielen Europäern nicht so gut bekannt, dass sie in der Lage wären, die Unterschiede in dieser Morphologie Europas zu verstehen oder gar zu erläutern.

Jeder Europäer hat seinen eigenen, persönlichen und subjektiven Zugang zu Europa, meistens durch Reisen oder aufgrund der Lektüre über Reisen. Schon Johann Wolfgang von Goethe, der Geheimrat am Hof Sachsen-Weimar-Eisenach, reiste nach Italien, so wie später Rudolf Borchardt oder Ferdinand Gregorovius. Der französische Philosoph Voltaire reiste nach Berlin an den Hof Friedrichs des Großen. Der russische Zar Peter der Große reiste in die Niederlande, Lenin aus der Schweiz nach Sankt Petersburg. Europa war immer ein Reisekontinent, von den Handwerksburschen, die von einem Meister zum anderen wanderten, bis zu Studenten und Professoren, die zwischen den europäischen Universitäten hin und her wechselten, weil es die eine Sprache gab, in der sich alle Gelehrten Europas verständigen konnten, das Latein.

Das ist lange vorbei, und der moderne Massentourismus erinnert genauso wenig an alte europäische Wander-Traditionen, wie das über die heutigen Massenmedien verbreitete Halbwissen etwas Nennenswertes beiträgt zu einer fundierten Kenntnis über Europa, seine Gestalt, seine Geschichte und Kultur. Das heutige Bild Europas verwirrt eher, als dass es dem Betrachter Klarheit oder gar Halt gäbe bei seiner Orientierungssuche. Gottfried Benn würde sagen: „Ich möchte mir ein Stichwort borgen, allein bei wem?“

Heute heißt es Fokussieren, fotografieren konnte man es auch, zumal Karin Fischer in Marienbad: das Inbild dessen, was der Kontinent alles bedeuten mag: bunte Natur und christliche Kultur in eins
Bild: KünstlerGilde

Europa-Literatur sprießt allenthalben, unübersehbar, ist allerdings nicht immer ersprießlich. Oft ist sie dickleibig, langatmig und durchaus auch langweilig. Je nach dem Blickwinkel der Europabetrachtung ist bereits ein minderer Grad des Lesevergnügens zu vermuten oder zu befürchten. Viele Politiker lassen Bücher schreiben, „auf die die Welt gewartet hat“. Entsprechend kurzlebig ist dann auch die erhoffte Aufmerksamkeit. Wer also ein Buch über Europa schreiben will, sieht sich einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber.

Bernd Posselt hat ein in der heutigen Politik selten anzutreffendes Alleinstellungsmerkmal: Er kann erzählen. Wer ihm zuhört, wie er ohne erkennbare Schwierigkeiten in freier Rede seine Zuhörerschaft über eine Stunde lang in Atem hält, aus einem schier unerschöpflichen Wissen und reicher Erfahrung über Geschichte und Kultur Beispiele zu jedem Thema anführt, immer gewürzt mit eigenem Erleben und treffenden Anekdoten, der wird Zeuge einer Gabe, die heute nur wenige zu bieten haben. Diese Gabe hat nun Bernd Posselt ins Buch gesetzt: Er erzählt Europa, sein Europa.

Posselt war zwei Jahrzehnte Mitglied des Europäischen Parlaments (1994–2014). Schon in jungen Jahren war er seit Ende der 1970er Jahre als Pressesprecher und enger Vertrauter mit Otto von Habsburg (1912–2011) verbunden, der dem Europäischen Parlament von 1979 bis 1999 angehörte. Diese Zeit prägte Posselts Leben. In seinem Buch widmet er das sehr schöne Kapitel „Ein demokratischer Kaiser“ dem verehrten Lehrmeister.

Das Buch umfasst vier Gedankenkreise in knapp dreißig Kapiteln. Wichtige und aufschlussreiche Kapitel sind „Prophet ohne Mandat“ über den Gründer der Paneuropa-Union Richard Graf Coudenhove-Kalergi, „Eine Gründungsmutter“ über Louise Weiss, die Eröffnungspräsidentin des ersten direkt gewählten Parlaments 1979, „Zwei Riesen“ über Helmut Kohl und Franz Josef Strauß oder „Föderalistische Vorkämpfer“ wie Alfons Goppel.

Seine erzählerische und anekdotische Kraft entfaltet Posselt in Kapiteln wie „Das Reich an Donau und Rhein“, „Panzer am Brenner“ oder „Die EU als Sündenbock“, wo mit einer Reihe von immer wiederholten Missverständnissen über „Brüssel“ aufgeräumt wird. Sehr informativ wird die Frage behandelt: „Bleibt die EU minderheitenblind?“ Nun, bisher ist sie es geblieben. Auch „Heimat der Heimaten“ oder die Fragen nach dem Nationalstaat: „Muss Demokratie national sein?“, und dem Staat; „Wie macht man Staat?“, werden informativ behandelt. Zweifelloser Höhepunkt ist der Essay „Europa als Bauchgefühl“, in dem Posselt seine Leser auf einen kulinarischen Gang über den Kontinent mitnimmt. Man spürt, dass hier einer sehr genau weiß, wovon er spricht.

Wer viel erzählt, der lässt auch hier und da einen Stein des Gesprächs- oder Diskussions-Anstoßes fallen. Der Rezensent vermisst Hans-Joachim von Merkatz (1905–1982), der 1967 als Präsident des Ostdeutschen Kulturrates (OKR) Nachfolger von Coudenhove-Kalergi als Präsident der Paneuropa-Union wurde. Otto von Habsburg folgte erst 1973. Selbst auf der Homepage der Paneuropa-Union ist Merkatz nicht zu finden.

Otto Herbert Hajek hatte den künstlerischen Mut, statuarisch zu gestalten, was keineswegs statisch ist: Dynamisches
Bild: Privat

Im Dreißigjährigen Krieg weist Posselt dem schwedischen König Gustav II. Adolf eine Rolle als „aggressive Macht“ zu, aus kaiserlicher Sicht wohl zutreffend, aus anderer sicher nicht. Auch die Rede von der „Glaubensspaltung durch Martin Luthers Reformation“ kann so nicht akzeptiert werden. Sowohl in Augsburg 1530, dem Ort der heute von allen Katholiken gebilligten Confessio Augustana, als auch beim Regensburger Religionsgespräch 1542 waren es nicht die Theologen, schon gar nicht Philipp Melanchthon oder Martin Luther, die eine Glaubensspaltung betrieben. Vielmehr setzte Kaiser Karl V. seine Macht- und Reichsinteressen durch und hatte in Regensburg mit Barbara Blomberg auch anderes zu tun, als sich um Glaubensfragen zu kümmern. Der aus der Liebesbeziehung hervorgegangene Sprössling Juan d’Austria hat dann immerhin mitgeholfen, 1571 bei Lepanto Europa von den Türken zu befreien, worauf ein Denkmal in Regensburg hinweist.

Umgekehrt wird der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein völlig unberechtigtes Lob zuteil, wenn Posselt feststellt, sie habe das Reformationsjubiläum 2017 „sehr bewusst als europäisches Ereignis gestaltet“. Das kann man so nur sehen, wenn man „europäisch“ mit „westeuropäisch“ in eins setzt. Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen hat eigens ein Buch herausgebracht („Der Durchbruch kam im Osten. Die Reformation in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, den böhmischen Ländern und in Siebenbürgen“, Bonn 2018 – siehe auch KK 1398), um darauf hinzuweisen, dass die EKD für die Reformationsgeschichte im östlichen Europa keinen Blick hatte.

Posselts Europa-Erzählung kommt in der Betrachtung des Humanismus ohne die Reformation, in jener der Aufklärung ohne Immanuel Kant und bei seinen Überlegungen zur Toleranz ohne Preußen aus, wo immerhin die Humboldt’schen Reformen für die Bauernbefreiung und die Emanzipation der Juden sorgten. Außerdem war Friedrich II. von Preußen, der sich „fast nur auf Französisch ausdrückte“, wie Posselt zutreffend schreibt, so tolerant, dass in seinem Herrschaftsbereich „jeder nach seiner Façon selig werden“ konnte. Schon sein Vater Friedrich Wilhelm I. hatte über 20 000 evangelische Salzburger aufgenommen, die der brutale Bischof Firmian mit 6000 österreichischen Soldaten vertrieben hatte. Das tolerante Preußen war im 18. Jahrhundert Aufnahmeland für zahlreiche Glaubensflüchtlinge u. a. aus Frankreich (Hugenotten), Russland (Philipponen) und England (Mennoniten). – Übrigens wurden evangelische Christen in Spanien noch bis in die 1960er Jahre verfolgt und ins Gefängnis geworfen.

Die drei durchgängigen Linien von Posselts Europaerzählung sind die Geschichte der Paneuropäischen Bewegung und ihrer Persönlichkeiten von 1922 bis heute, das Christentum in seiner römisch-katholischen Kirche, deren Vertreter, vor allem Päpste und Bischöfe, ständig zitiert werden, und das Heilige Römische Reich vom Rhein bis an die Donau als europäisches Modell. Aus der Perspektive eines evangelischen Königsbergers, eines Pommern oder Brandenburgers erscheint diese Sicht etwas süd- und südwestlastig. Die soziale Dimension „unseres europäischen Lebensmodells“ sucht Posselt auf der „Grundlage der Katholischen Soziallehre“ zu erneuern. Die von Immanuel Kant formulierte „Selbstzweckformel“ aus der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ von 1797 schreibt Posselt dem Kardinal Reinhard Marx zu. Posselts Formulierung, Reichskanzler Bismarck habe eine „Schaukelpolitik“ betrieben, bedarf ebenfalls einer Korrektur, möglichst nach einem Besuch des Bismarck-Museums in Friedrichsruh.

Über den wirtschaftlichen Kern Europas ist in Posselts Erzählung wenig zu erfahren. So wird die Geschichte der Sozialen Marktwirtschaft, deren Ursprünge in dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus und vor allem bei fast ausschließlich evangelischen Denkern wie Alfred Müller Armack und Franz Böhm zu finden sind, kaum erwähnt. Die gemeinsame Währung Euro als „politisches Projekt“ wird gepriesen, ohne dass die nicht endenden Probleme mit dieser Gemeinschaftswährung auch nur erwähnt würden. Natürlich haben „wir“, wir Deutschen, viele Vorteile. Wir importieren Beschäftigung, während die Südländer Arbeitslosigkeit importieren. Zum Frieden hat diese Währung bisher nicht viel beigetragen, und der „Stabilitätsmechanismus“ funktioniert auch nicht, weil es in der Ökonomie keine „Mechanismen“ gibt, denen sich handelnde Menschen in freien Gesellschaften unterwerfen, und schon gar nicht in der Sozialen Marktwirtschaft.

Die Europa-Erzählung von Bernd Posselt wird – hoffentlich! – viele Gespräche und Diskussionen auslösen. Anlass dazu gibt es genug. Sein Buch will zum „Glauben an Europa“ ermutigen: ein hohes Ziel! Die Konturen des von Posselt erzählten Europa sind indessen nicht in allen Teilen geeignet, eine an Europa-Verdrossenheit leidende Bevölkerung zum Glauben zu bringen. Dazu bedarf es neben dem Buch der überzeugenden Rede. Und darin ist Posselt unübertroffen.

Klaus Weigelt (KK)

Bernd Posselt erzählt Europa. Geschichte und Personen – Bauplan und Visionen. Regensburg 2018, 239 Seiten.

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