Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1389.

Ein Museum hat nicht museal zu sein

Deutsch-polnisches Kuratorentreffen im Haus Schlesien

Der Tisch ist eckig, die Säule rund – und so waren auch die Gespräche an dem Tisch
Bild: der Autor

Das Tagungsformat des intensiven Fach-Austausches zwischen Vertretern verschiedener Museen aus Deutschland und Polen hat sich – so der Tenor der Teilnehmer – als „sehr inspirierend und ertragreich“ erwiesen. Das Dokumentations- und Informationszentrum in Königswinter hat vor kurzem die nunmehr dritte Kuratoren-Tagung abgehalten, sie stieß ebenfalls auf gute Resonanz.

Die jüngste deutsch-polnische Arbeitstagung für die Kuratoren aus Museen und Kultureinrichtungen beider Länder wurde von Silke Findeisen, der Mitarbeiterin des Hauses Schlesien, organisiert und moderiert. In Anlehnung an die aktuelle Ausstellung „Typisch schlesisch!?“, die noch bis zum 22. April im Museum gezeigt wird, beschäftigten sich die Teilnehmer mit Fragen nach der schlesischen Identität, dem Regionalbewusstsein in Schlesien und den Nachbarregionen sowie mit allgemeinen Aspekten der regionalen Verwurzelung und dem Bewahren von regionalen Traditionen und Erinnerungen.

Der Themenbogen der Tagung war breit gespannt und reichte von den Traditionen der Niederschlesier und den Besonderheiten der schlesischen Stadt Görlitz bis hin zur Bedeutung der Weinbautradition in der Region Grünberg. Vorgestellt wurden auch konkrete Projekte und Einrichtungen, die sich darum bemühen, die regionale Identität zu bewahren oder gar erst erfahrbar zu machen. Das umfangreiche Vortragsprogramm war in drei Themenblöcke gegliedert und verlief mit Unterstützung des bewährten Dolmetschers und Mitorganisators Edward Borowski aus Jauer/Jawor zweisprachig.

Es ging um Beiträge rund um die Schwerpunkte „Schlesische Identitäten“, „Förderung des Regionalbewusstseins durch Kultur- und Bildungsarbeit“ sowie „Brauchtum und Esskultur als Indikatoren regionaler Identität“. Ein Besuch der Stiftung Konrad-Adenauer-Haus in Rhöndorf und der Erfahrungsaustausch mit den dortigen Kollegen rundete die Veranstaltung ab.

Henryk Dumin vom Riesengebirgsmuseum in Hirschberg / Muzeum Karkonoskie w Jeleniej Gorze sprach über „Die Phänomene der Beständigkeit. Regionale Traditionen im Leben der örtlichen Gemeinschaften Niederschlesiens“. Der Referent betonte, dass im Gegensatz zu der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg heute alle Differenzen, die früher belastend wirkten, für einen individuellen Vorteil gehalten werden.

„Das im Jahre 1984 in den Kulturzentren des südwestlichen Teiles Niederschlesiens eingeführte Programm zum Schutz der kulturellen Tradition des Dorfes wurde zur Richtschnur in den über 40 regionalen Kultureinrichtungen. Die Hauptbestandteile des Programms werden bis heute umgesetzt. Es richtet sich an Gesangsgruppen, dörfliche Theaterensembles, aber auch an Einzeldarsteller“, betonte Dumin in seiner Präsentation.

Dr. Martina Pietsch vom Schlesischen Museum zu Görlitz bot einen reich illustrierten Vortrag mit dem Titel „Görlitz in Schlesien, Schlesisches in Görlitz“. „Die Besonderheit ist, dass sich unser Museum in einer Stadt befindet, die in dem restlichen, 1945 bei Deutschland verbliebenen kleinen Teil Schlesiens westlich der Neiße, also westlich der deutsch-polnischen Grenze liegt. Somit haben wir eine besonders günstige Ausgangssituation für die Museumsarbeit innerhalb Deutschlands“, so Dr. Pietsch. Die Tagungsteilnehmer erfuhren, dass in Görlitz die schlesische Geschichte nicht allein als die Vergangenheit eines Landes dargestellt wird, das heute hinter einer Staatsgrenze liegt, sondern dass diese auch in die Lokal- und Regionalgeschichte reicht. „Wir sind ein deutsches Museum in Schlesien“, betont Dr. Pietsch.

Eine weitere Partnerinstitution, die mit Haus Schlesien in der Gestaltung von gemeinsamen Ausstellungen eng zusammenarbeitet, ist das Kreismuseum Neisse/ Muzeum Powiatowe w Nysie. Der Museumsleiter Edward Halajko referierte zum Thema „Schlesien – aber wo liegt es?“ Halajko versuchte am Beispiel des Kreises Neisse Hinweise auf das Regionalbewusstsein und auf die schlesischen Identitäten herauszuarbeiten. Der Referent stellte Besonderheiten der Bevölkerung in der östlichen Region Polens (Woiwodschaft Schlesien und ein Teil der Woiwodschaft Oppeln) und jener im westlichen Landesteil (ein Restgebiet des Oppelner Landes und Niederschlesien) gegenüber. Es steht fest, dass vor allem in den ländlichen Ost-Gebieten die Schlesier überwiegen, deren Wurzeln einige Generationen zurückreichen. Die schlesische Tradition ist dort naturgemäß immer noch lebendig. Im Westen wiederum wurden infolge des Bevölkerungsaustausches Menschen angesiedelt, deren Wurzeln außerhalb Schlesiens liegen.

Viele Oberschlesier fühlen sich bis heute sowohl als Polen als auch als Deutsche und pflegen eine regionale Identität. So hat Obeschlesien derer drei.

Grzegorz Studnicki vom Museum des Teschener Schlesien/ Muzeum Slaska Cieszynskiego w Cieszynie informierte über Aspekte der Identität dieses Landstrichs.
In seinem Vortrag „Eine Region zwischen den Identitäten. Die Projekte des Kulturreferenten für Oberschlesien“ zeigte Vasco Kretschmann die ethnische, nationale, kulturelle, sprachliche und soziale Vielschichtigkeit auf, die die Bewohnerschaft weitgehend geprägt hat. Der seit kurzem am Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen tätige Kulturreferent betonte: „Viele Oberschlesier fühlen sich bis heute sowohl als Polen als auch als Deutsche und pflegen eine regionale Identität“, so dass, „grob gesagt, Oberschlesien eine regionale, eine polnische und eine deutsche Identität hat“.

Den regen Erfahrungsaustausch der Kuratoren ergänzten weitere Referenten. Marcin Makuch vom Muzeum Miedzi w Legnicy bot den Beitrag „Auf der Suche nach eigener Identität. Die Bedeutung des Nachlasses des Liegnitzer Malers Walter Bayer“. Sonja Wissing von der Bezirksregierung Münster sprach über den NRW-Schülerwettbewerb „Begegnung mit Osteuropa“. Dr. Sabine Grabowski vom Gerhart-Hauptmann-Haus, Düsseldorf, referierte über „Verlorene Dörfer in Masuren“. Kornelius Ens vom Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold, stellte die „Integration und Identität der Deutschen aus Russland als Aufgabe und Herausforderung des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold“ in den Fokus seines Vortrages. Patricia Erkenberg vom Haus des Deutschen Ostens, München, begab sich „Auf Spurensuche in einer bayerischen Behörde. Identitätserhalt und Identitätsfindung im Münchner Haus des Deutschen Ostens“.

Zum Themenblock „Brauchtum und Esskultur als Indikatoren regionaler Identität“ trugen Arkadiusz Muła, Muzeum Regionalne w Jaworze, mit dem Vortrag „Regionale Ess- und Trinkspezialitäten als Bestandteil der Identität der Schlesier“ und Arkadiusz Cincio vom Muzeum Ziemi Lubuskiej w Zielonej Górze mit dem Referat „Schlesisch oder lebusisch? Kulturelle Identität der Weinbauregion Grünberg“ bei.

Dieter Göllner (KK)

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