Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1276.

Ein kurzes Poetinnenleben im langen Krieg

Es ist für heutige Zeitgenossen kaum vorstellbar, daß ein frühreifes Mädchen von zehn Jahren im 17. Jahrhundert, als geistige Betätigung noch gelehrten Männern vorbehalten war, nach den Regeln des berühmten Martin Opitz, der damals in Danzig wirkte, Verse zu schreiben begann. Nach anfänglicher Ablehnung schaffte es das Wunderkind, von der städtischen Gesellschaft ihrer Heimatstadt Greifswald anerkannt zu werden, so daß sie gebeten wurde, bei festlichen Anlässen ihre Gedichte vorzutragen, um die Würde des Geschehens zu erhöhen. Man feierte sie schließlich als die „pommersche Sappho".

Über 300 Gedichte, Gebete, auch Übersetzungen sowie ein Trauerspiel und ein Dramenfragment sind erhalten. Sie beeindrucken noch heute durch poetisches Können, tiefes Empfinden und eine bisweilen mystisch gegründete Religiosität. Sibylla Schwarz schuf ihre Dichtungen innerhalb weniger Jahre, denn sie wurde, mitten im Dreißigjährige Krieg geboren, nur 17 Jahre alt und starb 1638, als der endete.

Der Autor der ihr gewidmeten, „Romanbiografie" genannten Darstellung ihres Lebens versteht es, die Persönlichkeit dieses begabten jugendlichen Menschen im familiären Lebensumkreis und dem Ringen, neben tagtäglichen Belastungen dem dichterischen Werk Genüge zu tun, lebendig werden zu lassen. Dies rechtfertigt den Ansatz, über die wenigen authentischen Nachrichten hinaus aus vagen Andeutungen in den Dichtungen und bekannten Details der Stadtgeschichte eine fiktive Handlung zu entwickeln. Durch die Einflechtung von Texten der Sibylla Schwarz in die Beschreibungen von Ereignissen des engeren und weiteren gesellschaftlichen Lebens wird die sogenannte Gelegenheitsdichtung zu freudigen oder traurigen Anlässen plastisch vergegenwärtigt. Das ist eine dankenswerte Hilfe für Menschen unserer Zeit, dieses Genre der Barockdichtung in seiner damaligen „medialen" Effizienz zugänglich zu machen.

Der Wert der Romanbiographie liegt aber auch darin, daß das Leben in Greifswald während der harten Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit ihren vielfältigen Nöten und Wirren vergegenwärtigt wird und daß geistige Strömungen im Pommern der frühen Neuzeit mit dem Gegeneinander von Luthertum, Calvinismus und Katholizismus und den daraus resultierenden politischen und kriegerischen Auswirkungen thematisiert werden.

Hans-Jürgen Schulz ist es gelungen, mit dieser romanhaften Beschreibung des Lebens einer Dichterin in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges den Zugang zu ihren nicht immer leicht verständlichen Dichtungen von deren Hintergrund her zu eröffnen. Ein Quellenverzeichnis weist auf benutzte und weiterführende Literatur hin. Biographische Angaben über die auftretenden Personen sowie Begriffserklärungen stehen als Hilfsmittel zur Verfügung. Der Band, der noch einmal auf kleine Schreib- und Zeichensetzungsfehler durchgesehen werden müßte, ist ein wichtiger Beitrag zur Popularisierung von Person und Werk einer der frühesten deutschen Dichterinnen.

Roswitha Wisniewski (KK)

Hans-Jürgen Schumacher: … die Lieb’ ist mein Beginn. Sibylla Schwarz. Eine Dichterin in Pommern. Die Romanbiografie. buch macher autoren verlag, Mesekenhagen 2007. 517 S., 14,80 Euro

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