Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1217.

Ein lebendiger Fluß und ein lebhaftes Buch dazu

Die Oder galt als Lebensader Schlesiens, wurde dann Symbol einer Macht-, System- und Staatsgrenze und ist für viele ihrer Anwohner heute nichts anderes als eine traumatische Erinnerung an das Hochwasser 1997. Einst brachte es die Oder auf knapp 1000 km im mäandrierenden Verlauf vom mährischen Odergebirge bis zur Mündung in die Ostsee bei Swinemünde. In der Zeit Friedrichs des Großen und von Schlesiens Einverleibung durch das Königreich Preußen fanden die ersten planmäßigen Begradigungen statt. Zwecks verbesserter Schiffbarkeit folgten weitere Regulierungen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wichtigstes Transportgut war oberschlesische Kohle geworden, die in der prosperierenden Reichshauptstadt Berlin dringend gebraucht wurde. Ob Dampfmaschinen und Dampflokomotiven, Heizung oder Gasherstellung, alles basierte auf Kohle und Koks. Längst dominieren andere Energieträger und gibt es neue Versorgungswege. Ein letztes Kohlekraftwerk in Breslau und dessen Kohlenhalde stehen für das Ende einer Epoche.

Oder wird die Oder gar für größere Schubschiffe ausgebaut und bekommt als Wasserstraße neue Bedeutung? Wie steht es überhaupt um die Oder und um die Kenntnisse über ihr Flußsystem? An Informationen zu kommen, erleichtert nun eine wichtige Neuerscheinung. Der Berliner Journalist Uwe Rada hat sich auf Reisen entlang der Oder begeben. Seine Erlebnisse, Eindrücke, Gespräche und Recherchen sind zu einer Reportage verschmolzen. Viel ist zu erfahren, was für diesen Fluß charakteristisch oder zumindest typisch ist. Ist der Gedanke an den gemeinsamen Wirtschafts- und Kulturraum bloß alte Illusion oder neue Vision?

Rada bringt dazu aktuelle und facettenreiche Informationen. Neues zu bieten ist auch ohne tiefschürfende Archivrecherche möglich. Deutscherseits erschien erst- und zugleich letztmalig vor fast 50 Jahren ein Bildband „Die Oder – Ein deutscher Strom“. Es war Herbert Hupka, der sich auch dieses Themas annahm, als er in den 50er/60er Jahren ein halbes Dutzend populäre wie gehaltvolle Schlesienbücher herausgab. Sind viele davon heute noch als Neudrucke erhältlich, so ist diese Zusammenstellung mit knapp 100 Text- und ebenso vielen Bildseiten bezeichnenderweise nur in einer einzigen Auflage 1957 beim Verlag Gräfe und Unzer in München erschienen. „Seltsamerweise haben wir uns bis heute der Oder… in ihrer Eigenschaft als eines deutschen Stromes noch gar nicht so recht angenommen“, schrieb Hupka in seiner Einführung. Das nationale Attribut ließe sich heute so nicht mehr formulieren. Doch der Rest der Feststellung ist immer noch gültig.

Warum erschienen nicht wenigstens regionale Darstellungen zum Fluß und seinen Gegenden? Kann man das Bewußtsein von der Oder auf einen Nenner bringen? Radas Stärke liegt in seiner facettenreichen Berichterstattung, die dabei vieles gesamtheitlich erkennen läßt und doch weder chronologisch noch landschaftlich streng dem Flußlauf folgt. Der Autor schildert zahlreiche Episoden, die erkennen lassen, wie fern den Anwohnern der Fluß ist, wie sie erst suchend sich zu ihm aufmachen.

Viele Ansätze in dieser Richtung macht Rada einem breiteren Publikum, gerade auch einem deutschen, erstmals bekannt. Das ist auch dringend nötig, denn wo die Oder ihren Lauf beginnt und wo sie ihn beendet, ist sogar den meisten Anwohnern nur vage bekannt und schon gar nicht aus eigener Anschauung. Die persönlichen Erlebnisse prägen einen von Radas Erzählsträngen. Dazu gibt es das ganze Buch durchziehend eine Randleiste in kleinerer Type. Er nennt das „eine Flußreise durch Europa“.

Die zehn Kapitel der größer gedruckten Hauptspalte widmen sich übergreifenden Fragestellungen. „Ist die Oderflut von 1997 vergessen?“ „Gibt es eine Poetik der Oder?“ „Schließlich welche Oder wollen wir ?“ Das sind Leitfragen seiner Annäherung. Da wird viel Interessantes angeschnitten. Erneut deuten Daten und Zitate lokaler Protagonisten auf eigene Recherchen. Problematischer in diesem Mosaikbild sind die klugen Auszüge aus der Sekundärliteratur, ohne daß die Verweisstellen genannt würden. Leider wird häufiger auch auf die genauere Einordnung ihrer Verfasser verzichtet.

Zuweilen schafft Rada ein journalistisches Essay, das weit vom Thema abschweift. Oder braucht es seitenlange Ausführungen über Polens Bild von Friedrich dem Großen, dazu die unvermeidliche Geschichte von Polens Teilungen, oder Preußens Kulturkampf, das Wirken der Ansiedlungskommissionen und die sog. Ostforschung wirklich, wenn es um die Oder geht? Es scheint Rada mit diesen Teilen mehr um „den Osten“ insgesamt zu gehen, den er durch den Fluß symbolisiert sieht. Plakative Begriffe sind dabei leider verführerisch.

Einige Stätten haben es Rada besonders angetan. Ausführlich schildert er, wie sich Küstrin und Glogau der Stadtgeschichte besinnen. Bei der Ortschaft Aurith lesen wir darüber, wie die deutschen Bewohner die auf dem gegenüberliegenden polnischen Ufern langsam kennenlernten und die Systemgrenzen überwanden. Das Zisterzienserkloster Leubus durchzieht Radas ganzes Kapitel „Mitteleuropa im Mittelalter. Die Oder zwischen den Mächten“. Die Beobachtungen springen dabei in der Zeitachse. Für das deutsche Publikum neu, wird die Leubuser Stippvisite Michael Jacksons 1997 wie ein Aufmacher eingesetzt, doch viel mehr an Kauf- und Revitalisierungsabsichten unterstellt, als tatsächlich gegeben. Allerdings hat Jackson der Bekanntheit von Leubus mehr genützt, als er sich je vorstellen könnte.

Rada hat sich solcher Orte sensibel angenommen und zeichnet differenzierte Bilder. Dazu gehört auch das Plädoyer, die Oder in naturnahem Zustand zu belassen, ihre ökologische Funktion zu stärken und von einem wasserwirtschaftlichen Ausbau mit zweifelhaftem Bedarf abzusehen. Manche Ausbauvorhaben im schlesischen Oderverlauf werden dabei bloß angedeutet, aber nicht genauer erklärt. Bei solchen Passagen vermißt man weitere Informationen, denn genau die gehörten hierher.

Was wäre ein Buch über die Oder übrigens ohne Bilder von der Oder. Den Band durchziehen gute Farbphotos in unterschiedlicher Größe. Die meisten aktuellen Impressionen und Reproduktionen historischer Graphiken folgen des Autors Reiseroute flußabwärts. Dabei lassen sich die verschiedenen Erzählstränge nicht immer parallel bebildern. Anzumerken ist leider noch: Die vom Verlag besorgte Karte nennt in Polen bloß die polnischen Namensformen und zeigt nicht alle im Text genannten Stätten. Der Autor mischt deutsche und polnische Ortsnamen beliebig, was bei kleineren Orten wiederum die Orientierung erschwert.

Uwe Radas Buch „Die Oder“ verdient eine genaue Betrachtung und kritische Würdigung. Dem Autor ist für diese erste breite Würdigung des Flusses zu danken. Mit Symphatie hat er sich dem Fluß genähert und sich von ihm leiten lassen. Rada verfällt keinem Zweckoptimismus, huldigt keinen politischen Phrasen und räumt mit einigen Mythen auf. In seiner Diktion ist vieles richtig und einiges, wo es unterschiedliche Meinungen geben wird. Das ist auch verständlich bei einem langen Fluß mit unterschiedlichen Anliegern. Uwe Radas „Lebenslauf eines Flusses“ gehört in die Hände derer, die sich für Flüsse interessieren, und erst recht derer, die an diesem Fluß leben oder lebten.

Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 2005. 138 Abb., 222 S., 19,90 Euro

Stephan Kaiser (KK)

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